Rezension – Der König der purpurnen Stadt

London 1330: Im Haushalt seines Cousins soll Jonah alles über den Tuchhandel erlernen. Es ist ein hartes Leben und Zuneigung erfährt der verwaiste 18-jährige nur durch seine Großmutter. Doch als er König Edward und Königin Philippa begegnet, wandelt sich sein Leben auf einen Schlag. Er findet Aufnahme in die Londoner Tuchhändlergilde – als jüngstes Mitglied. Und sein Aufstieg ist kometenhaft – bis hin zur Revolutionierung des Tuchhandels mithilfe der Königin. Doch mit seinem Erfolg kommen auch die Neider und Feinde. Und deren Intrigen werden zunehmend perfide. „Rezension – Der König der purpurnen Stadt“ weiterlesen

Rezension – Morgen gehört den Mutigen

Frankreich 1947: Die 19-jährige Charlie St. Clair bittet Eve Gardiner um Hilfe bei der Suche nach ihrer verschollenen Cousine. Eve entspricht gar nicht dem Bild einer freundlichen Hilfe: sie raucht Kette, flucht und ist entschieden abgeneigt, Charlie zu helfen. Doch dann erwähnt diese einen Mann, den Eve verdächtigt, sie im Ersten Weltkrieg als Spionin an die Deutschen verraten zu haben. Um ihre Rache zu bekommen, macht sie sich schließlich doch zusammen mit Charlie auf die Suche nach deren Cousine. „Rezension – Morgen gehört den Mutigen“ weiterlesen

Rezension – Die Gentlemen vom Sebastian Club

Im London von 1895 werden bei einer Mordserie Männer aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten gefoltert und ermordet. Die scheinbar zufällige Auswahl der Opfer verleitet die Polizei zu der Annahme, dass es sich um voneinander unabhängige Taten handelt. Diese Ansicht teilen die Ermittler vom Sebastian Club nicht. Dabei handelt es sich um einen Herrenclub, der sich Fällen annimmt, an denen die Polizei scheitert. Und sie finden auch schnell eine Verbindung zwischen den Morden. „Rezension – Die Gentlemen vom Sebastian Club“ weiterlesen

Rezension – The Chilbury Ladies‘ Choir

It’s 1940 and the vicar of Chilbury closes the choir due to a lack of male singers. But then Primrose Trent, music professor from London, steps up and puts a women-only choir into being: The Chilbury Ladies‘ Choir. At a time of turmoil, heart-break and death, the women support each other and find strength in the music. But then some villagers set a series of sinister acts into motion, that threaten to not only rip apart the choir but the whole village. „Rezension – The Chilbury Ladies‘ Choir“ weiterlesen

Cover des Buches und grundsätzliche Informationen

Rezension – Der englische Botaniker

Kurz nach dem Ersten Opiumkrieg wird der Botaniker Robert Fortune von der britischen Horticultural Society nach China entsendet, um dort mehr über die chinesische Pflanzenwelt und insbesondere Tee herauszufinden.
Während er Ehefrau und zwei kleine Kinder in Großbritannien zurücklässt, lernt er in China die kampferprobte Rebellin Lian kennen. Plötzlich ist die ohnehin gefährliche China-Expedition um einiges komplizierter, als sie zunächst schien. Und er steht, in botanischer und persönlicher Sicht, vor den schwierigsten Entscheidungen seines Lebens. „Rezension – Der englische Botaniker“ weiterlesen

Rezension – Berlin Beirut

Mahmoud kommt aus Beirut. Vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland ist er 1977 in die DDR geflohen und wird von dort in den Westen geschleust.
Am Bahnhof Friedrichstraße wartet die 20jährige Maria auf ihn, um eben dies zu veranlassen. Ihr Onkel Albert, von den libanesischen Flüchtlingen Ali genannt, organisiert das Einschleusen. Wer seine Schulden nicht bezahlen kann, muss diese in seiner Diskothek abarbeiten – oder Autos in den Nahen Osten überführen.
Als Maria Mahmoud auf einem dieser Autokonvois begleitet, lernt sie seine Familie und den Bürgerkrieg kennen – und verliebt sich in ihn. Als sie schwanger wird, heiraten die beiden. Doch dann verstrickt sich Mahmoud in Deals, aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint … „Rezension – Berlin Beirut“ weiterlesen

Rezension – Das Geheimnis der Madame Yin

Vielen Dank an den Pro-Talk Verlag für das Rezensionsexemplar!

