Rezension – Ziemlich beste Mütter

Als Marie erfährt, dass der Vater ihres Sohnes Florian heiraten wird, beschließt sie, dass es Zeit für einen Tapetenwechsel wird. Daher zieht sie samt Kind und Kegel von Berlin nach München. Dort steht Florians Einschulung vor der Tür – und der erste Elternabend entwickelt sich zu einer Katastrophe. Überall um sie herum Super-Mütter, die sich jetzt schon Gedanken um die Zukunft ihrer Kinder machen. Gut, dass sie da Olivia, Katrin und Alexa trifft: mit bissigem Humor und ganz viel Imperfektionismus stellen sich die vier den ehrgeizigen Helikoptermüttern gegenüber und schaffen es nebenbei noch, ihre Kinder trotz Zucker und Smartphone zu erziehen. Und vielleicht findet Marie in Berlin ja doch eine neue Liebe?
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Vielen Dank an den Aufbau Verlag und NetGalley.de für dieses Rezensionsexemplar!

Sie hatte nicht einmal geahnt, was für eine Bürde das ist, Kind zu sein. Und welche heroischen Herausforderungen an eine Mutter gestellt würden.
– Marie, Pos. 130 Kindle Edition

Bei diesem Buch war für mich die Überlegung, welchem Genre es zuzuordnen ist, am Zeitintensivsten.
Ja, es hat Humor, bissigen, aber das ist nicht Sinn und Zweck des Buches.
Auch ein Liebesroman ist es nicht. Die Liebe in ihren unterschiedlichen Formen spielt zwar eine Rolle, aber viel wichtiger ist die Freundschaft zwischen den vier Frauen. Die Hilfsbereitschaft untereinander und gegenüber Dritten. Das miteinander Lachen, aber auch das Durchstehen schwerer Stunden.
Schlussendlich wurde es dann das Label „Gegenwartsliteratur“. Die dargestellten Familiensituationen und Probleme geben in meinen Augen wieder, was in unserer Gesellschaft heute möglich ist, aber auch, welche Probleme sich daraus ergeben.

Eines der schönsten Dinge an diesem Buch ist meines Erachtens die Unvollkommenheit, die von allen Seiten an den Tag gelegt wird. Sei es nun in Sachen Liebe, bei der Kindererziehung oder beim ganz normalen Wahnsinn. Die vier Freundinnen machen Fehler und lernen (gemeinsam), damit umzugehen. Auch die anderen Protagonisten sind nicht von Perfektionismus geprägt. Mir fiel es dadurch sehr leicht, mich mit ihnen zu identifizieren. Insbesondere die vier Mütter hatte ich schon nach kurzer Zeit ins Herz geschlossen und lachte mit ihnen mit.

Hinzu kommt, dass Hanna Simon einen sehr angenehmen, leichten Schreibstil hat, der genau zum Buch passt. Ich bin förmlich durch die Seiten geflogen und habe mich an der Geschichte erfreut. Sie arbeitet teilweise durchaus mit Klischees, gerade bei den Helikoptermüttern. Aber sie treibt es nicht zu weit und hat differenzierte Hauptpersonen geschaffen. Sie treffen irrationale Entscheidungen, wissen manchmal nicht so recht, wohin mit sich und sind hin- und hergerissen zwischen widersprüchlichen Gefühlen. All das lässt die Personen sehr real wirken.

Als Mutter kann man alles tun, was man will. Man kann noch mehr Kinder bekommen, keines mehr bekommen, heiraten, sich scheiden lassen, Affären haben, Karriere machen, arbeitslos werden, Tiere halten, Gutes tun, schlecht sein, sich toll anziehen oder das mit der Körperpflege ganz einstellen.
Nur eines kann eine Mutter nicht: ausschlafen.
– Marie, Pos. 2352 Kindle Edition

Zuckersüß außerdem die Bagage Kinder im Buch. Florian, Maries Sohn, ist ein kleines Goldstück. Eine liebenswerte Mischung aus der Egozentrik, die Kinder nun einmal haben, und einem Einfühlungsvermögen, das man Kindern oft nicht zutraut. Liebenswert auch die Art, wie Kinder Freundschaften mit allen schließen können – egal wie alt, woher, welches Geschlecht oder wer die Eltern sind. Nur das Benehmen spielt eine Rolle. Und sollten wir uns in diesem Punkt nicht eigentlich alle ein Beispiel an Kindern nehmen?

