Die Frau, die nicht lieben wollte

Quelle: S. Fischer
Quelle: S. Fischer

Die Frau, die nicht lieben wollte | Stephen Grosz | S. Fischer | erschienen 2013
ISBN 978-3-10-028715-1 | 19.99€ (Hardcover)
Leseprobe

Über Stephen Grosz:
Grosz wurde 1952 in Indiana geboren. Er studierte sowohl an der University of California als auch in Oxford. Seit über 25 Jahren ist er als Psychoanalytiker in London tätig und unterrichtet dort auch am University College.
Die Frau, die nicht lieben wollte wurde in 14 Sprachen übersetzt. Außerdem schreibt Grosz regelmäßig für die „Financial Times“.
Quelle: Buch, Wikipedia

In Die Frau, die nicht lieben wollte beschreibt Grosz zahlreiche Fälle die er als Psychoanalytiker betreut hat. Dabei gibt er einen faszinierenden Einblick in seine Arbeit, in der es nicht immer darum geht, die Personen in irgendeiner Form zu „heilen“. Teilweise beschreibt er, inwiefern die Personen ihn besonders berührt haben und welche Auswirkungen dies auf ihn hatte. Manchmal erklärt er anhand eigener Erfahrungen Sachverhalte, die sich jeder zu Herzen nehmen kann und vielleicht auch sollte – beispielsweise wie man einem Kind schadet, indem man es zu oft lobt.

Ich habe von diesem Buch durch meine Psychologie-Lehrerin erfahren; sie hat uns ein paar Fälle daraus vorgelesen. Ich finde es spannend, zu lesen, welche Schlüsse er aus bestimmten Verhaltensweisen zieht. Überrascht haben mich dabei vor allem zwei Dinge: zum einen mit welch unterschiedlichen Problemen die Menschen zu Grosz gekommen sind; von AIDS-Kranken über Ehepaare bis hin zu Kinder, wobei ich das Gefühl hatte, dass besonders diese Fälle ihn sehr beschäftigt haben beziehungsweise immer noch beschäftigen. All seine Patienten stellt er auf sympathische dar und, viel wichtiger, man kann sie förmlich vor sich sehen – das bockige Kind ebenso wie die seriöse Geschäftsfrau oder den lässigen Studenten.
Interessant fand ich auch, welche große Bandbreite die „Behandlungsmethoden“ haben. Es gibt Dinge, die hatte ich erwartet. Beispielsweise die Traum-Analyse oder das Erinnern an die Kindheit. Mit anderem habe ich nicht gerechnet. So hat er nicht nur einmal hinterfragt, wie der Patient auf ihn, also Grosz, wirkt, um letztendlich einen Grund für dessen Verhalten herauszufinden.
Diese wahren Geschichten beschreibt Grosz auf sehr lockere Art und Weise, ohne dabei zu untergraben, wie sehr ihm die Fälle teilweise nahe gingen. Das Buch ist auch für Laien gut verständlich (in erster Linie auch für Laien ausgelegt); sollte doch einmal ein Fachbegriff vorkommen, wird dieser erklärt. Teilweise musste ich auch ein wenig lächeln, aber meistens war ich einfach nur erstaunt.

Die Frau, die nicht lieben wollte ist ein unterhaltsames Buch, welches Laien in die unterschiedlichsten Ausprägungen der menschlichen Psyche entführt und einen Einblick in die Arbeit eines Psychoanalytikers gibt. All das ist gewürzt mit der ein oder anderen Lebensweisheit.

Die Zukunft ist eine Phantasie, die unsere Gegenwart prägt.
– Stephen Grosz (S. 167)

5Sterne

Engelsmacht – Kurz gefasst

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Quelle: Egmont LYX

Engelsmacht | Nalini Singh | Egmont LYX | erschienen 2016
ISBN 978-3802596407 | 9.99€ (Taschenbuch)/8.99€ (Kindle-Edition)
Leseprobe

Klappentext:
Naasir sehnt sich nach einer Gefährtin, einer Frau, die ihn so liebt, wie er ist: wild und ungezähmt. Von Raphael, dem Erzengel von New York, erhält er einen Auftrag: Naasir soll die Gelehrte Andromeda bei ihrer Suche nach Alexander, einem der Uralten, unterstützen und sie beschützen. Schon bei ihrer ersten Begegnung ist Naasir hingerissen von dem Engel, doch Andromeda hat ein Keuschheitsgelübde abgelegt, das sie nur unter einer Bedingung brechen wird. Bevor Naasir ihr Geheimnis ergründen kann, wird die Gelehrte entführt …
Quelle: Egmont LYX