Vordergründig scheint der Auftrag der Pinkerton-Detektivin Celeste Summersteen recht einfach zu sein: Sie soll die 16jährige Dorothea Ellingsford von Chicago zu ihrer Familie nach London begleiten. Viel schwieriger ist aber der eigentliche Auftrag: sie soll den Mörder von einer Freundin Dorotheas finden. Denn deren Tante, Celestes Auftragsgeberin, ist der Meinung, dass auch Dorothea in Gefahr ist.
Kaum in London angekommen, gibt es neue Entwicklungen: Madame Yin, mächtige Drogenbaronin, wird auf die gleiche Weise ermordet. Worin besteht die Verbindung zwischen einer zwielichtigen ehemaligen Prostituierten und der Freundin Dorotheas aus gutem Hause? Und wie kann man die sogenannte Themsebestie aufhalten, wo doch das Morden kein Ende nimmt?

Leseprobe (pdf)

Ah … yes, please!

Als mir dieses Rezensionsexemplar angeboten wurde, konnte ich einfach nicht nein sagen und dafür gibt es mehrere gute Gründe: das Cover hat mir super gefallen, der Klappentext hat mir auch zugesagt, es gibt eine weibliche Detektivin in einem historischen Krimi und, last but not least, es spielt in London. Mehr als genug Gründe also und zudem ein Haufen Sympathiepunkte, die das Buch aber gar nicht braucht, um bei mir gut anzukommen.

Nicht immer überzeugend

Ein oder zwei Kritikpunkte gibt es aber trotzdem. Zum einen gab es in meinen Augen ein paar unnötige Längen. Aufgebaut wurden sie meistens durch überlange Umgebungs- und Personenbeschreibungen. Besonders ärgerlich war das, wenn gerade ordentlich Spannung durch die Mörderjagd aufgebaut wurde und diese dann in den Beschreibungen verpuffte. Hier trifft also zu, dass manchmal weniger doch mehr ist.
Zudem war ich mir bei Celeste ständig unsicher, ob sie mir nun sympathisch ist oder nicht. Einerseits scheint sie immer genau das richtige zu tun und immer die richtige Spürnase zu haben, andererseits erfährt man über sie in meinen Augen recht wenig. Dadurch blieb sie durchgehend weniger lebendig und echt als die anderen Personen des Buches. Nach 400 Seiten, die man in Begleitung eines Protagonisten verbringt, sollte dieser einfach mehr Farbe angenommen haben. Celeste dagegen wirkt oft wie eine Marionette, die einfach nur ihren Job macht und nur für diesen lebt. Selbst wenn betont wird, dass sie Dorothea leiden kann, wird dies durch ihre Taten nicht deutlich.

„Ich arbeite nicht mit einer Frau zusammen. Unter gar keinen Umständen.“
– Inspector Edwards, S. 135

Umso besser gelungen ist dafür der andere Hauptcharakter im Buch: Inspector Robert Edwards von Scotland Yard. Mit diesem hat Nathan Winters voll ins Schwarze getroffen und ich konnte den leicht herablassenden, sehr britischen Inspector, der auf keinen Fall mit einer Frau zusammenarbeiten will, förmlich vor mir sehen. Er reagiert entsprechend verschnupft darauf, dass er gezwungenermaßen Celeste als vorübergehende Partnerin akzeptieren muss.
Sympathisch war er mir dennoch von Anfang an, da er zwar manchmal herablassend ist, aber nicht auf Menschen herabschaut, nur weil sie im Rang unter ihm stehen. Er ist vor allem herablassend, wenn sich jemand seinen Respekt verspielt hat.
Andererseits lässt er aber zu, dass die Menschen sich seinen Respekt verdienen und sieht auch ein, wenn er jemanden falsch eingeschätzt hat. So zollt er schlussendlich auch als einziger von offizieller Seite Celeste die Anerkennung, die sie verdient hat.

