Rezension – Der Duft von Kaffee und Kardamom

Im Rahmen der Frauen Lesechallenge von Wortlichter war das Themengebiet für das zweite Quartal 2017 „Bücher von Frauen aus Asien, Afrika & Südamerika“. Daher habe ich mich an Der Duft von Kaffee und Kardamom von Badreya El-Beshr aus Saudi-Arabien gewagt. Erschienen ist das Buch im Alawi Verlag. Weiterlesen „Rezension – Der Duft von Kaffee und Kardamom“

Rezension – Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Als eine Haushälterin ihren neuen Job antritt, bekommt sie es mit einem eher außergewöhnlichen Hausbewohner zu tun: der Mathematik-Professor hat nach einem tragischen Unfall nur noch ein sehr kurzes Gedächtnis. Nach genau 80 Minuten wird dieses quasi auf null gesetzt und er erinnert sich an das zuvor Geschehene nicht mehr. Doch die neue Haushälterin gewinnt sein Vertrauen und auch deren Sohn schließt er schnell ins Herz. Die verbindende Brücke ist dabei die Mathematik mit faszinierenden Zahlenrätseln, welche er mit großer Geduld vermittelt.
Doch dann setzt die Schwägerin des Professors der zarten Freundschaft ein Ende …

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Rezension – Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge

Vor vielen Jahren verlor Anthony Peardew ein Schmuckstück seiner großen Liebe. Seitdem sammelt er alle verlorenen Gegenstände, die er auf der Straße findet, etikettiert sie und nimmt sich fest vor, diese einmal an die Besitzer zurückzugeben. Doch er selbst findet das verlorene Medaillon, das ihm so wichtig ist, nicht. Schlussendlich muss er seine Aufgabe an seine Erbin Laura weitergeben, die plötzlich mit einem ganzen Haufen verlorener Dinge vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe steht. Weiterlesen „Rezension – Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge“

Rezension – 365. Wenn die Masken fallen

Charlotte Clark, Studentin und von allen nur Charly genannt, nimmt sich vor, im kommenden Jahr etwas Aufregendes zu erleben und ein außergewöhnliches Jahr zu verbringen. Dazu gehört auch, sich mit dem Firmenimperium ihres Vaters zu beschäftigen und Fuß in der Geschäftswelt zu fassen. Doch sie verstrickt sich immer mehr in einem Geflecht aus Liebe, Lügen, Reichtum und Kälte und hat eine ganze Menge Schläge einzustecken. Wie wird sie aus diesem Jahr hervorgehen? Weiterlesen „Rezension – 365. Wenn die Masken fallen“

Rezension – Ein geschenkter Anfang

Auf der bretonischen Île de Groix war Lou wohlbekannt und sehr beliebt. Auch nach mehreren Jahrzehnten Ehe waren sie und ihr Mann Jo noch schwerverliebt und genossen das Leben auf Groix. Doch dann stirbt Lou und die Familie scheint daran zu zerbrechen.
In ihrem Testament gibt sie Jo den Auftrag, sich mit ihren beiden gemeinsamen Kindern Cyrian und Sarah zu versöhnen und diese glücklich zu machen. Erst danach darf er die Flaschenpost öffnen, die sie ihm vermacht hat. Weiterlesen „Rezension – Ein geschenkter Anfang“

Rezension – A Man Called Ove

Ove hat Prinzipien. Und die müssen eingehalten werden. Also sorgt er in der Reihenhaussiedlung, in der er lebt für Recht und Ordnung, indem er die Einhaltung der Regeln überwacht.
Doch seitdem seine Frau Sonja gestorben ist und er außerdem altersbedingt seinen Job verloren hat, findet er keine rechte Freude mehr am Leben. Und so macht er sich in seiner pragmatischen Art daran, seinem Leben ein Ende zu setzen, um endlich seine geliebte Frau wieder zu treffen.
Die Vorbereitungen laufen auch richtig gut – bis nebenan eine neue Familie einzieht und zunächst einmal Oves Briefkasten über den Haufen fährt … Weiterlesen „Rezension – A Man Called Ove“

