Rezension – Der englische Botaniker

Kurz nach dem Ersten Opiumkrieg wird der Botaniker Robert Fortune von der britischen Horticultural Society nach China entsendet, um dort mehr über die chinesische Pflanzenwelt und insbesondere Tee herauszufinden.
Während er Ehefrau und zwei kleine Kinder in Großbritannien zurücklässt, lernt er in China die kampferprobte Rebellin Lian kennen. Plötzlich ist die ohnehin gefährliche China-Expedition um einiges komplizierter, als sie zunächst schien. Und er steht, in botanischer und persönlicher Sicht, vor den schwierigsten Entscheidungen seines Lebens. Weiterlesen „Rezension – Der englische Botaniker“

Rezension – Berlin Beirut

Mahmoud kommt aus Beirut. Vor dem Bürgerkrieg in seinem Heimatland ist er 1977 in die DDR geflohen und wird von dort in den Westen geschleust.
Am Bahnhof Friedrichstraße wartet die 20jährige Maria auf ihn, um eben dies zu veranlassen. Ihr Onkel Albert, von den libanesischen Flüchtlingen Ali genannt, organisiert das Einschleusen. Wer seine Schulden nicht bezahlen kann, muss diese in seiner Diskothek abarbeiten – oder Autos in den Nahen Osten überführen.
Als Maria Mahmoud auf einem dieser Autokonvois begleitet, lernt sie seine Familie und den Bürgerkrieg kennen – und verliebt sich in ihn. Als sie schwanger wird, heiraten die beiden. Doch dann verstrickt sich Mahmoud in Deals, aus denen es keinen Ausweg zu geben scheint … Weiterlesen „Rezension – Berlin Beirut“

Rezension – Das Geheimnis der Madame Yin

Vielen Dank an den Pro-Talk Verlag für das Rezensionsexemplar!

Vordergründig scheint der Auftrag der Pinkerton-Detektivin Celeste Summersteen recht einfach zu sein: Sie soll die 16jährige Dorothea Ellingsford von Chicago zu ihrer Familie nach London begleiten. Viel schwieriger ist aber der eigentliche Auftrag: sie soll den Mörder von einer Freundin Dorotheas finden. Denn deren Tante, Celestes Auftragsgeberin, ist der Meinung, dass auch Dorothea in Gefahr ist.
Kaum in London angekommen, gibt es neue Entwicklungen: Madame Yin, mächtige Drogenbaronin, wird auf die gleiche Weise ermordet. Worin besteht die Verbindung zwischen einer zwielichtigen ehemaligen Prostituierten und der Freundin Dorotheas aus gutem Hause? Und wie kann man die sogenannte Themsebestie aufhalten, wo doch das Morden kein Ende nimmt?

Leseprobe (pdf)

Ah … yes, please!

Als mir dieses Rezensionsexemplar angeboten wurde, konnte ich einfach nicht nein sagen und dafür gibt es mehrere gute Gründe: das Cover hat mir super gefallen, der Klappentext hat mir auch zugesagt, es gibt eine weibliche Detektivin in einem historischen Krimi und, last but not least, es spielt in London. Mehr als genug Gründe also und zudem ein Haufen Sympathiepunkte, die das Buch aber gar nicht braucht, um bei mir gut anzukommen.

Nicht immer überzeugend

Ein oder zwei Kritikpunkte gibt es aber trotzdem. Zum einen gab es in meinen Augen ein paar unnötige Längen. Aufgebaut wurden sie meistens durch überlange Umgebungs- und Personenbeschreibungen. Besonders ärgerlich war das, wenn gerade ordentlich Spannung durch die Mörderjagd aufgebaut wurde und diese dann in den Beschreibungen verpuffte. Hier trifft also zu, dass manchmal weniger doch mehr ist.
Zudem war ich mir bei Celeste ständig unsicher, ob sie mir nun sympathisch ist oder nicht. Einerseits scheint sie immer genau das richtige zu tun und immer die richtige Spürnase zu haben, andererseits erfährt man über sie in meinen Augen recht wenig. Dadurch blieb sie durchgehend weniger lebendig und echt als die anderen Personen des Buches. Nach 400 Seiten, die man in Begleitung eines Protagonisten verbringt, sollte dieser einfach mehr Farbe angenommen haben. Celeste dagegen wirkt oft wie eine Marionette, die einfach nur ihren Job macht und nur für diesen lebt. Selbst wenn betont wird, dass sie Dorothea leiden kann, wird dies durch ihre Taten nicht deutlich.

„Ich arbeite nicht mit einer Frau zusammen. Unter gar keinen Umständen.“
– Inspector Edwards, S. 135

Umso besser gelungen ist dafür der andere Hauptcharakter im Buch: Inspector Robert Edwards von Scotland Yard. Mit diesem hat Nathan Winters voll ins Schwarze getroffen und ich konnte den leicht herablassenden, sehr britischen Inspector, der auf keinen Fall mit einer Frau zusammenarbeiten will, förmlich vor mir sehen. Er reagiert entsprechend verschnupft darauf, dass er gezwungenermaßen Celeste als vorübergehende Partnerin akzeptieren muss.
Sympathisch war er mir dennoch von Anfang an, da er zwar manchmal herablassend ist, aber nicht auf Menschen herabschaut, nur weil sie im Rang unter ihm stehen. Er ist vor allem herablassend, wenn sich jemand seinen Respekt verspielt hat.
Andererseits lässt er aber zu, dass die Menschen sich seinen Respekt verdienen und sieht auch ein, wenn er jemanden falsch eingeschätzt hat. So zollt er schlussendlich auch als einziger von offizieller Seite Celeste die Anerkennung, die sie verdient hat.