„Mit den Weibern hat man nichts als Ärger, […] aber was wär’n wir schon ohne sie? Nicht mal auf dieser Welt. Stimmt’s, oder hab ich Recht?“
– Tobias Gold, S. 366

Wenn wir schon bei den Personen des Buches sind: da sind einige echte Schätzer dabei. Einer davon hat obiges Zitat von sich gegeben und auch sonst gibt es viele echte Persönlichkeiten – sympathische ebenso wie unsympathische.
Auch an der Geschichte selbst gibt es wirklich nichts auszusetzen. Der Fall wird nicht durch pures Glück gelöst, sondern durch Hartnäckigkeit sowohl von Seiten Celestes als auch Edwards. Zudem ergänzen sich die Ergebnisse der beiden auf sehr natürliche Weise, es wirkt nie in irgendeiner Form gezwungen.
Es wird deutlich, dass im viktorianischen London Männer ganz andere Möglichkeiten hatten, Edwards zudem als „Copper“ mehr Autorität besitzt. Celeste als Frau wirkt dagegen unschuldiger und vor allem weniger gefährlich und verschafft sich so einen Vorteil.
Die Hintergründe der Morde sind glaubwürdig und man bekommt auch nicht auf einen Schlag alle Informationen, sondern immer tröpfchenweise und kann mitraten, wer wohl der Mörder ist.Obwohl ich mit Celeste nie ganz warm wurde, muss man ihr lassen, dass sie sich selbstständig ein gutes Leben aufgebaut hat. Mit ihr hat Winters trotz allem eine starke Hauptfigur geschaffen, die dennoch nicht über die Stränge der damaligen Konventionen schlägt.
Auch andere Frauen im Buch schöpfen ihre beschränkten Möglichkeiten voll aus, zudem zeigt sich, dass privat dann doch nicht unbedingt die Männer die Hosen anhatten. Man merkt, dass der Autor viel Mühe in seine Recherche gesteckt hat, denn aus meiner laienhaften Sicht wage ich zu behaupten, dass ein realistisches Bild vom London des 19. Jahrhunderts gemalt wird.
Es wird wieder einmal deutlich welch elendes Leben ein Großteil der Menschen im industrialisierten England spielten. Besonders interessant fand ich dabei, zu lesen, wie schwer es war, gesellschaftlich aufzusteigen, aber wie schnell die Reichen und Angesehenen abstürzten.

Wer sich ein wenig für das Leben im viktorianischen London interessiert und zudem Freude an einem Krimi hat, der manchmal auch eher gemächlich daher kommt, dem kann ich dieses Buch wirklich nur empfehlen. Mir hat es trotz kleinerer Kritikpunkte sehr viel Freude bereitet!

„Ich bin bereit, mein Leben für Ihre Tochter zu riskieren. Was sind sie bereit, zu tun?“
– Celeste Summersteen, S. 346

Über Nathan Winters:
Winters ist ein Pseudonym von Jürgen Bärbig. Er wurde 1971 in der Nähe von Aachen geboren und ist gelernter Maler. Er schreibt schon seit den Neunzigern Romane, das aber mit mäßigem Erfolg, sodass er den Traum vom Schreiben an den Nagel hängte. 2010 begann er wieder damit und wurde 2014 Stipendiat der der Bastei Lübbe Masterclass, in deren Rahmen eine Kurzgeschichte veröffentlicht wurde. 2016 erschien Three Oaks, eine Westernserie.
Quelle: Pro-Talk Verlag, Website des Autors