Ich bin wirklich froh, dass ich dieses Buch gelesen habe! Es ist lustig, spannend, traurig und noch so viel mehr. Es ist eine Liebeserklärung an Freundschaften, die Höhen und Tiefen überstehen, und an die Menschen mit all ihren Fehlern. Vor allem zeigt es, dass Mütter nicht perfekt sein müssen, um gute Mütter zu sein. Und ganz nebenbei ist es super zu lesen.

„Natürlich ist sie verrückt. Sie liest zu viele Bücher.“
– Olivia, Pos. 4460 Kindle-Edition

Über Hanna Simon:
Simon wurde 1970 geboren und arbeitete lange Zeit als Projektleiterin.
Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann und den beiden gemeinsamen Söhnen bei Frankfurt am Main.
Quelle: Aufbau Verlag

Weitere Meinung zum Buch:

  • Mein Bücherchaos (2 Punkte; „Ich bin nicht in die Geschichte reingekommen und auch mit der Protagonistin wurde ich nicht warm.“)

Bildquelle Cover: Aufbau Verlag
Bildquelle Freundinnen: Christian Kolbow

Rezension – Und jetzt auch noch Liebe

Als Emma schwanger wird, trifft sie eine ungewöhnliche Entscheidung: ihr langjähriger Freund, und Vater des Kindes, Ned ist nicht der Richtige, um eine Familie zu gründen, daher beendet sie die Beziehung. Kurz nachdem sie mit ihm Schluss gemacht hat, verliert sie auch noch ihren Job und muss sich auf ihre chaotische Familie verlassen. Und als sie doch den Einen findet, will dieser eine andere heiraten. Dabei hat sie gerade eigentlich überhaupt keinen Kopf, sich um die Liebe zu kümmern – insbesondere, da der Geburtstermin näher und näher rückt.

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Rezension – Der Duft von Kaffee und Kardamom

Im Rahmen der Frauen Lesechallenge von Wortlichter war das Themengebiet für das zweite Quartal 2017 „Bücher von Frauen aus Asien, Afrika & Südamerika“. Daher habe ich mich an Der Duft von Kaffee und Kardamom von Badreya El-Beshr aus Saudi-Arabien gewagt. Erschienen ist das Buch im Alawi Verlag. „Rezension – Der Duft von Kaffee und Kardamom“ weiterlesen

Rezension – Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Als eine Haushälterin ihren neuen Job antritt, bekommt sie es mit einem eher außergewöhnlichen Hausbewohner zu tun: der Mathematik-Professor hat nach einem tragischen Unfall nur noch ein sehr kurzes Gedächtnis. Nach genau 80 Minuten wird dieses quasi auf null gesetzt und er erinnert sich an das zuvor Geschehene nicht mehr. Doch die neue Haushälterin gewinnt sein Vertrauen und auch deren Sohn schließt er schnell ins Herz. Die verbindende Brücke ist dabei die Mathematik mit faszinierenden Zahlenrätseln, welche er mit großer Geduld vermittelt.
Doch dann setzt die Schwägerin des Professors der zarten Freundschaft ein Ende …

„Rezension – Das Geheimnis der Eulerschen Formel“ weiterlesen

Rezension – Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge

Vor vielen Jahren verlor Anthony Peardew ein Schmuckstück seiner großen Liebe. Seitdem sammelt er alle verlorenen Gegenstände, die er auf der Straße findet, etikettiert sie und nimmt sich fest vor, diese einmal an die Besitzer zurückzugeben. Doch er selbst findet das verlorene Medaillon, das ihm so wichtig ist, nicht. Schlussendlich muss er seine Aufgabe an seine Erbin Laura weitergeben, die plötzlich mit einem ganzen Haufen verlorener Dinge vor einer scheinbar unlösbaren Aufgabe steht. „Rezension – Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge“ weiterlesen