Rezension – Nussschale

Nussschale.jpegNussschale | Ian McEwan | Diogenes | erschienen 2016
aus dem Englischen: Nutshell | Übersetzer: Bernhard Robben
Hardcover: ISBN 978-3-257-06982-2 | 22€
E-Book: ISBN 978-3-257-60777-2 | 18,99€
Leseprobe

Trudy hat ein Verhältnis. Damit ist sie bestimmt nicht die einzige, aber erstens hat sie dieses Verhältnis mit Claude, dem Bruder ihres Mannes John, und zweitens gibt es einen Zeugen des Verhältnisses: einen sehr neugierigen, fast neun Monate alten Fötus in Trudys Bauch. Dieser ist Zuhörer, als Trudy und Claude einen Plan schmieden …

Wenn ein Buch mit dem Satz

So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau.
– S. 9

beginnt, dann macht das schon mal deutlich, dass dies kein Buch wie jedes andere ist. Zum einen wird schnell klar, dass es sich hier um eine sehr außergewöhnliche Hauptperson handelt.
Das Buch ist eine Hommage an Hamlet von William Shakespeare, hat aber eindeutig auch Charme für Leser, die den Hamlet nicht kennen – was auf mich zutrifft. Natürlich wusste ich, dass es dieses Stück gibt, aber ich hätte nicht einmal grob sagen können, worum es da nun geht. Nachdem ich das schnell gegoogelt hatte, offenbarte sich die ein oder andere Überschneidung: die moderne Gertrude in Form von Trudy, sowie deren Affäre Claudius, aus dem hier Claude wird, ebenso Rachegedanken des Sohnes. Außerdem macht McEwan immer wieder Anspielungen auf andere Dinge, wie „Sein oder Nichtsein“ und ich habe vermutlich den allergrößten Teil der Anspielungen nicht verstanden. Wie gesagt, macht es die Unkenntnis des Hamlet aber keineswegs zu einer weniger guten Lektüre.
Zum einen ist das Baby, auch ohne Vorwissen über Hamlet, ein echter Knüller. Bereits auf den ersten paar Seiten hat es bei mir für Lacher gesorgt. Das Buch wird komplett aus seiner Sicht erzählt, in der Ich-Perspektive, und handelt sich quasi um einen einzigen Monolog, wenn man einmal von den „belauschten“ Gesprächen Trudys absieht. Das Baby widmet sich sowohl den eher banalen Dingen, wie dem Wetter, als auch philosophischen Fragen, Podcasts, die seine Mutter sich anhört und natürlich: der Affäre Trudys. In Bezug darauf drehen sich seine Gedanken zunächst nur um seine Abneigung gegenüber Claude, zunehmend geht es aber auch um Trudy und Claudes Plan und wie seine Möglichkeiten sind, diesen aus dem Mutterleib heraus zu verhindern.

Nicht jedermann weiß, wie es ist, den Penis des Rivalen seines Vaters nur wenige Zentimeter vor der eigenen Nase zu haben.
– S. 37

Das Baby ist in seinen Ansichten sehr zynisch und philosophiert beispielsweise vor sich hin, welches Land denn nun optimal wäre, um darin geboren zu werden – und was für sein Geburtsland England spricht. Darin blitzt immer mal wieder der sehr schwarze, sehr britische Humor hervor, den ich zu lieben gelernt habe. Allerdings hat mir diese besondere Erzähler nicht immer gefallen. Manchmal erschien es mir zu zugespitzt und überzeichnet: dieser zynische, manchmal fast boshafte, zu Ausschweifungen neigende und weinliebende, fast durchgehend angeheiterte, zukünftige Mensch. Manchmal war es für mich einfach zu viel des Guten.

Ich teile mir gern ein Glas Wein mit meiner Mutter. Womöglich haben Sie es längst vergessen oder auch nie erlebt, wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt […] oder ein Sancerre […].
– S. 17