Quelle des Covers: KongKing PR-Agentur

Quelle London stilisiert: SpreadShirtMedia

Quelle Autorenbild: KongKing PR-Agentur

Rezension – The Miniaturist

Quelle: Picador
Quelle: Picador

The Miniaturist | Jessie Burton | Picador | erschienen 2014
Taschenbuch: ISBN 978-1-44-2-8466-6 | £8.99
Leseprobe
deutsche Ausgabe: Die Magie der kleinen Dinge | Limes | Übersetzerin: Karin Dufner

Amsterdam im Herbst 1686: Die 18-jährige Petronella wurde gerade mit dem mehr als zwanzig Jahre älteren Kaufmann Johannes Brandt verheiratet und erwartet auch genau diesen zu sehen, als sie an die Tür ihres neuen Heims klopft. Stattdessen öffnet dessen scharfzüngige und unfreundliche Schwester die Tür. Überhaupt schlägt ihr von Seiten des Haushalts Abneigung und Kälte entgegen. Da bekommt sie von ihrem Mann ein Hochzeitsgeschenk, das eine perfekte Nachbildung ihres neuen Zuhauses ist. Und es scheint die Geheimnisse der Familie Brandt besser zu kennen als die Familie selbst. Doch werden diese die Familie zerstören oder stärker machen? Und wie hängt das alles mit der Macherin der winzigen Puppen zusammen, die bald das Puppenhaus bevölkern?

There is a story here and it seems like Nella’s, but it isn’t hers to tell.
– S. 245

Mit diesem Buch habe ich lange geliebäugelt: mir hat das Cover schon richtig gut gefallen, als ich es in England das erste Mal gesehen habe, auch der Klappentext hat mir zugesagt und letztendlich konnte ich ihm nicht widerstehen, als es mir hier erneut in der Buchhandlung über den Weg gelaufen ist. Nach dem Lesen verstehe ich nicht, warum ich es nicht schon früher mitgenommen habe, denn dieses Buch ist super!
Das liegt zum einem großen Teil an den Charakteren. Nella war mir von Anfang an sympathisch mit ihrer Unsicherheit über ihre Rolle im Haushalt Brandt, ihre neue Rolle als Ehefrau und dem Leben in Amsterdam, das sich stark von allem bisher bekannten unterschied. Ebenso sympathisch war sie mir in ihrem unbedingten Willen, sich diese Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, das Beste aus ihrer Situation zu machen und diese möglicherweise nach und nach zum besseren zu ändern.
Nella macht während des Buches eine Veränderung durch, was mir gut gefallen hat. Sie stagniert nicht in ihrer Situation, sondern versucht, im Gegenteil, etwas daran zu ändern und wächst an den neuen Umständen, in denen sie sich befindet. Im  Vergleich zu Johannes und Marin, dessen Schwester, ist sie recht ungebildet und als ihr dies klar wird, versucht sie, mehr über die Geschäfte ihres Mannes zu erfahren und ebenfalls Anteil an seinem Leben zu nehmen.
Marin und Johannes sind zudem echt ein Gespann für sich. Zwar ist er der erfolgreiche Geschäftsmann, aber sie hält ein Stück weit die Fäden in der Hand und von den Geschäften ihres Bruders hat sie mindestens soviel Ahnung wie dieser. Wie jeder Frau im 17. Jahrhundert ist es auch ihr verwehrt, ein eigenständiges und komplett selbstbestimmtes Leben zu führen, aber innerhalb des Brandt-Haushaltes ist sie eindeutig jene, welche das Sagen hat. Zudem habe ich durchgehend im Buch das Gefühl gewonnen, dass sie die Stärkere der Geschwister ist. Johannes ist kaum anwesend, Marin trifft alle relevanten Entscheidungen für den Haushalt. An ihr orientiert sich Nella in ihrer Entwicklung, denn obwohl ihr die häufig zur Schau gestellte Kälte und der Zynismus Marins zwar abgehen, so ist diese mit ihrem eisernen Rückrat und ihrer Intelligenz doch am nächsten an einem Vorbild für Marin.