„Mit den Weibern hat man nichts als Ärger, […] aber was wär’n wir schon ohne sie? Nicht mal auf dieser Welt. Stimmt’s, oder hab ich Recht?“
– Tobias Gold, S. 366

Wenn wir schon bei den Personen des Buches sind: da sind einige echte Schätzer dabei. Einer davon hat obiges Zitat von sich gegeben und auch sonst gibt es viele echte Persönlichkeiten – sympathische ebenso wie unsympathische.
Auch an der Geschichte selbst gibt es wirklich nichts auszusetzen. Der Fall wird nicht durch pures Glück gelöst, sondern durch Hartnäckigkeit sowohl von Seiten Celestes als auch Edwards. Zudem ergänzen sich die Ergebnisse der beiden auf sehr natürliche Weise, es wirkt nie in irgendeiner Form gezwungen.
Es wird deutlich, dass im viktorianischen London Männer ganz andere Möglichkeiten hatten, Edwards zudem als „Copper“ mehr Autorität besitzt. Celeste als Frau wirkt dagegen unschuldiger und vor allem weniger gefährlich und verschafft sich so einen Vorteil.
Die Hintergründe der Morde sind glaubwürdig und man bekommt auch nicht auf einen Schlag alle Informationen, sondern immer tröpfchenweise und kann mitraten, wer wohl der Mörder ist.Obwohl ich mit Celeste nie ganz warm wurde, muss man ihr lassen, dass sie sich selbstständig ein gutes Leben aufgebaut hat. Mit ihr hat Winters trotz allem eine starke Hauptfigur geschaffen, die dennoch nicht über die Stränge der damaligen Konventionen schlägt.
Auch andere Frauen im Buch schöpfen ihre beschränkten Möglichkeiten voll aus, zudem zeigt sich, dass privat dann doch nicht unbedingt die Männer die Hosen anhatten. Man merkt, dass der Autor viel Mühe in seine Recherche gesteckt hat, denn aus meiner laienhaften Sicht wage ich zu behaupten, dass ein realistisches Bild vom London des 19. Jahrhunderts gemalt wird.
Es wird wieder einmal deutlich welch elendes Leben ein Großteil der Menschen im industrialisierten England spielten. Besonders interessant fand ich dabei, zu lesen, wie schwer es war, gesellschaftlich aufzusteigen, aber wie schnell die Reichen und Angesehenen abstürzten.

Wer sich ein wenig für das Leben im viktorianischen London interessiert und zudem Freude an einem Krimi hat, der manchmal auch eher gemächlich daher kommt, dem kann ich dieses Buch wirklich nur empfehlen. Mir hat es trotz kleinerer Kritikpunkte sehr viel Freude bereitet!

„Ich bin bereit, mein Leben für Ihre Tochter zu riskieren. Was sind sie bereit, zu tun?“
– Celeste Summersteen, S. 346

Über Nathan Winters:
Winters ist ein Pseudonym von Jürgen Bärbig. Er wurde 1971 in der Nähe von Aachen geboren und ist gelernter Maler. Er schreibt schon seit den Neunzigern Romane, das aber mit mäßigem Erfolg, sodass er den Traum vom Schreiben an den Nagel hängte. 2010 begann er wieder damit und wurde 2014 Stipendiat der der Bastei Lübbe Masterclass, in deren Rahmen eine Kurzgeschichte veröffentlicht wurde. 2016 erschien Three Oaks, eine Westernserie.
Quelle: Pro-Talk Verlag, Website des Autors


Quelle des Covers: KongKing PR-Agentur

Quelle London stilisiert: SpreadShirtMedia

Quelle Autorenbild: KongKing PR-Agentur

Rezension – The Miniaturist

Quelle: Picador
Quelle: Picador

The Miniaturist | Jessie Burton | Picador | erschienen 2014
Taschenbuch: ISBN 978-1-44-2-8466-6 | £8.99
Leseprobe
deutsche Ausgabe: Die Magie der kleinen Dinge | Limes | Übersetzerin: Karin Dufner

Amsterdam im Herbst 1686: Die 18-jährige Petronella wurde gerade mit dem mehr als zwanzig Jahre älteren Kaufmann Johannes Brandt verheiratet und erwartet auch genau diesen zu sehen, als sie an die Tür ihres neuen Heims klopft. Stattdessen öffnet dessen scharfzüngige und unfreundliche Schwester die Tür. Überhaupt schlägt ihr von Seiten des Haushalts Abneigung und Kälte entgegen. Da bekommt sie von ihrem Mann ein Hochzeitsgeschenk, das eine perfekte Nachbildung ihres neuen Zuhauses ist. Und es scheint die Geheimnisse der Familie Brandt besser zu kennen als die Familie selbst. Doch werden diese die Familie zerstören oder stärker machen? Und wie hängt das alles mit der Macherin der winzigen Puppen zusammen, die bald das Puppenhaus bevölkern?