Damit erweist er sich schonmal als besserer Weinkenner als ich es vermutlich je sein werde.
Die anderen Charaktere, also Mutter Trudy, Vater John und Liebhaber Claude, sind sehr eindrücklich aus Sicht des Babys beschrieben. Das Baby lässt sich nicht lang und breit über die Charakterzüge seines Umfelds aus, sondern geht viel mehr auf deren Verhalten und Handlungen ein. Dadurch fiel es mir leicht, mir ein eigenes Bild zu schaffen und es gab diese Diskrepanz zwischen den Beschreibungen eines Charakters und dem Empfinden eines Lesers über den Charakter nicht. Andererseits beeinflusst die Perspektive des Erzählers natürlich die Perspektive des Lesers. So kann man Claude gar nicht wirklich als sympathisch empfinden, da das Baby zu viel Hass gegenüber seinem Onkel empfindet. Und bei Trudy fühlt man sich, wie der Kleine, hin- und hergerissen zwischen Abneigung gegenüber der Frau, die ihren Mann betrügt und sich zudem nicht wirklich vorbildlich verhält was die Schwangerschaft angeht (wie sonst kann ein Fötus über Burgunder und Sancerre Bescheid wissen?), und die unabdingbare Liebe eines Kindes gegenüber seiner Mutter. John steht da noch im besten Licht da: der Künstler, immer knapp bei Kasse, in „hoffnungsloser Liebe zu ihr“ (S. 30) gefangen, der sich eigentlich nur seine Frau zurückwünscht.
Davon einmal abgesehen, haben mich aber die Geschichte selber und die übergeordnete Idee, ein Ungeborenes als Erzähler zu haben, überzeugt. Dafür spricht schon, dass ich das Buch innerhalb weniger Stunden verschlungen habe. Es ist eine schöne Lektüre, die mich auch immer wieder zum Nachdenken angeregt hat: über elementare Dinge wie eine Schwangerschaft, aber auch über manche Absurditäten unserer Zeit und unserer Welt.
Allerdings haben sich die Monologe des zukünftigen Erdenbewohners manchmal doch zu sehr gezogen. Besonders zum Ende habe ich teilweise ganze Absätze nur noch überflogen, ohne genauer zu lesen. Das mag teilweise daran gelegen haben, dass ich wirklich unbedingt wissen wollte, welches Ende Trudy, Claude und das Baby nehmen. Aber hauptsächlich lag es daran, dass mich die gedanklichen Ergüsse wenig bis gar nicht fesseln konnten.

Alles in allem habe ich das Gefühl, dass dieses Buch durchaus bereichernd ist: mit seiner ungewöhnlichen Perspektive, seinem Witz und Zynismus hat es mir gut gefallen. Insbesondere zum Ende hin hätte man in meinen Augen den ein oder anderen Monolog aber durchaus kürzen können.

Keine Wahrheit schränkt das Leben so sehr ein wie die folgende: Es ist immer jetzt, immer hier, nie dann und da.
– S. 56

4Sterne

 

photo credit: Annalena McAfee
photo credit: Annalena McAfee

Über Ian McEwan:
McEwan wurde 1948 in Aldershot, GB, geboren und lebte bis zu seinem zwölften Lebensjahr mit seiner Familie im Ausland (u.a. Lybien, Singapur und Deutschland), da sein Vater Soldat war. Er studierte englische Literatur in Brighton und Norwich. Seine ersten Werke waren Kurzgeschichten-Sammlungen, die erste wurde 1975 veröffentlicht und wurde im Jahr darauf bereits mit einem Preis ausgezeichnet. 1978 erschien sein erster Roman, zwanzig Jahre später gewann er den Man Booker Prize für seinen Roman Amsterdam. Für den Preis war er insgesamt sechs Mal nominiert, daneben erhielt er zahlreiche andere Auszeichnungen, auch international.
Er ist in zweiter Ehe seit 1997 mit Annalena McAfee, ehemalige Redakteurin bei The Guardian, verheiratet. Mit seiner ersten Frau Penny Allen hat er zwei Söhne.
Quelle: Wikipedia

Weitere Meinungen zum Buch:

Rezension – Der Junge, der vom Frieden träumte

Der Junge, der vom Frieden träumte | Michelle Cohen Corasanti | Fischer | erschienen 2016
aus dem Englischen: The Almond Tree | Übersetzerin: Adelheid Zöfel
Taschenbuch: ISBN 978-3-596-03283-9 | 9,99€
E-Book: ISBN 978-3-10-403392-1 | 9,99€
Leseprobe

Nachdem Ahmed beobachten muss, wie seine 2jährige Schwester Amal von einer Bodenmine getötet wird, ist nichts mehr, wie es zuvor war. Als kurz danach sein Vater verhaftet wird, muss der 12 Jahre alte Ahmed für seine Familie sorgen. Doch dann eröffnet sich ihm eine unglaubliche Chance: er erhält ein Stipendium für die Universität in Tel Aviv. Für ihn ist es der Weg aus der Armut und auch seiner Familie will er unter die Arme greifen. Aber er ist der einzige Palästinenser an einer israelischen Universität und auch die Palästinenser nehmen es ihm übel, dass er sich mit dem Feind einlässt.