„What can any of us do?“
– Marin, S. 112

Die Geschichte selbst konnte mich auch überzeugen. In meinen Augen liefert sie einen guten Einblick in das Amsterdam zur Zeit der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC), als die Stadt reich und voller Kaufleute, wie Johannes Brandt, war, stolz auf das Erreichte und einer der großen Spieler in der damaligen internationalen Politik. Auch die Verwicklungen der Kaufleute untereinander sind schön dargestellt und gesellschaftliche Anlässe sowie Rivalitäten, Freundschaft und Verrat großartig dargestellt.
Ein kleiner Minuspunkt ergibt sich daraus, dass es in meinen Augen immer mal wieder Stellen gab, in denen einfach nichts passiert ist. Besonders zu Beginn habe ich über ein ganzes Stück darauf gewartet, dass endlich etwas passiert. Allerdings wird dies bei weitem ausgeglichen durch die Spannung, die sich langsam aufbaut und die Charaktere, mit denen ich eine Menge Spaß hatte.

The Miniaturist ist ein historischer Roman, der mich absolut überzeugen konnte. Es hat mir eine Menge Spaß bereitet, über Nella und ihre Geschichte zu lesen. Zudem zeichnet Jessie Burton ein schönes und realistisches Bild vom Amsterdam des 17. Jahrhunderts.

Every woman is the architect of her own fortune.
– S. 76

5Sterne

Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia

Die Geschichte um Nella beruht lose auf dem Leben von Petronella Oortman, deren Puppenhaus die Vorlage lieferte für Nellas Puppenhaus und das im Rijksmuseum in Amsterdam steht.

Über Jessie Burton:
Burton wurde 1982 geboren und studierte in Oxford Englisch sowie Spanisch, später absolvierte sie eine Ausbildung zur Schauspielerin in London an der Royal Central School of Speech and Drama. Sie hatte kleinere Rollen an britischen Theatern unter anderem auch in London, daneben schreibt sie Essays für unterschiedlichste Zeitungen und Zeitschriften.
2014 erschien ihr erstes Buch The Miniaturist, das in über 30 Sprachen übersetzt wurde und zum Bestseller avancierte. Ende 2016 erschien ihr zweiter Roman, The Muse.
Burton lebt in London.
Quelle: Wikipedia

Weitere Meinungen zum Buch:

Rezension – Das Dorf der Wunder

Quelle: Aufbau
Quelle: Aufbau

Das Dorf der Wunder | Roy Jacobsen | Aufbau Taschenbuch | erschienen 2012
aus dem Norwegischen: Hoggerne | Übersetzerin: Gabriele Haefs
Taschenbuch: ISBN 978-3-7466-2771-7 | 9,99€

Im Winter 1939 herrschen -40°C, als die Russen in Finnland einmarschieren. Zuvor haben die Finnen die Dörfer evakuiert und auch in Suomussalmi fliehen alle Einwohner – bis aus Timo Vatanen. Der Holzfäller weigert sich, vor den Russen zu fliehen und wird durch sein gute Ortskenntnis bald unentbehrlich.