There is a story here and it seems like Nella’s, but it isn’t hers to tell.
– S. 245

Mit diesem Buch habe ich lange geliebäugelt: mir hat das Cover schon richtig gut gefallen, als ich es in England das erste Mal gesehen habe, auch der Klappentext hat mir zugesagt und letztendlich konnte ich ihm nicht widerstehen, als es mir hier erneut in der Buchhandlung über den Weg gelaufen ist. Nach dem Lesen verstehe ich nicht, warum ich es nicht schon früher mitgenommen habe, denn dieses Buch ist super!
Das liegt zum einem großen Teil an den Charakteren. Nella war mir von Anfang an sympathisch mit ihrer Unsicherheit über ihre Rolle im Haushalt Brandt, ihre neue Rolle als Ehefrau und dem Leben in Amsterdam, das sich stark von allem bisher bekannten unterschied. Ebenso sympathisch war sie mir in ihrem unbedingten Willen, sich diese Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, das Beste aus ihrer Situation zu machen und diese möglicherweise nach und nach zum besseren zu ändern.
Nella macht während des Buches eine Veränderung durch, was mir gut gefallen hat. Sie stagniert nicht in ihrer Situation, sondern versucht, im Gegenteil, etwas daran zu ändern und wächst an den neuen Umständen, in denen sie sich befindet. Im  Vergleich zu Johannes und Marin, dessen Schwester, ist sie recht ungebildet und als ihr dies klar wird, versucht sie, mehr über die Geschäfte ihres Mannes zu erfahren und ebenfalls Anteil an seinem Leben zu nehmen.
Marin und Johannes sind zudem echt ein Gespann für sich. Zwar ist er der erfolgreiche Geschäftsmann, aber sie hält ein Stück weit die Fäden in der Hand und von den Geschäften ihres Bruders hat sie mindestens soviel Ahnung wie dieser. Wie jeder Frau im 17. Jahrhundert ist es auch ihr verwehrt, ein eigenständiges und komplett selbstbestimmtes Leben zu führen, aber innerhalb des Brandt-Haushaltes ist sie eindeutig jene, welche das Sagen hat. Zudem habe ich durchgehend im Buch das Gefühl gewonnen, dass sie die Stärkere der Geschwister ist. Johannes ist kaum anwesend, Marin trifft alle relevanten Entscheidungen für den Haushalt. An ihr orientiert sich Nella in ihrer Entwicklung, denn obwohl ihr die häufig zur Schau gestellte Kälte und der Zynismus Marins zwar abgehen, so ist diese mit ihrem eisernen Rückrat und ihrer Intelligenz doch am nächsten an einem Vorbild für Marin.

„What can any of us do?“
– Marin, S. 112

Die Geschichte selbst konnte mich auch überzeugen. In meinen Augen liefert sie einen guten Einblick in das Amsterdam zur Zeit der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC), als die Stadt reich und voller Kaufleute, wie Johannes Brandt, war, stolz auf das Erreichte und einer der großen Spieler in der damaligen internationalen Politik. Auch die Verwicklungen der Kaufleute untereinander sind schön dargestellt und gesellschaftliche Anlässe sowie Rivalitäten, Freundschaft und Verrat großartig dargestellt.
Ein kleiner Minuspunkt ergibt sich daraus, dass es in meinen Augen immer mal wieder Stellen gab, in denen einfach nichts passiert ist. Besonders zu Beginn habe ich über ein ganzes Stück darauf gewartet, dass endlich etwas passiert. Allerdings wird dies bei weitem ausgeglichen durch die Spannung, die sich langsam aufbaut und die Charaktere, mit denen ich eine Menge Spaß hatte.

The Miniaturist ist ein historischer Roman, der mich absolut überzeugen konnte. Es hat mir eine Menge Spaß bereitet, über Nella und ihre Geschichte zu lesen. Zudem zeichnet Jessie Burton ein schönes und realistisches Bild vom Amsterdam des 17. Jahrhunderts.

Every woman is the architect of her own fortune.
– S. 76

5Sterne

Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia

Die Geschichte um Nella beruht lose auf dem Leben von Petronella Oortman, deren Puppenhaus die Vorlage lieferte für Nellas Puppenhaus und das im Rijksmuseum in Amsterdam steht.

Über Jessie Burton:
Burton wurde 1982 geboren und studierte in Oxford Englisch sowie Spanisch, später absolvierte sie eine Ausbildung zur Schauspielerin in London an der Royal Central School of Speech and Drama. Sie hatte kleinere Rollen an britischen Theatern unter anderem auch in London, daneben schreibt sie Essays für unterschiedlichste Zeitungen und Zeitschriften.
2014 erschien ihr erstes Buch The Miniaturist, das in über 30 Sprachen übersetzt wurde und zum Bestseller avancierte. Ende 2016 erschien ihr zweiter Roman, The Muse.
Burton lebt in London.
Quelle: Wikipedia

Weitere Meinungen zum Buch:

Rezension – Das Dorf der Wunder

Quelle: Aufbau
Quelle: Aufbau

Das Dorf der Wunder | Roy Jacobsen | Aufbau Taschenbuch | erschienen 2012
aus dem Norwegischen: Hoggerne | Übersetzerin: Gabriele Haefs
Taschenbuch: ISBN 978-3-7466-2771-7 | 9,99€

Im Winter 1939 herrschen -40°C, als die Russen in Finnland einmarschieren. Zuvor haben die Finnen die Dörfer evakuiert und auch in Suomussalmi fliehen alle Einwohner – bis aus Timo Vatanen. Der Holzfäller weigert sich, vor den Russen zu fliehen und wird durch sein gute Ortskenntnis bald unentbehrlich.