Rezension – 365. Wenn die Masken fallen

Charlotte Clark, Studentin und von allen nur Charly genannt, nimmt sich vor, im kommenden Jahr etwas Aufregendes zu erleben und ein außergewöhnliches Jahr zu verbringen. Dazu gehört auch, sich mit dem Firmenimperium ihres Vaters zu beschäftigen und Fuß in der Geschäftswelt zu fassen. Doch sie verstrickt sich immer mehr in einem Geflecht aus Liebe, Lügen, Reichtum und Kälte und hat eine ganze Menge Schläge einzustecken. Wie wird sie aus diesem Jahr hervorgehen? „Rezension – 365. Wenn die Masken fallen“ weiterlesen

Rezension – Ein geschenkter Anfang

Auf der bretonischen Île de Groix war Lou wohlbekannt und sehr beliebt. Auch nach mehreren Jahrzehnten Ehe waren sie und ihr Mann Jo noch schwerverliebt und genossen das Leben auf Groix. Doch dann stirbt Lou und die Familie scheint daran zu zerbrechen.
In ihrem Testament gibt sie Jo den Auftrag, sich mit ihren beiden gemeinsamen Kindern Cyrian und Sarah zu versöhnen und diese glücklich zu machen. Erst danach darf er die Flaschenpost öffnen, die sie ihm vermacht hat. „Rezension – Ein geschenkter Anfang“ weiterlesen

Rezension – A Man Called Ove

Ove hat Prinzipien. Und die müssen eingehalten werden. Also sorgt er in der Reihenhaussiedlung, in der er lebt für Recht und Ordnung, indem er die Einhaltung der Regeln überwacht.
Doch seitdem seine Frau Sonja gestorben ist und er außerdem altersbedingt seinen Job verloren hat, findet er keine rechte Freude mehr am Leben. Und so macht er sich in seiner pragmatischen Art daran, seinem Leben ein Ende zu setzen, um endlich seine geliebte Frau wieder zu treffen.
Die Vorbereitungen laufen auch richtig gut – bis nebenan eine neue Familie einzieht und zunächst einmal Oves Briefkasten über den Haufen fährt … „Rezension – A Man Called Ove“ weiterlesen

Rezension – Nussschale

Nussschale.jpegNussschale | Ian McEwan | Diogenes | erschienen 2016
aus dem Englischen: Nutshell | Übersetzer: Bernhard Robben
Hardcover: ISBN 978-3-257-06982-2 | 22€
E-Book: ISBN 978-3-257-60777-2 | 18,99€
Leseprobe

Trudy hat ein Verhältnis. Damit ist sie bestimmt nicht die einzige, aber erstens hat sie dieses Verhältnis mit Claude, dem Bruder ihres Mannes John, und zweitens gibt es einen Zeugen des Verhältnisses: einen sehr neugierigen, fast neun Monate alten Fötus in Trudys Bauch. Dieser ist Zuhörer, als Trudy und Claude einen Plan schmieden …