Mit diesem Buch habe ich in der Bücherei einen echten Schatz gefunden. Obwohl ich mich vom Klappentext her auf etwas anderes eingestellt hatte, wurde ich von der Geschichte nicht enttäuscht.
Das Buch erzählt vom Leben des finnischen Holzfällers Timo während des Zweiten Weltkriegs. Er wird durchgehend als „Dorftrottel“ und „Idiot“ bezeichnet, wird auch von den finnischen Dörflern herablassend und geringschätzig behandelt. Worauf das zurückzuführen ist hat sich mir allerdings nicht so richtig erschlossen, dies rettet ihn aber im Verlauf der Geschichte immer wieder. Er wird durch seine „Idiotie“ nicht als Gefahr angesehen und kommt auch mit einer Befehlsverweigerung eher durch.
Er wird einer kleinen Gruppe Russen zugeordnet, die nicht mehr kampftauglich sind und daher Bäume fällen und die restliche Division mit Feuerholz versorgen sollen. Er steigt schnell zu deren Anführer auf, insbesondere da er der einzige ist, der Ahnung vom Holzfällen hat. Zudem kann er durch seinen mangelnden Respekt vor den Befehlshabern immer wieder Vorteile für sich und seine kleine Kompanie rausschlagen.
Es geht in diesem Buch eindeutig nicht darum, die Welt im Ganzen zu bewegen. Timo kämpft keine heroischen Schlachten, er besiegt den Gegner nicht im Alleingang und er verändert auch den Lauf der Geschichte nicht. Aber inmitten der Wirren und Grausamkeiten des Krieges verändert er die Leben seiner russischen Kumpane und zeigt eine Menschlichkeit, wie sie wohl nur selten war – und vermutlich auch heute noch ist.
Ich habe oftmals gedacht, dass wir uns öfters ein Beispiel an Timo nehmen sollten. In einer Zeit voller Nationalismus, Diskriminierung und Krieg pfeift Timo auf Nationalität und Religion und hilft seinen Leidensgenossen, diesen Winter zu überstehen. Das Motiv hierfür bleibt unklar. Er sagt nie über sich, dass er aus diesem oder jenen Grund geholfen hätte. Aber vielleicht ist dies auch das Wichtigste an diesem Buch: zu zeigen, dass wir kein Motiv dafür brauch sollten, anderen Menschen zu helfen.

„That’s what you do when you see someone in need: you help them.“
– Ellen DeGeneres on The Ellen Show

Wir leben in einer Welt in der Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und der Hass auf alles Fremde wieder wachsen und Aufschwung bekommen (dabei sollte man meinen, dass wir etwas aus Timo Vatanens Zeit gelernt haben). Also sollten wir öfter einmal – wie Timo – auf Politik, Nationalität und Religion pfeifen und den Menschen helfen, die Hilfe benötigen.
Daneben bietet es aber auch einen eindrücklichen Einblick in das Leben der Soldaten an der bitterkalten Ostfront. Es zeigt auf, dass ein Großteil der einfachen Soldaten oftmals nur noch heim wollten zu ihren Familien. Selbstverständlich gab es unter den Russen ebenso wie unter den Deutschen oder allen anderen Truppen Menschen, die Freude daran hatten, Untergebene, Gegner oder unschuldige Zivilisten zu quälen. Aber ich denke, man darf davon ausgehen, dass es dem Gros der einfachen Soldaten, oftmals nur „Kanonenfutter“, nicht gefallen hat, in diesen Krieg verwickelt zu sein. Insofern hatte ich oftmals das Gefühl, dass dem Dorftrottel Timo gelungen ist, was vielen auch heute nicht gelingt: hinter die Fassade zu schauen, gesellschaftliche Konventionen zu ignorieren und die Menschen zu sehen.

Diesem Buch ist es durchgehend gelungen mich zu fesseln und trotz seiner verhältnismäßigen Kürze vermittelt es wichtige Gedanken und Inhalte auf spannende Weise. Ich lese ungern Kurzgeschichten oder Parabeln (als solche wird die Geschichte auf verschiedenen Websites bezeichnet), da ich immer das Gefühl habe, dass zu viel ungesagt bleibt. Ich bin kein Fan von Geschichten, in denen doppelt so viel zwischen den Zeilen wie in den Zeilen steht. Aber Roy Jacobsen findet genau die richtigen Worte und hat genau die richtige Art um mich zu fesseln.
Daher von mir eine dicke, fette Leseempfehlung!

goldene_SterneÜber Roy Jacobsen:
Jacobsen wurde 1954 in Oslo geboren. Sein Debüt, eine Sammlung von Novellen, erschien 1982, seit 1990 ist er Vollzeit-Autor. In Norwegen ist er bekannt für seine Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher und sehr angesehen. Seine Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Quelle: Wikipedia (DE / EN)