Mit diesem Buch habe ich in der Bücherei einen echten Schatz gefunden. Obwohl ich mich vom Klappentext her auf etwas anderes eingestellt hatte, wurde ich von der Geschichte nicht enttäuscht.
Das Buch erzählt vom Leben des finnischen Holzfällers Timo während des Zweiten Weltkriegs. Er wird durchgehend als „Dorftrottel“ und „Idiot“ bezeichnet, wird auch von den finnischen Dörflern herablassend und geringschätzig behandelt. Worauf das zurückzuführen ist hat sich mir allerdings nicht so richtig erschlossen, dies rettet ihn aber im Verlauf der Geschichte immer wieder. Er wird durch seine „Idiotie“ nicht als Gefahr angesehen und kommt auch mit einer Befehlsverweigerung eher durch.
Er wird einer kleinen Gruppe Russen zugeordnet, die nicht mehr kampftauglich sind und daher Bäume fällen und die restliche Division mit Feuerholz versorgen sollen. Er steigt schnell zu deren Anführer auf, insbesondere da er der einzige ist, der Ahnung vom Holzfällen hat. Zudem kann er durch seinen mangelnden Respekt vor den Befehlshabern immer wieder Vorteile für sich und seine kleine Kompanie rausschlagen.
Es geht in diesem Buch eindeutig nicht darum, die Welt im Ganzen zu bewegen. Timo kämpft keine heroischen Schlachten, er besiegt den Gegner nicht im Alleingang und er verändert auch den Lauf der Geschichte nicht. Aber inmitten der Wirren und Grausamkeiten des Krieges verändert er die Leben seiner russischen Kumpane und zeigt eine Menschlichkeit, wie sie wohl nur selten war – und vermutlich auch heute noch ist.
Ich habe oftmals gedacht, dass wir uns öfters ein Beispiel an Timo nehmen sollten. In einer Zeit voller Nationalismus, Diskriminierung und Krieg pfeift Timo auf Nationalität und Religion und hilft seinen Leidensgenossen, diesen Winter zu überstehen. Das Motiv hierfür bleibt unklar. Er sagt nie über sich, dass er aus diesem oder jenen Grund geholfen hätte. Aber vielleicht ist dies auch das Wichtigste an diesem Buch: zu zeigen, dass wir kein Motiv dafür brauch sollten, anderen Menschen zu helfen.

„That’s what you do when you see someone in need: you help them.“
– Ellen DeGeneres on The Ellen Show

Wir leben in einer Welt in der Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und der Hass auf alles Fremde wieder wachsen und Aufschwung bekommen (dabei sollte man meinen, dass wir etwas aus Timo Vatanens Zeit gelernt haben). Also sollten wir öfter einmal – wie Timo – auf Politik, Nationalität und Religion pfeifen und den Menschen helfen, die Hilfe benötigen.
Daneben bietet es aber auch einen eindrücklichen Einblick in das Leben der Soldaten an der bitterkalten Ostfront. Es zeigt auf, dass ein Großteil der einfachen Soldaten oftmals nur noch heim wollten zu ihren Familien. Selbstverständlich gab es unter den Russen ebenso wie unter den Deutschen oder allen anderen Truppen Menschen, die Freude daran hatten, Untergebene, Gegner oder unschuldige Zivilisten zu quälen. Aber ich denke, man darf davon ausgehen, dass es dem Gros der einfachen Soldaten, oftmals nur „Kanonenfutter“, nicht gefallen hat, in diesen Krieg verwickelt zu sein. Insofern hatte ich oftmals das Gefühl, dass dem Dorftrottel Timo gelungen ist, was vielen auch heute nicht gelingt: hinter die Fassade zu schauen, gesellschaftliche Konventionen zu ignorieren und die Menschen zu sehen.

Diesem Buch ist es durchgehend gelungen mich zu fesseln und trotz seiner verhältnismäßigen Kürze vermittelt es wichtige Gedanken und Inhalte auf spannende Weise. Ich lese ungern Kurzgeschichten oder Parabeln (als solche wird die Geschichte auf verschiedenen Websites bezeichnet), da ich immer das Gefühl habe, dass zu viel ungesagt bleibt. Ich bin kein Fan von Geschichten, in denen doppelt so viel zwischen den Zeilen wie in den Zeilen steht. Aber Roy Jacobsen findet genau die richtigen Worte und hat genau die richtige Art um mich zu fesseln.
Daher von mir eine dicke, fette Leseempfehlung!

goldene_SterneÜber Roy Jacobsen:
Jacobsen wurde 1954 in Oslo geboren. Sein Debüt, eine Sammlung von Novellen, erschien 1982, seit 1990 ist er Vollzeit-Autor. In Norwegen ist er bekannt für seine Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher und sehr angesehen. Seine Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Quelle: Wikipedia (DE / EN)

Weitere Meinungen zum Buch:

Rezension – Die Geliebte des Meisterspions

Quelle: LYX
Quelle: LYX

Die Geliebte des Meisterspions | Joanna Bourne | Egmont LYX | erschienen 2012
aus dem Englischen: The Spymaster’s Lady | Übersetzerin: Firouzeh Akhavan-Zandjani
Taschenbuch: ISBN 978-3-8025-8676-7 | 9,99€
E-Book: ISBN 978-3-8025-8915-7 | 8,99€
Leseprobe

Der britische Meisterspion Robert Grey reist nach Frankreich, um die berüchtigte Spionin Annique Villiers aufzuspüren. Durch einen Zufall landen beide in derselben Gefängniszelle und müssen zusammenarbeiten, um sich zu befreien. Robert glaubt, dass Annique wertvolle Informationen über Napoleons geplanten Angriff auf England besitzt. Er will sie deshalb nach London bringen. Doch Annique gelingt es ein ums andere Mal, sich ihm zu entziehen. Und Robert muss schon bald feststellen, dass die schöne Französin tiefere Gefühle in ihm weckt.
Quelle: Verlagswebsite