In diesem Buch ist es der Autorin wunderbar gelungen, die Gefühlswelt eines Wesen, das selbst in einer Welt voller Engel und Vampire einem Mythos gleichkommt, zu beschreiben. Sie hat Naasirs Vielschichtigkeit so dargestellt, dass man sich wirklich in ihn hineinfühlen konnte und – vielleicht die größere Herausforderung – dass seine verschiedenen Seiten sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen, ohne dabei widersprüchlich zu wirken und das, obwohl diese Seiten teilweise doch sehr widersprüchlich sind.
Andromeda ist eine Frau ganz nach meinem Geschmack: intelligent, gebildet, wissensdurstig und dennoch auch kämpferisch und willensstark. Ich konnte mich sehr schnell in sie einfühlen und habe mit ihr gelitten.
Weniger gefallen hat mir, dass das Buch stellenweise sehr vorhersehbar war. Dass das Ende klar ist, kann man sich ja fast schon denken, aber auch manche der Entwicklungen während der Handlung waren absehbar.

4Sterne

Laufen. Essen. Schlafen.

Quelle: Piper
Quelle: Piper

Laufen. Essen. Schlafen. | Christine Thürmer | Piper | erschienen 2016
ISBN 978-3-492-97383-0 | 16.99€ (Paperback)/12.99€ (E-Book)
Leseprobe

Über Christine Thürmer:
Thürmer war eine echte Karrierefrau – bis ihr mit 36 Jahren der Job gekündigt wurde. Aus heutiger Sicht bezeichnet sie es als das Beste, was ihr passieren konnte. Denn sie machte sich auf, um den Pacific Crest Trail zu wandern. Dabei leckte sie sozusagen Blut und obwohl sie nach Deutschland zurückkehrte, hatte sie bereits mit 41 Jahren die Triple Crown beendet: den Pacific Crest Trail, Continental Divide Trail und den Appalachian Trail zu wandern. Insgesamt ist sie bis heute rund 32.000 km gewandert, 22.000 km Fahrrad gefahren und hat 5.000 km im Boot zurückgelegt.
Quelle: Christine Thürmers Blog The Big Trip

Nachdem ihr gekündigt wird, beschließt Christine Thürmer 2006, den Pacific Crest Trail im Westen der USA zu laufen. 2007 kündigt sie auch ihren neuen Job und läuft den Continental Divide Trail sowie den Appalachian Trail. Seitdem ist sie zwar noch viele tausende Kilometer gelaufen, aber dieses Buch berichtet von den ersten drei Trails. Thürmer beschreibt die Planung, die den Trails vorausgeht und berichtet vom Leben als sogenannter thruhiker.

Ein Satz aus diesem Buch ist mir besonders in Erinnerung geblieben:

„Wenn Sie sich erst finden müssen, dann schaffen Sie einen solchen Trail nie. Fünf Monate allein zu Fuß durch die Wildnis – dabei müssen Sie schon sehr gut mit sich selbst auskommen.“
– Christine Thürmer (S. 163)