Weitere Meinungen zum Buch:

Rezension – Die Geliebte des Meisterspions

Quelle: LYX
Quelle: LYX

Die Geliebte des Meisterspions | Joanna Bourne | Egmont LYX | erschienen 2012
aus dem Englischen: The Spymaster’s Lady | Übersetzerin: Firouzeh Akhavan-Zandjani
Taschenbuch: ISBN 978-3-8025-8676-7 | 9,99€
E-Book: ISBN 978-3-8025-8915-7 | 8,99€
Leseprobe

Der britische Meisterspion Robert Grey reist nach Frankreich, um die berüchtigte Spionin Annique Villiers aufzuspüren. Durch einen Zufall landen beide in derselben Gefängniszelle und müssen zusammenarbeiten, um sich zu befreien. Robert glaubt, dass Annique wertvolle Informationen über Napoleons geplanten Angriff auf England besitzt. Er will sie deshalb nach London bringen. Doch Annique gelingt es ein ums andere Mal, sich ihm zu entziehen. Und Robert muss schon bald feststellen, dass die schöne Französin tiefere Gefühle in ihm weckt.
Quelle: Verlagswebsite

Dieses Buch konnte meine Erwartungen leider nicht erfüllen. Das größte Problem waren eindeutig die beiden Hauptpersonen. Mit ihnen bin ich einfach durchgehend über die 435 Seiten nicht warm geworden. Im Klappentext und den ersten paar Kapiteln erschien Annique, das Füchschen, mir wie eine starke, unabhängige Frau. Doch dann wird sie plötzlich zu einem kleinen Mäuschen, das ständig einen Mann – natürlich nur Robert! – zum Anlehnen braucht. Zudem war sie mir durchgehend nicht sympathisch. Meistens empfand ich ihr Verhalten nur als unlogisch und nicht sehr freundlich.
Auch Robert reagiert mal so und mal so und ich wusste nie so genau, woran ich jetzt bin. Zu Beginn des Buches hasst er Annique, aber das erledigt sich irgendwann und warum, weiß ich auch am Ende des Buches nicht so genau. Davon einmal abgesehen kam er meiner Vorstellung eines erfolgreichen Spions um einiges näher als Annique.
Das Verhältnis zwischen den beiden war mir ein Rätsel. Als besonders störend empfand ich, dass Annique zwar schon von Kindesbeinen an im Dienst des französischen Geheimdienstes steht, ihre Mutter zeitweise ein Bordell betrieb, sie zugegebenermaßen die Männer gerne verführt um an Informationen zu kommen, aber dennoch Jungfrau ist. Warum müssen die Frauen in den Liebesromanen denn immer Jungfrauen sein? Warum können sie nicht eine Reihe von Liebhabern gehabt haben und ihre Männer verführen, statt andersherum? Und, vielleicht bin ich in diesem Punkt etwas übersensibel, aber besonders die erste Sexszene zwischen den beiden kam mir über weite Längen als nicht einvernehmlich vor. So ging es immer weiter und teilweise habe ich wirklich nur den Kopf geschüttelt über das, was sich zwischen den beiden abspielt.
Auch die Handlung selbst war in meinen Augen bestenfalls überladen, meistens aber verworren und verwirrend. Es wirkte, als wollte die Autorin unbedingt lange über ihr zwei Helden berichten und musste deswegen immer wieder einen neuen Plottwist einführen. Diese waren aber erstens teilweise sehr vorhersehbar und es kam zweitens viel zu oft zu solchen „Überraschungen“, sodass diese dann nicht mehr überraschend waren.

Ich gebe diesem Buch zwei Sterne, da ich sowohl die Grundidee als auch einige Entwicklungen im Buch sehr gut fand, die Geschichte aber mit zunehmender Dauer immer mehr nachgelassen hat und auch die Charaktere mich nicht voll überzeugen konnten.

2Sterne