Dieses Buch konnte meine Erwartungen leider nicht erfüllen. Das größte Problem waren eindeutig die beiden Hauptpersonen. Mit ihnen bin ich einfach durchgehend über die 435 Seiten nicht warm geworden. Im Klappentext und den ersten paar Kapiteln erschien Annique, das Füchschen, mir wie eine starke, unabhängige Frau. Doch dann wird sie plötzlich zu einem kleinen Mäuschen, das ständig einen Mann – natürlich nur Robert! – zum Anlehnen braucht. Zudem war sie mir durchgehend nicht sympathisch. Meistens empfand ich ihr Verhalten nur als unlogisch und nicht sehr freundlich.
Auch Robert reagiert mal so und mal so und ich wusste nie so genau, woran ich jetzt bin. Zu Beginn des Buches hasst er Annique, aber das erledigt sich irgendwann und warum, weiß ich auch am Ende des Buches nicht so genau. Davon einmal abgesehen kam er meiner Vorstellung eines erfolgreichen Spions um einiges näher als Annique.
Das Verhältnis zwischen den beiden war mir ein Rätsel. Als besonders störend empfand ich, dass Annique zwar schon von Kindesbeinen an im Dienst des französischen Geheimdienstes steht, ihre Mutter zeitweise ein Bordell betrieb, sie zugegebenermaßen die Männer gerne verführt um an Informationen zu kommen, aber dennoch Jungfrau ist. Warum müssen die Frauen in den Liebesromanen denn immer Jungfrauen sein? Warum können sie nicht eine Reihe von Liebhabern gehabt haben und ihre Männer verführen, statt andersherum? Und, vielleicht bin ich in diesem Punkt etwas übersensibel, aber besonders die erste Sexszene zwischen den beiden kam mir über weite Längen als nicht einvernehmlich vor. So ging es immer weiter und teilweise habe ich wirklich nur den Kopf geschüttelt über das, was sich zwischen den beiden abspielt.
Auch die Handlung selbst war in meinen Augen bestenfalls überladen, meistens aber verworren und verwirrend. Es wirkte, als wollte die Autorin unbedingt lange über ihr zwei Helden berichten und musste deswegen immer wieder einen neuen Plottwist einführen. Diese waren aber erstens teilweise sehr vorhersehbar und es kam zweitens viel zu oft zu solchen „Überraschungen“, sodass diese dann nicht mehr überraschend waren.

Ich gebe diesem Buch zwei Sterne, da ich sowohl die Grundidee als auch einige Entwicklungen im Buch sehr gut fand, die Geschichte aber mit zunehmender Dauer immer mehr nachgelassen hat und auch die Charaktere mich nicht voll überzeugen konnten.

2Sterne

Rezension – Iran

Quelle: Penguin Books
Quelle: Penguin Books

Iran: Empire of the Mind | Michael Axworthy | Penguin Books | erschienen 2008
Taschenbuch: ISBN 978-0-141-03629-8 | £9.99
Leseprobe

Iran often appears in the media as a hostile and difficult country. But beneath the headlines there is a fascinating story of a nation of great intellectual variety and depth, and enormous cultural importance. A nation whose impact has been tremendous, not only on its neighbours in the Middle East but on the world as a whole – and through ideas and creativity rather than by the sword.
*Quelle: Penguin Books

Nachdem mich die Saladin-Biographie von John Man so begeistert hat, wollte ich unbedingt mehr über die islamische Welt erfahren. Denn wenn wir einmal ehrlich sind: wie viel wissen wir wirklich über den Islam? Und über islamische Länder? Natürlich, wo sie liegen. Und vermutlich noch, welche Probleme sie gerade wieder machen. Aber das zeigt doch schon, dass wir sie nur aus unserer Sicht betrachten und Maße anlegen, die man dabei nicht anlegen kann, weil sie einfach nicht passen. Man kann einen Staat, der eine gänzlich andere Kulturgeschichte erfahren hat nicht an den Maßstäben unserer Kulturgeschichte messen.
Daher finde ich es umso interessanter, quasi einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Und dazu gehört für mich, dass man sich über die Geschichte eines Landes informiert. Dieses Buch gibt einen richtig guten Überblick über die Geschichte des Irans und ist auch für Leser verständlich, die sich zuvor nicht damit beschäftigt haben. Er geht auf geopolitische Entwicklungen ebenso ein wie auf religiöse und widmet auch der iranischen Literatur ein ganzes Unterkapitel – schließlich sagt er im Titel, dass der Iran ein „Empire of the Mind“ ist.

You who are without sorrow for the suffering of others
You do not deserve to be called human
– Sa’di in seinem Werk Golestan, 1258 (S. 112)

Kleiner Einwurf: Wusstet ihr, dass über dem Eingang der UN in New York eine Zeile aus dem Golestan steht? Ich wusste es nicht, aber finde es toll!