Wenn ein Buch mit dem Satz

So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau.
– S. 9

beginnt, dann macht das schon mal deutlich, dass dies kein Buch wie jedes andere ist. Zum einen wird schnell klar, dass es sich hier um eine sehr außergewöhnliche Hauptperson handelt.
Das Buch ist eine Hommage an Hamlet von William Shakespeare, hat aber eindeutig auch Charme für Leser, die den Hamlet nicht kennen – was auf mich zutrifft. Natürlich wusste ich, dass es dieses Stück gibt, aber ich hätte nicht einmal grob sagen können, worum es da nun geht. Nachdem ich das schnell gegoogelt hatte, offenbarte sich die ein oder andere Überschneidung: die moderne Gertrude in Form von Trudy, sowie deren Affäre Claudius, aus dem hier Claude wird, ebenso Rachegedanken des Sohnes. Außerdem macht McEwan immer wieder Anspielungen auf andere Dinge, wie „Sein oder Nichtsein“ und ich habe vermutlich den allergrößten Teil der Anspielungen nicht verstanden. Wie gesagt, macht es die Unkenntnis des Hamlet aber keineswegs zu einer weniger guten Lektüre.
Zum einen ist das Baby, auch ohne Vorwissen über Hamlet, ein echter Knüller. Bereits auf den ersten paar Seiten hat es bei mir für Lacher gesorgt. Das Buch wird komplett aus seiner Sicht erzählt, in der Ich-Perspektive, und handelt sich quasi um einen einzigen Monolog, wenn man einmal von den „belauschten“ Gesprächen Trudys absieht. Das Baby widmet sich sowohl den eher banalen Dingen, wie dem Wetter, als auch philosophischen Fragen, Podcasts, die seine Mutter sich anhört und natürlich: der Affäre Trudys. In Bezug darauf drehen sich seine Gedanken zunächst nur um seine Abneigung gegenüber Claude, zunehmend geht es aber auch um Trudy und Claudes Plan und wie seine Möglichkeiten sind, diesen aus dem Mutterleib heraus zu verhindern.

Nicht jedermann weiß, wie es ist, den Penis des Rivalen seines Vaters nur wenige Zentimeter vor der eigenen Nase zu haben.
– S. 37

Das Baby ist in seinen Ansichten sehr zynisch und philosophiert beispielsweise vor sich hin, welches Land denn nun optimal wäre, um darin geboren zu werden – und was für sein Geburtsland England spricht. Darin blitzt immer mal wieder der sehr schwarze, sehr britische Humor hervor, den ich zu lieben gelernt habe. Allerdings hat mir diese besondere Erzähler nicht immer gefallen. Manchmal erschien es mir zu zugespitzt und überzeichnet: dieser zynische, manchmal fast boshafte, zu Ausschweifungen neigende und weinliebende, fast durchgehend angeheiterte, zukünftige Mensch. Manchmal war es für mich einfach zu viel des Guten.

Ich teile mir gern ein Glas Wein mit meiner Mutter. Womöglich haben Sie es längst vergessen oder auch nie erlebt, wie herrlich ein durch die Plazenta dekantierter Burgunder schmeckt […] oder ein Sancerre […].
– S. 17

Damit erweist er sich schonmal als besserer Weinkenner als ich es vermutlich je sein werde.
Die anderen Charaktere, also Mutter Trudy, Vater John und Liebhaber Claude, sind sehr eindrücklich aus Sicht des Babys beschrieben. Das Baby lässt sich nicht lang und breit über die Charakterzüge seines Umfelds aus, sondern geht viel mehr auf deren Verhalten und Handlungen ein. Dadurch fiel es mir leicht, mir ein eigenes Bild zu schaffen und es gab diese Diskrepanz zwischen den Beschreibungen eines Charakters und dem Empfinden eines Lesers über den Charakter nicht. Andererseits beeinflusst die Perspektive des Erzählers natürlich die Perspektive des Lesers. So kann man Claude gar nicht wirklich als sympathisch empfinden, da das Baby zu viel Hass gegenüber seinem Onkel empfindet. Und bei Trudy fühlt man sich, wie der Kleine, hin- und hergerissen zwischen Abneigung gegenüber der Frau, die ihren Mann betrügt und sich zudem nicht wirklich vorbildlich verhält was die Schwangerschaft angeht (wie sonst kann ein Fötus über Burgunder und Sancerre Bescheid wissen?), und die unabdingbare Liebe eines Kindes gegenüber seiner Mutter. John steht da noch im besten Licht da: der Künstler, immer knapp bei Kasse, in „hoffnungsloser Liebe zu ihr“ (S. 30) gefangen, der sich eigentlich nur seine Frau zurückwünscht.
Davon einmal abgesehen, haben mich aber die Geschichte selber und die übergeordnete Idee, ein Ungeborenes als Erzähler zu haben, überzeugt. Dafür spricht schon, dass ich das Buch innerhalb weniger Stunden verschlungen habe. Es ist eine schöne Lektüre, die mich auch immer wieder zum Nachdenken angeregt hat: über elementare Dinge wie eine Schwangerschaft, aber auch über manche Absurditäten unserer Zeit und unserer Welt.
Allerdings haben sich die Monologe des zukünftigen Erdenbewohners manchmal doch zu sehr gezogen. Besonders zum Ende habe ich teilweise ganze Absätze nur noch überflogen, ohne genauer zu lesen. Das mag teilweise daran gelegen haben, dass ich wirklich unbedingt wissen wollte, welches Ende Trudy, Claude und das Baby nehmen. Aber hauptsächlich lag es daran, dass mich die gedanklichen Ergüsse wenig bis gar nicht fesseln konnten.