Wenn wir etwas über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser hören, dann meistens nur, weil es im Gaza-Streifen einen Selbstmordanschlag gab. Und ehrlich gesagt, ging es mir persönlich immer so, dass ich zwar durchaus verstand, dass die Situation im Gaza-Streifen nicht in Ordnung ist, aber letztendlich habe ich den Israelis ihren Staat schon sehr gewünscht. Umso wichtiger erscheint es mir, dieses Buch zu lesen. Es zeigt die Perspektive Palästinas auf und der Autorin gelingt das Kunststück, die Fehler beider Seiten aufzuzeigen, ein zutiefst hoffnungsloses Buch zu schreiben und doch Hoffnung zu wecken.
In diesem Buch werden viele Themen vereinigt, ohne das Buch dabei zu überladen. Vorherrschend ist natürlich die Situation in Palästina und das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern. Mir war nie klar, wie sich der Aufbau des Staates Israels letztendlich vollzogen hat. Der genaue Ablauf wird im Buch zwar nicht dargestellt, aber ich denke, es wird doch deutlich, dass wir uns öfters auch mal mit der Seite der Palästinenser auseinandersetzen sollten. Denn wie die Heiligen haben sich die Israelis, besonders zu Beginn dieses Buches, in den 50er Jahren, nicht verhalten. Und hier bildet sich ein Dilemma, das mich auch sehr beschäftigt hat: wie schon erwähnt, wünscht man den Juden ihren Staat. Aber der Westen hat sich des Problems natürlich ein Stück weit auch entledigt, indem man nach dem Zweiten Weltkrieg einfach beschlossen hat, den Juden einen Teil Palästinas zuzuschlagen. Dass die einheimische Bevölkerung sich danach im Stich gelassen fühlte, wird im Buch deutlich – und verständlich. Durch die palästinensische Sichtweise kann man sich sehr gut in die Gefühlswelt der Araber einfühlen. Es wird aufgezeigt, wie oft die Palästinenser auf Hilfe aus der internationalen Gemeinschaft hofften und wie oft sie diese auch dringend nötig hätten – diese sich aber einfach nicht rührte. So werden auch viele andere Entwicklungen im Nahen Osten während des Buches nachvollzogen und letztendlich verständlich. Insbesondere hat mich hierbei die Hinwendung zur Hamas beschäftigt. Gegen Ende des Buches reist Ahmed in den Gaza-Streifen zu seinem Bruder – und wird Zeuge eines Elends, dass sich vermutlich nur noch die Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg vorstellen können. Die abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit der Menschen dort wird von der Autorin mit wenigen Worten und doch tief berührend wiedergegeben. Allein während dieser Episode bin ich mehrmals den Tränen nahe gewesen. Es wird nicht der Versuch unternommen, die Taten der Hamas zu verteidigen. Aber es wird gezeigt, warum die Menschen sich der Hamas überhaupt anschlosssen. Und obwohl man nie in der gleichen Situation war (und ich auch die Hoffnung habe, es nie sein zu müssen), konnte ich deren Beweggründe nachvollziehen. Wenn die eigenen Kinder keinerlei Ausssichten haben und sich die Weltengemeinschaft nicht für das Elend der eigenen Bevölkerungsgruppe interesssiert, kann ich nachvollziehen, warum ein Selbstmordanschlag zu einem letzten verzweifelten Mittel der Aufmerksamkeitsschaffung wird. Natürlich ist es das nicht für alle, oft genug stecken ideologische Gründe dahinter. Aber dass dies nicht immer der Fall ist, wird hier schön dargestellt.