Besonders überraschend fand ich hierbei immer, dass Jahrhunderte alte Lyrik auch heute noch Relevanz hat – und dass sie keineswegs nur auf die islamische Welt und ihre Gebräuche bezogen ist. Das obige Zitat lässt sich in Deutschland genauso gut anwenden  wie im Iran, den USA oder in Thailand.
Dabei geht es keineswegs nur um Moralisches und auch Politik spielt zwar in vielen, aber nicht allen Gedichten, die aufgezeigt werden, eine Rolle. Beispielsweise geht es in einem Buch von Naser-e Khosraw darum, sich selber zu lieben – und dieser Herr hat im 11. Jahrhundert gelebt.
Natürlich dreht sich viel um die politische Entwicklung. Wenn man eine so kurze Übersicht (das Buch hat nur 298 Seiten) über die lange Geschichte eines Landes geben will, dann muss man sich auf das Wichtigste beschränken. Und die Politik spielt nun einmal eine sehr wichtige Rolle.
Für mich ist ein Sachbuch, das die Geschichte eines Landes (teilweise) aufarbeitet, immer dann gelungen, wenn ich nach der Lektüre das Gefühl habe, die Menschen besser zu verstehen. Das ist hier der Fall. Ich verstehe jetzt besser, warum der Iran dem Westen so misstraut, bin diesem Gegenüber auch kritischer eingestellt, was den Umgang (auch in der Vergangenheit) mit aufstrebenden Staaten angeht.
Gut gefallen hat mir auch, dass Michael Axworthy zwar viele Handlungen des Iran, sowohl historische als auch aktuelle, zwar erklärt, aber nicht zwingend verteidigt. Und er zeigt auch auf, dass einige Handlungen nicht entschuldbar sind. Seiner Meinung nach schlummert in den Iranern und ihrem Land ein unglaubliches Potential, dass durch eine engstirnige und eigennützige Elite (S. 297) regiert und unterdrückt  wird.
Außerdem ist es ihm, zumindest bei mir, gut gelungen, Parallelen zwischen den Kulturen aufzuzeigen. Dadurch erscheinen Rituale und Bräuche weniger fremdartig und merkwürdig – oder zumindest nur so merkwürdig wie die eigenen Rituale und Bräuche.
Auch dieses Buch zeigt im übrigen wieder, dass die Menschheit äußerst selten aus der Geschichte lernt und sich die immer gleichen Dinge ständig wiederholen. Auf Seite 140 heißt es:

There were always hangers-on and pseudo-mullahs who could attract a following among the luti (unruly youths) of the towns by being more extreme than their more reflective, educated rivals.

Das dürfen wir gerade wieder in Amerika beobachten und auch der Aufstieg der AfD stellt nichts anderes dar (über das educated lässt sich streiten, aber reflective sind weder Trump noch die AfD).

Wer sich für die Geschichte des Irans und die Hintergründe einiger Konflikte im Nahen Osten interessiert, sollte sich dieses Buch unbedingt zulegen (es gibt es allerdings nur auf Englisch). Es bietet einen guten Überblick, geht auf alle wichtigen Themen ein, oder überladen zu wirken. Die englische Sprache bietet möglicherweise (vor allem ungeübten Lesern) Probleme, aber wenn man sich einmal eingefunden hat, ist es auch unterhaltsam.

The Achaemenid Empire was an Empire of the Mind, but a different Kind of Mind.
– Michael Axworthy, S. 24

5SterneKaufen kann man das Buch bei bücher.de


*Anmerkung: Normalerweise schreibe ich die Inhaltsangabe zu den Büchern, die ich rezensiere, selber. Hier hatte ich aber das Gefühl, dass ich es nicht besser (oder annährend so gut) hätte machen können, daher habe ich den Klappentext vom Verlag übernommen.

Roman eines Schicksallosen

Quelle: Rowohlt
Quelle: Rowohlt

Roman eines Schicksallosen | Imre Kertész | Rowohlt | erstmals 1975 in Ungarn veröffentlicht
ISBN 978-3-499-22576-5 | 9,99€

Über Imre Kertész:
Kertész wurde 1929 in Budapest geboren. 1944 wurde er zunächst nach Auschwitz und von dort nach Buchenwald und letztendlich Zeitz deportiert. Nach der Befreiung im April 1945 kehrte er nach Budapest zurück. Nach dem Abitur arbeitete er als Journalist, später als freier Übersetzer und Schriftsteller. Dabei übersetzte er auch Werke von Nietzsche oder Sigmund Freud. 1953 lernte er seine erste Frau kennen, mit der er bis zu ihrem Tod zusammen war. 1960 begann er mit der Arbeit an Roman eines Schicksallosen. Es zählt zu den wichtigsten Werken über den Holocaust und verhalf ihm weltweit zu Ruhm. Ab 2001 lebte er zusammen mit seiner zweiten Frau in Berlin. Ein Jahr später erhielt er den Literatur-Nobelpreis für sein literarisches Gesamtwerk. Dazu zählen neben Roman eines Schicksallosen noch drei weitere Bücher, die sich um den Holocaust drehen und teilweise autobiografisch inspiriert sind. 2005 wurde Roman eines Schicksallosen verfilmt. 2012 zog er aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung nach Budapest zurück, wo er am 31. März 2016 starb.

In Roman eines Schicksallosen verarbeitet Kertész seine Zeit im Konzentrationslager. Aus der Sicht des 15-jährigen György werden Deportation, Selektion und der Alltag, das Überleben, im Konzentrationslager beschrieben. Dabei fehlt diesem Buch aber der Ausdruck von Abscheu und Ablehnung, den man von anderen Büchern zu dem Thema kennt und auch erwartet.

Im Klappentext zu diesem Buch steht:

Es gibt kein literarisches Werk, das in dieser Konsequenz […] der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist.
Rowohlt