Alles in allem habe ich das Gefühl, dass dieses Buch durchaus bereichernd ist: mit seiner ungewöhnlichen Perspektive, seinem Witz und Zynismus hat es mir gut gefallen. Insbesondere zum Ende hin hätte man in meinen Augen den ein oder anderen Monolog aber durchaus kürzen können.

Keine Wahrheit schränkt das Leben so sehr ein wie die folgende: Es ist immer jetzt, immer hier, nie dann und da.
– S. 56

4Sterne

 

photo credit: Annalena McAfee
photo credit: Annalena McAfee

Über Ian McEwan:
McEwan wurde 1948 in Aldershot, GB, geboren und lebte bis zu seinem zwölften Lebensjahr mit seiner Familie im Ausland (u.a. Lybien, Singapur und Deutschland), da sein Vater Soldat war. Er studierte englische Literatur in Brighton und Norwich. Seine ersten Werke waren Kurzgeschichten-Sammlungen, die erste wurde 1975 veröffentlicht und wurde im Jahr darauf bereits mit einem Preis ausgezeichnet. 1978 erschien sein erster Roman, zwanzig Jahre später gewann er den Man Booker Prize für seinen Roman Amsterdam. Für den Preis war er insgesamt sechs Mal nominiert, daneben erhielt er zahlreiche andere Auszeichnungen, auch international.
Er ist in zweiter Ehe seit 1997 mit Annalena McAfee, ehemalige Redakteurin bei The Guardian, verheiratet. Mit seiner ersten Frau Penny Allen hat er zwei Söhne.
Quelle: Wikipedia

Weitere Meinungen zum Buch:

Rezension – Der Junge, der vom Frieden träumte

Der Junge, der vom Frieden träumte | Michelle Cohen Corasanti | Fischer | erschienen 2016
aus dem Englischen: The Almond Tree | Übersetzerin: Adelheid Zöfel
Taschenbuch: ISBN 978-3-596-03283-9 | 9,99€
E-Book: ISBN 978-3-10-403392-1 | 9,99€
Leseprobe

Nachdem Ahmed beobachten muss, wie seine 2jährige Schwester Amal von einer Bodenmine getötet wird, ist nichts mehr, wie es zuvor war. Als kurz danach sein Vater verhaftet wird, muss der 12 Jahre alte Ahmed für seine Familie sorgen. Doch dann eröffnet sich ihm eine unglaubliche Chance: er erhält ein Stipendium für die Universität in Tel Aviv. Für ihn ist es der Weg aus der Armut und auch seiner Familie will er unter die Arme greifen. Aber er ist der einzige Palästinenser an einer israelischen Universität und auch die Palästinenser nehmen es ihm übel, dass er sich mit dem Feind einlässt.