„Sie hindern mich daran, meinen Verstand zu gebrauchen, also muss ich meinen Körper einsetzen. Er ist die einzige Waffe, die mir noch geblieben ist.“
– Khaled Hamid, S. 383

Gleichzeitig wird der Wahrheitsgehalt des Sprichworts „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ wieder einmal bewiesen. Vielleicht das Inspirierenste an diesem Buch ist, dass  die Palästinenser (zumindest in diesem Buch) selbst in den elendesten Situationen lachen können und Gründe zum Feiern finden. Besonders im Gaza-Streifen wird aber auch deutlich, dass es, wenn die Hoffnung einmal gestorben ist, kaum noch Gründe zum Leben gibt. Dadurch wurde das Buch für mich auch zu einer hochemotionalen Lektüre. Ich saß sehr oft in der Bahn und konnte die Tränen nicht zurückhalten.
Corasanti schafft mit wenigen Worten ein Gefühl für die Personen und die Atmosphäre zu schaffen. Es geht weniger darum, in ewig langen Paragraphen die Landschaft oder Situationen beschreiben. Manchmal ist fast erschreckender, wie sachlich sie über furchtbare Vorgänge schreibt.
Weniger sachlich beschreibt sie die Charaktere. Besonders Ahmed lernt man im Laufe der Geschichte ziemlich gut kennen – verständlicherweise, denn das Buch wird komplett aus seiner Perspektive geschrieben. Man kann richtig mit ihm fühlen und im größten Teil des Buches auch mit ihm leiden. Während des Buches war ich aber nicht immer ganz warm mit ihm. Es erschien mir oft so, dass er sich nach dem Erhalt des Stipendiums ein bisschen aus der Verantwortung zieht. Er schickt seiner Familie zwar Geld, aber er ist meiner Meinung nach sehr naiv in dem Glauben, dass dies alles verändert. Meiner Meinung nach verschließt er die Augen vor der Realität und sieht oft nur, was er sehen will. Durch seine Hilfe geht es seiner Familie zwar gut, aber dem Großteil der Menschen in Palästina und dem Gaza-Streifen geht es eben nicht gut. Das scheint ihn aber kaum zu kümmern, bis ihm klar wird, dass sein Bruder davon betroffen ist. Natürlich kann ein einzelner Mensch nicht die Welt ändern, aber ich habe mir oftmals mehr Einblick in das Leben der Palästinenser gewünscht. Und ich fand es sehr verwirrend, dass Ahmed so über das Elend im Gaza-Streifen erstaunt ist.
Allerdings ist der Nahostkonflikt nicht das einzige Thema des Buches. Wie ein roter Faden zieht sich auch Ahmeds Liebe zu den Naturwissenschaften durch die Geschichte. Sie ist sein Weg aus dem Elend seines Heimatlandes und bietet ihm die Möglichkeit, seiner Familie zu helfen. Außerdem werden die Wissenschaften im Buch auch zu Friedensstiftern. Sie zeigen, dass man über alle geographischen, sexuellen und religiösen Grenzen hinweg Freundschaften schließen kann. Daraus ergibt sich das Hoffnungsvollste an diesem Buch: Freundschaft und Frieden sind hier möglich und es erscheint gar nicht so abwegig, dass die Menschheit vielleicht doch eines Tages aus Büchern lernt – hoffen kann man das zumindest!

Ich denke, was die Huffington Post geschrieben hat, stimmt: „[The Almond Tree is] an epic drama of the proportions of The Kite Runner, but set in Palestine.“ Ein unglaublich berührendes Buch, das ich nur empfehlen kann und welches viel mehr im Gespräch sein sollte. Also: lest es!

goldene_SterneÜber Michelle Cohen Corasanti:
Corasanti wurde Mitte der 1960er im Bundesstaat New York geboren. Mit sechzehn wurde sie von ihren jüdischen Eltern nach Israel geschickt, unter anderem um Hebräisch zu lernen. Dort machte sie ihren Abschluss in Nahostwissenschaften. Sie ist mittlerweile Anwältin für Menschenrechte. Der Junge, der vom Frieden träumte ist ihr erstes Buch.
Quelle: Buch, Website zum Buch (die Seite solltet ihr besuchen; Corasantis Biographie ist unglaublich interessant – ich konnte sie hier leider nicht komplett wiedergeben)

Weitere Meinungen zum Buch:

Kaufen könnt ihr das Buch beim Fischer Verlag und auf buecher.de

Rezension – Realitätsgewitter

realitaetsgewitter
Quelle: Aufbau Verlag

Realitätsgewitter | Julia Zange | Aufbau | erschienen 2016
Hardcover: ISBN 978-3-351-03658-4 | 17,95€
E-Book: ISBN 978-3-8412-1172-9 | 12,99€
Leseprobe

Marla wirkt wie das Musterbeispiel einer deutschen Studentin: Sex, Drogen, eher wenig Uni, dafür viel Party, den Lebensstil lässt sie sich von ihren Eltern finanzieren, zu denen sie ansonsten kein Verhältnis hat und eigentlich weiß sie nicht so genau, wohin mit sich. Doch plötzlich bekommt ihre Fassade Risse und Marla fragt sich, ob das eigentlich wirklich ihr Leben ist, so wie sie es haben will. Eine Reise in ihre Heimat führt sie schließlich nach Sylt – immer auf der Suche nach sich selbst.

Marla ist schnell zu einer dieser Protagonisten geworden, zu denen ich ein ambivalentes Verhältnis habe. Einerseits konnte ich mich stellenweise gar nicht in sie einfühlen. Ihr Lebensstil unterscheidet sich zu stark von meinem und auch viele ihrer Ansichten konnte ich nicht teilen. Beispielsweise verstand ich nicht, wieso sie sich von ihren Eltern aushalten lässt – eine Sache, die mir zutiefst zuwider wäre. Sie lebt besonders zu Beginn ein Leben, das für mich niemals das Richtige sein könnte. Die Menschen, die sie um sich schart, entsprechen so gar nicht den Menschen in meinem Freundeskreis.
Andererseits fiel es mir oft erstaunlich leicht, mich in sie einzufühlen. Ihre verzweifelte Suche nach Zuneigung kann einen vermutlich gar nicht kaltlassen und bei der Konfrontation mit ihrer Mutter hat sie mir unglaublich leid getan.
Der Schluss war mir zu schwammig. Als sie von Sylt nach Berlin zurückkehrt, ist sie verändert, fühlt sich anders. Mir hat sich aber nicht erschlossen, was diesen Wandel bewirkt hat. Sie wirkt auf mich durchaus anders, entschlossener, mit sich selber eher im Reinen, als hätte sie etwas überwunden. Mir gefällt diese Marla ehrlich gesagt besser. Aber warum sie sich nun verändert hat, das wurde mir nicht klar.
Zudem hatte ich immer das Gefühl, dass die Autorin mir unbedingt etwas sagen will, die Moral von der Geschicht‘ quasi. Gleichzeitig hatte ich auch das Gefühl, dass ich einfach nicht auf diese Moral komme und kommen werde. Und das hat mich mit einer leichten Frustration zurückgelassen. Natürlich kann man sich dadurch seine eigenen Gründe zusammenreimen und sich möglicherweise auch eher mit Marla identifizieren. Aber ich bin und war kein „Zwischen den Zeilen lesen“-Typ. Daher hat mir das ein bisschen sauer aufgestoßen.

Marla und ihr Leben bieten die Möglichkeit, sich mit ihr zu identifizieren – sie scheint von allem etwas mitzunehmen. Der Schreibstil ist gut zu lesen und mit 157 Seiten ist es auch kein übermäßig dickes Buch. So ganz überzeugen konnte es mich allerdings nicht.

Tatsächlich habe ich gerade gar keine Ahnung, wo ich hingehöre, wer ich bin, was ich mit meinem Leben machen soll, ob alles eine Lüge ist oder ob ich eine Lüge bin.
– Marla (14% Kindle Edition)

4Sterne

Über Julia Zange:
Zange wurde 1987 geboren und studierte in Berlin Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Ihr erster Roman, Die Anstalt der besseren Mädchen, erschien 2008. Außerdem veröffentlichte sie mehrere Kurzgeschichten.
Julia Zange ist auch als Schauspielerin tätig und debütierte als Hauptdarstellerin in dem Film Mein Bruder Robert, der 2017 erscheinen wird.
Quelle: Wikipedia

Live erleben kann man die Autorin am 17. und 24. November in Berlin. Mehr Infos dazu auf der Website des Aufbau Verlags.