Dieser Satz fasst recht gut zusammen, was dieses Buch von anderen Werken über den Holocaust, seien sie nun autobiografisch oder romanhaft, abhebt. Und diese Tatsache macht es ungleich schwerer, das Buch zu lesen. In diesem Buch wird eine Naivität von Seiten des Protagonisten weitergegeben, die manchmal schwer zu ertragen ist. Es ist eines der Bücher, die ich nicht am Stück durchlesen kann. Ich habe immer mal wieder Pausen gebraucht, um die Handlung zu verarbeiten. Besonders schwierig wird es dadurch, dass man als Leser ganz genau weiß, dass sich die Hoffnungen des Protagonisten zerschlagen werden. Und so möchte man manchmal in das Buch hineingreifen, ihn schütteln und ihm sagen, dass die Nazis ihre Versprechen nicht halten und dass eben nicht alles gut wird.
György findet immer eine Begründung für das Verhalten der Nazis und eine Argumentationskette, welche die Vorgänge im Lager auf kranke Art und Weise doch logisch erscheinen lassen. Es mangelt an der Empörung und dem Unverständnis, das man aus anderen Büchern über den Holocaust kennt.
Auch liegt sein Fokus weniger auf den Vorgängen im Lager, sondern mehr auf den Veränderungen, die er und seine Mithäftlinge durchlaufen. Wo zu Beginn noch ein lebensmutiger Jugendlicher den Weg in diese Hölle antritt, steht am Ende eine ausgemergelte Gestalt, die sich bei der Befreiung der Lager mehr darüber freut, dass es wie geplant etwas zu essen gibt, als über die wiedererlangte Freiheit. Diese vollständige Reduzierung auf Überlebensinstinkte erlebt man hierbei Schritt für Schritt mit. Im Nachhinein wirkt dieses sogar um einiges „wahrer“, als die Empörung, die man aus anderen Büchern über den Holocaust kennt. György scheint nicht die Energie zu haben, sich über die Ungerechtigkeiten, die er und seine Mithäftlinge erleiden müssen, aufzuregen.
Die Neue Zürcher Zeitung schreibt zu diesem Roman:

„Gezielt entzaubert der Autor die Mythologie des Leidens, wenn er die komplexe Opfer-Täter-Dynamik herausarbeitet. Wo sie nicht religiös begründet ist, kommt die jüdische Selbstbeschwichtigung im Roman als Rationalisierung daher.“
Schöne Tage in Buchenwald“ von Andreas Breitenstein, NZZ vom 27. April 1996

Die „jüdische Selbstbeschwichtigung“ wird in Roman eines Schicksallosen perfektioniert. Zwar wird auch hier das Hadern mit dem Schicksal und die Unsicherheit der Deportierten über eben jenes dargestellt. Aber dies kommt eher von Seiten Dritter – Györgys Familie, Deportierte im Zug – und nicht vom Protagonisten selber. Er findet immer einen logischen Grund für das Handeln seiner Wärter und beruhigt sich damit selbst. Bis die Quälereien zu einer solchen Selbstverständlichkeit werden, dass er einer guten Behandlung misstrauisch gegenüber steht.
Vielleicht das Einzige, was dieses Buch mit anderen über den Holocaust zu tun hat: es wird wieder deutlich, dass man die Konzentrationslager nur durch Zufall überleben konnte.

Ich möchte mir bei diesem Buch fast nicht anmaßen, eine Bewertung abzugeben. Es ist ein unglaublich aufrüttelndes, nachdenklich machendes und, ja, auch verstörendes Buch über diese Katastrophe des 20. Jahrhunderts – und daher auch ein unglaublich wichtiges Zeitzeugnis. Und wie sollte es mir zustehen, darüber eine Wertung abzugeben. Ich tue es letztendlich trotzdem: weil es so wichtig ist und den Leser in seinen Bann zieht und mich auch jetzt noch nicht – fast einen Monat nach der Lektüre – losgelassen hat.

5Sterne

Denn Liebe ist stärker als Hass

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Quelle: Amazon

Denn Liebe ist stärker als Hass | Shlomo Graber | Riverfield | erschienen 2015
ISBN 978-3-9524463-0-0 | 29.90€
Leseprobe

Über Shlomo Graber:
Graber wurde 1926 in der Tschechoslowakei geboren. 1931 siedelte die Familie nach Ungarn über, im Mai 1944 wurden sie nach Auschwitz deportiert. Nach Aufenthalten in zwei weiteren KZs und einem Todesmarsch, den er überlebte, wurde Shlomo Graber am 8. Mai 1945 im KZ Görlitz befreit. Außer dem Vater wurden alle Familienangehörigen ermordet.
Drei Jahre später wanderte er nach Israel aus, bevor er 1989 nach Basel übersiedelte. Dort arbeitet er als Kunstmaler.
Quelle: Grabers Website

In seiner Autobiographie erzählt Shlomo Graber wie er drei Konzentrationslager und einen Todesmarsch überlebt und wie er schließlich die Befreiung erlebt. Er berichtet auch von seinem Werdegang nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg und davon, wie er trotz des Holocausts und des Verlusts seiner Familie, seinen Lebensmut bewahrt.