Wenn wir etwas über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser hören, dann meistens nur, weil es im Gaza-Streifen einen Selbstmordanschlag gab. Und ehrlich gesagt, ging es mir persönlich immer so, dass ich zwar durchaus verstand, dass die Situation im Gaza-Streifen nicht in Ordnung ist, aber letztendlich habe ich den Israelis ihren Staat schon sehr gewünscht. Umso wichtiger erscheint es mir, dieses Buch zu lesen. Es zeigt die Perspektive Palästinas auf und der Autorin gelingt das Kunststück, die Fehler beider Seiten aufzuzeigen, ein zutiefst hoffnungsloses Buch zu schreiben und doch Hoffnung zu wecken.
In diesem Buch werden viele Themen vereinigt, ohne das Buch dabei zu überladen. Vorherrschend ist natürlich die Situation in Palästina und das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern. Mir war nie klar, wie sich der Aufbau des Staates Israels letztendlich vollzogen hat. Der genaue Ablauf wird im Buch zwar nicht dargestellt, aber ich denke, es wird doch deutlich, dass wir uns öfters auch mal mit der Seite der Palästinenser auseinandersetzen sollten. Denn wie die Heiligen haben sich die Israelis, besonders zu Beginn dieses Buches, in den 50er Jahren, nicht verhalten. Und hier bildet sich ein Dilemma, das mich auch sehr beschäftigt hat: wie schon erwähnt, wünscht man den Juden ihren Staat. Aber der Westen hat sich des Problems natürlich ein Stück weit auch entledigt, indem man nach dem Zweiten Weltkrieg einfach beschlossen hat, den Juden einen Teil Palästinas zuzuschlagen. Dass die einheimische Bevölkerung sich danach im Stich gelassen fühlte, wird im Buch deutlich – und verständlich. Durch die palästinensische Sichtweise kann man sich sehr gut in die Gefühlswelt der Araber einfühlen. Es wird aufgezeigt, wie oft die Palästinenser auf Hilfe aus der internationalen Gemeinschaft hofften und wie oft sie diese auch dringend nötig hätten – diese sich aber einfach nicht rührte. So werden auch viele andere Entwicklungen im Nahen Osten während des Buches nachvollzogen und letztendlich verständlich. Insbesondere hat mich hierbei die Hinwendung zur Hamas beschäftigt. Gegen Ende des Buches reist Ahmed in den Gaza-Streifen zu seinem Bruder – und wird Zeuge eines Elends, dass sich vermutlich nur noch die Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg vorstellen können. Die abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit der Menschen dort wird von der Autorin mit wenigen Worten und doch tief berührend wiedergegeben. Allein während dieser Episode bin ich mehrmals den Tränen nahe gewesen. Es wird nicht der Versuch unternommen, die Taten der Hamas zu verteidigen. Aber es wird gezeigt, warum die Menschen sich der Hamas überhaupt anschlosssen. Und obwohl man nie in der gleichen Situation war (und ich auch die Hoffnung habe, es nie sein zu müssen), konnte ich deren Beweggründe nachvollziehen. Wenn die eigenen Kinder keinerlei Ausssichten haben und sich die Weltengemeinschaft nicht für das Elend der eigenen Bevölkerungsgruppe interesssiert, kann ich nachvollziehen, warum ein Selbstmordanschlag zu einem letzten verzweifelten Mittel der Aufmerksamkeitsschaffung wird. Natürlich ist es das nicht für alle, oft genug stecken ideologische Gründe dahinter. Aber dass dies nicht immer der Fall ist, wird hier schön dargestellt.