Weitere Meinungen zum Buch:


Vielen Dank an NetGalley und den Aufbau Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Rezension – Nach einer wahren Geschichte

Nach_einer_wahren_GeschichteNach einer wahren Geschichte | Delphine de Vigan | Dumont | erschienen 2016
aus dem Französischen: D’après une histoire vraie | Übersetzerin: Doris Heinemann
Hardcover: ISBN 979-3-8321-9830-5 | €23,-
E-Book: ISBN 978-3-8321-8927-3 | €18,99
Leseprobe

Bei einer Party lernt die zurückhaltende Autorin Delphine die elegante L. kennen und ist von ihr beeindruckt. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Doch L. sorgt mit ihrer leidenschaftlichen Meinung, dass Delphine ein wahres und kein fiktionales Buch schreiben soll, bei dieser für Verunsicherung, die schließlich dazu führt, dass Delphine nicht mehr schreiben kann. L. übernimmt immer mehr Aufgaben für sie und distanziert Delphine von deren Freunden. So ist sie allein, als sie merkt, dass L. ihr immer ähnlicher wird.

Auf Vorablesen.de konnte ich die Leseprobe des Buches lesen und wollte danach unbedingt wissen, wie es weitergeht; ob es der Autorin gelingt, auch im weiteren Verlauf des Buches die Spannung aufrechtzuerhalten, die sich bereits in der Leseprobe entwickelt. Nach dem Lesen kann ich sagen: ja, es gelingt ihr. Dieses Buch hat meine Erwartungen eindeutig erfüllt, womöglich sogar noch übertroffen.
Einmal angefangen konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. De Vigan beschreibt zunächst, wie sich die Freundschaft zwischen ihr und L. entwickelt, doch da sie immer wieder Andeutungen fallen lässt, dass die Freundschaft kein gutes Ende nimmt, ist man voller Erwartung. Man will unbedingt wissen, was zwischen ihr und L. vorfällt, wie und wodurch die Freundschaft in die Brüche geht. Hinzu kommt ein Ende, dass für mich gleichzeitig befriedigend und enttäuschend war und so schnell bestimmt nicht in Vergessenheit gerät. So wird das Buch zu einem Pageturner, der mich nicht mehr losgelassen hat und sogar Gegenstand meiner Träume wurde.
Gleichzeitig spielt die Autorin mit Fantasie und Realität und vermischt die beiden so geschickt, dass man sich während des Lesens unwillkührlich immer fragt: Was ist autobiographisch? Was ist Fiktion? Gut möglich, dass auch dies einen Reiz des Buches ausmacht, der unbedingte Wille zu erfahren, wie viel auf der Wahrheit beruht.
Hinzu kommt, dass mir der Schreibstil sehr gut gefallen hat. Da es aus Delphines Sicht geschrieben ist, kann man sich sehr gut in sie einfühlen. Ich fand es auch erstaunlich, dass ich mich oft mit ihr identifizieren konnte, obwohl sie aus einer ganz anderen Altersgruppe mit ganz anderen Erfahrungen und Sorgen kommt. Dennoch viel es mir meistens sehr leicht, mich in sie einzufühlen, ihre Handlungen und Gedanken zu verstehen.

Ich kann euch dieses Buch nur empfehlen, es ist eine spannende Geschichte über die Mischung von Realität und Fantasie und hat mich lange beschäftigt.

Menschen, die die echten, die wichtigen Fragen stellen, sind selten.
– Delphine de Vigan (S. 41)

5Sterne

Über Delphine de Vigan:
Vigan wurde 1966 geboren. Unter dem Pseudonym Lou Delvig erschien 2001 ihr erster Roman, der Durchbruch gelang ihr 2007 mit No et moi (dt.: No & ich). Seitdem lebt sie vom Schreiben und gilt seit Rien ne s’oppose à la nuit (dt.: Das Lächeln meiner Mutter) von 2010 als eine der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Frankreichs.
Zusammen mit ihren Kindern lebt sie in Paris.
Quelle: Dumont Verlag & Wikipedia

Kaufen kann man das Buch bei buecher.de


Vielen Dank an Vorablesen.de und den Dumont Verlag für das Rezensionsexemplar!