In diesem Buch schafft Graber es, eine Balance zwischen seiner eigenen Geschichte und dem Weltgeschehen zu halten. Besonders zu Beginn ergänzt sich dieses wunderbar. So erfährt man, wie einzelne Entscheidungen der Nazis letztendlich zur Deportation der Familie führen. Gleichzeitig erfährt man, wie Grabers Jugendjahre ablaufen.
Da das Buch wie ein Roman geschrieben ist und zudem viel mithilfe von Anekdoten erzählt wird, bereitet es keinerlei Schwierigkeiten, das Buch zu lesen – ich habe es verschlungen. Dennoch wird der Geschichte dadurch nicht ihre Wichtigkeit und Tragik abgesprochen. Und sie zeigt auch wieder, dass man die KZs nur durch reinen Zufall überleben konnte – wenn Wächter doch einmal ein Auge zudrücken oder man durch Glück an etwas zu Essen kommt.
Inmitten dieser Hölle bewahrte sich Graber eine unglaublich positive Haltung und einen Lebensmut, der mich oft überrascht hat. Zwar hadert er, verständlicherweise, mit der Tatsache, dass seine Familie ermordet wurde und dass sich seine Heimat innerhalb eines Jahres drastisch verändert hat. Auch sein erster Besuch in Deutschland nach einigen Jahren bereitet ihm Probleme. Aber insgesamt hat er eine sehr positive Einstellung und betont immer wieder, dass er den Deutschen gegenüber keinen Hass hegt.
Wir scheinen manchmal zu vergessen, dass wir nicht für die Taten unserer (Ur-)Großväter-Generation verantwortlich sind. Ich will damit auf keinen Fall sagen, dass wir vergessen sollten, was die Nationalsozialisten verbrochen haben. Aber ich finde es schon auffällig, dass hier in Großbritannien europäische Geschichte – insbesondere auf Deutschland bezogen – quasi mit dem Zweiten Weltkrieg endet. Besonders ausgeprägt ist das in den Buchhandlungen: Viele, viele Bücher zum Dritten Reich, vereinzelt dann noch zum Mauerfall, aber das war’s! Und auch wenn wir uns gerade politisch mal wieder nicht mit Ruhm bekleckern (Stichwort Landtagswahlen), ist es in meinen Augen falsch, uns auf diesen enormen Riesenfehler aus unserer Vergangenheit zu reduzieren – letztendlich sind wir auch das Land der Dichter und Denker!
Insofern hat mir die Haltung Grabers also sehr gut gefallen. Auch in vielen anderen Punkten, die er anspricht, sei es politisch oder persönlich, konnte ich mit ihm übereinstimmen. Dadurch zählt dieses Buch aber auch zu einem der am wenigsten kontroversen Erinnerungen an den Holocaust, das ich bisher gelesen habe. Bei der Judenverfolgung gab es zwar offenbar keine Perversion, die nicht möglich war, aber in vielen anderen Büchern fällt es dennoch schwer, gewisse Entscheidungen und Gefühlslagen nachzuvollziehen. Wie sollte dies auch möglich sein? Letztendlich, denke ich, kann nur ein KZ-Überlebender einen KZ-Überlebenden wirklich verstehen. Aber bei Shlomo Grabers Autobiographie fiel mir das erstaunlich leicht – fast schade, denn so hat es mich um einiges weniger zum Nachdenken angeregt.
Besonders in Erinnerung bleiben wird mir, dass er Hitler den „kleinen Mann mit dem kleinen Schnauzer“ nennt. Dadurch nimmt er ihm den Schrecken und macht ihn ein wenig lächerlich.

5Sterne

Madame Picasso

Quelle: Aufbau-Verlag
Quelle: Aufbau-Verlag

Madame Picasso | Anne Girard | Aufbau | erschienen 2015
ISBN 978-3-7466-3138-7 | 12.99€
Leseprobe

Über Anne Girard:
Unter dem Pseudonym Anne Girard schreibt die US-amerikanische Autorin Diane Haeger. Sie hat Psychologie und englische Literatur studiert. 1993 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Seitdem wurden ihre Bücher in 18 Sprachen übersetzt.
Mit ihrem Mann und ihren Kindern lebt sie in Südkalifornien.
Quelle: Buch, Diane Haegers Blog

Eva Gouel verlässt ihr Heimatdorf, um in Paris ihr Glück zu suchen. 1911 trifft sie dort auf den Künstler Pablo Picasso und verliebt sich in ihn. Entgegen ihrer Erwartungen erwidert er ihre Gefühle und zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die den Künstler für immer prägen wird. Eva gilt als Picassos große Liebe und verändert sein Leben.

Anne Girard ist es mit diesem Roman gelungen, ein wunderbares Bild zu zeichnen von einer Frau, die kaum Zeugnisse hinterlassen hat – außer in Picassos Bildern und in den Erinnerungen des Künstlers und seiner Freunde. Sie stellt eine Frau dar, die zwar vom Land kommt und manchmal eine entsprechende Unschuld zeigt, gleichzeitig jedoch sehr willensstark und zielstrebig ist. Diese zwei Eigenschaften widersprechen sich nie, sondern zeigen eine sehr sympathische junge Frau.
Auch die Beziehung der beiden, die ein wenig holprig beginnt und einige Widerstände überwinden muss, wird als eine Beziehung dargestellt, wie sie sich wohl viele wünschen: Pablo Picasso und Eva Gouel ergänzen einander wie zwei Puzzlestücke. Allerdings ist die Beziehung nicht immer harmonisch, wenn der impulsive Künstler und die besonnene Eva aneinander geraten. Aber Anne Girard schafft es immer, das Glück zu vermitteln, das die zwei miteinander empfinden. Und ihr gelingt ein kleines Kunststück, denn es wird nie kitschig.
Zudem wird eine wichtige Zeit des 20. Jahrhunderts dargestellt: der Weg in den ersten Weltkrieg und den Ausbruch desselben. Auch wenn erst recht spät dieser Thematik ein Platz im Roman eingeräumt wird, zeigt er doch eine interessante Sichtweise auf: die Pablo Picassos und seiner spanischen Freunde, welche nicht eingezogen werden, aber doch den Weggang enger Freunde erleben müssen und eine recht pazifistische Haltung haben. Diese Sichtweise ist in meinen Augen so interessant, weil darüber kaum je berichtet wird. Besonders Deutschland, über welches ich nun einmal am meisten gelernt habe, wird als allgemein kriegslüstern dargestellt.

Ich kann dieses Buch nur empfehlen. Auch wenn man kein Fan Pablo Picassos ist, stellt es eine spannende Zeit und eine wunderbare, berührende Liebesgeschichte dar.

„Liebe vollbringt vieles, was unerwartet ist.“
– Eva Gouel

5Sterne