„Sie hindern mich daran, meinen Verstand zu gebrauchen, also muss ich meinen Körper einsetzen. Er ist die einzige Waffe, die mir noch geblieben ist.“
– Khaled Hamid, S. 383

Gleichzeitig wird der Wahrheitsgehalt des Sprichworts „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ wieder einmal bewiesen. Vielleicht das Inspirierenste an diesem Buch ist, dass  die Palästinenser (zumindest in diesem Buch) selbst in den elendesten Situationen lachen können und Gründe zum Feiern finden. Besonders im Gaza-Streifen wird aber auch deutlich, dass es, wenn die Hoffnung einmal gestorben ist, kaum noch Gründe zum Leben gibt. Dadurch wurde das Buch für mich auch zu einer hochemotionalen Lektüre. Ich saß sehr oft in der Bahn und konnte die Tränen nicht zurückhalten.
Corasanti schafft mit wenigen Worten ein Gefühl für die Personen und die Atmosphäre zu schaffen. Es geht weniger darum, in ewig langen Paragraphen die Landschaft oder Situationen beschreiben. Manchmal ist fast erschreckender, wie sachlich sie über furchtbare Vorgänge schreibt.
Weniger sachlich beschreibt sie die Charaktere. Besonders Ahmed lernt man im Laufe der Geschichte ziemlich gut kennen – verständlicherweise, denn das Buch wird komplett aus seiner Perspektive geschrieben. Man kann richtig mit ihm fühlen und im größten Teil des Buches auch mit ihm leiden. Während des Buches war ich aber nicht immer ganz warm mit ihm. Es erschien mir oft so, dass er sich nach dem Erhalt des Stipendiums ein bisschen aus der Verantwortung zieht. Er schickt seiner Familie zwar Geld, aber er ist meiner Meinung nach sehr naiv in dem Glauben, dass dies alles verändert. Meiner Meinung nach verschließt er die Augen vor der Realität und sieht oft nur, was er sehen will. Durch seine Hilfe geht es seiner Familie zwar gut, aber dem Großteil der Menschen in Palästina und dem Gaza-Streifen geht es eben nicht gut. Das scheint ihn aber kaum zu kümmern, bis ihm klar wird, dass sein Bruder davon betroffen ist. Natürlich kann ein einzelner Mensch nicht die Welt ändern, aber ich habe mir oftmals mehr Einblick in das Leben der Palästinenser gewünscht. Und ich fand es sehr verwirrend, dass Ahmed so über das Elend im Gaza-Streifen erstaunt ist.
Allerdings ist der Nahostkonflikt nicht das einzige Thema des Buches. Wie ein roter Faden zieht sich auch Ahmeds Liebe zu den Naturwissenschaften durch die Geschichte. Sie ist sein Weg aus dem Elend seines Heimatlandes und bietet ihm die Möglichkeit, seiner Familie zu helfen. Außerdem werden die Wissenschaften im Buch auch zu Friedensstiftern. Sie zeigen, dass man über alle geographischen, sexuellen und religiösen Grenzen hinweg Freundschaften schließen kann. Daraus ergibt sich das Hoffnungsvollste an diesem Buch: Freundschaft und Frieden sind hier möglich und es erscheint gar nicht so abwegig, dass die Menschheit vielleicht doch eines Tages aus Büchern lernt – hoffen kann man das zumindest!

Ich denke, was die Huffington Post geschrieben hat, stimmt: „[The Almond Tree is] an epic drama of the proportions of The Kite Runner, but set in Palestine.“ Ein unglaublich berührendes Buch, das ich nur empfehlen kann und welches viel mehr im Gespräch sein sollte. Also: lest es!

goldene_SterneÜber Michelle Cohen Corasanti:
Corasanti wurde Mitte der 1960er im Bundesstaat New York geboren. Mit sechzehn wurde sie von ihren jüdischen Eltern nach Israel geschickt, unter anderem um Hebräisch zu lernen. Dort machte sie ihren Abschluss in Nahostwissenschaften. Sie ist mittlerweile Anwältin für Menschenrechte. Der Junge, der vom Frieden träumte ist ihr erstes Buch.
Quelle: Buch, Website zum Buch (die Seite solltet ihr besuchen; Corasantis Biographie ist unglaublich interessant – ich konnte sie hier leider nicht komplett wiedergeben)

Weitere Meinungen zum Buch:

Kaufen könnt ihr das Buch beim Fischer Verlag und auf buecher.de