Denn das steht in starkem Widerspruch zu dem, was man oft über Wanderberichte liest und auch zu dem, was ich erwartet hatte. Enttäuscht hat mich das Buch dennoch nicht. Thürmer beschreibt mit Humor die euphorischen Momente und Rückschläge, erzählt von Freundschaften, aber auch von dem organisatorischen Teil der Wanderungen. Wie genau für eine monatelange Wanderung gepackt wird und wie viel Planung letztendlich in diesem scheinbar freien Leben liegt. Da ich mich vorher noch nie mit diesem Thema beschäftigt habe, hat mich einiges doch sehr erstaunt. Mir war beispielsweise nicht bewusst, wie groß die Community dieser „Outdoor-Junkies“, wie Thürmer sie nennt, ist.
Es hat einfach Spaß gemacht, diese Wandlung einer Bürofrau zu einer dreckstarrenden Wanderin zu erlesen. Auch wenn ich viele ihrer Entscheidungen nicht nachvollziehen konnte – das macht uns auch aus, dass wir so unterschiedlich. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, einen Lebensstil wie Thürmer zu führen, war es doch interessant, in diese Welt ein Stück weit einzutauchen.
Dieses Buch hat mir auch wieder vor Augen geführt, mit wie wenig wir letztendlich auskommen können. Diese thruhiker leben wirklich nur mit dem nötigsten und haben teilweise Strecken, auf denen falsch rationierte Lebensmittel zu einem lebensgefährlichen Problem werden können. Andererseits gibt es entlang der Strecken, über die dieses Buch berichtet, zahlreiche Helfer. Diese Hilfsbereitschaft hat mich doch immer wieder überrascht und ein wenig sprachlos zurückgelassen – wer weiß, ob ich in einer solchen Situation ebenfalls als Helfer gehandelt hätte!
Mit Thürmer ist dieses Buch zudem aus der Sicht einer Frau geschrieben, die ganz genau weiß, was sie will und dafür bereit ist, sehr viel zu opfern. Auch wenn ich vermutlich nie zu einem thruhiker werde, ist sie doch ein Vorbild, denn letztendlich müssen wir mit unserem Leben zufrieden sein und es leben können! Ich denke, dass diese Tatsache im Buch sehr deutlich aufgezeigt wird und allein dafür lohnt es sich, dieses Buch zu lesen.

Ich kann ankommen, wann immer ich will.
– Christine Thürmer (S. 321)

5Sterne

Postern of Fate

Postern_of_FatePostern of Fate | Agatha Christie | HarperCollins | erschienen 1973
ISBN 9780062074348 | £13.99
Leseprobe (englisch)

Über Agatha Christie:
Agatha Christie wurde 1890 im britischen Torquay geboren und starb 1976 in Wallingford.  Sie ist weltweit als die Queen of Crime bekannt und wird in den Verkaufszahlen ihrer Bücher nur von der Bibel und Shakespeare übertrumpft. Insgesamt schrieb Christie mehr als 60 Kriminalromane; daneben sind aber auch einige Kurzgeschichten und Bühnenstücke entstanden. Ihre berühmtesten Figuren sind Hercule Poirot und Miss Marple.
Quelle: Wikipedia

Tuppence und Tommy Beresford kaufen ein Haus in einem kleinen Dorf und bekommen von den Vorbesitzern auch einige Bücher „vererbt“. Als Tuppence auf einige merkwürdige Markierungen in einem der Bücher stößt, ergibt sich daraus eine beunruhigende Nachricht: „Mary Jordan did not die naturally“. Zusammen mit ihrem Ehemann Tommy macht sie sich auf die Suche, was vor sechzig Jahren wirklich in ihrem Haus geschah.

Mit diesem Buch habe ich mich einmal von Monsieur Poirot und Miss Marple abgewandt und über ein Paar ganz anderer Ermittler von Agatha Christie gelesen. Denn das Tommy und Tuppence sich stark von den oben genannten unterscheiden, wird schnell klar.
Die beiden sind im Rentenalter und haben sich das Haus als Alterswohnsitz gekauft. Tuppence wurde in meinen Augen oft reichlich naiv dargestellt, während Tommy ein bisschen auf „Harte Schale, weicher Kern“ gemacht hat. Zunächst denkt er, dass seine Frau sich mit der Nachricht über Mary Jordans Tod in etwas hineinsteigert, aber er hilft ihr doch – einfach nur um sie glücklich zu machen. Dabei behandelt er sie manchmal wie ein Kind, indem er ihr ständig Anweisungen gibt, dass sie auf sich achten soll, dieses oder jenes nicht tun sollte und niemandem vertrauen soll. Dennoch(oder gerade deswegen) waren die zwei absolut liebenswert und Christie ist es mit diesen beiden wieder einmal gelungen, Charaktere auf sehr einprägsame Weise darzustellen.
Weniger gefallen hat mir in diesem Buch, dass die zwei Ermittler sich sehr oft in Andeutungen vergehen und ich nicht das Gefühl hatte, dass sie wirklich etwas Handfestes zutage fördern. Der Fall wird zwar am Ende aufgelöst, aber auf mich wirkte es, als ginge diese Lösung nicht wirklich von Tuppence und Tommy aus. Das hat mich gestört, da ich ganz andere Erwartungen hatte. Ich hatte auf einen weiteren Fall à la Poirot gesucht und diesen in diesem Buch leider nicht gefunden.
Die Idee an sich hat mir aber gut gefallen, ebenso wie die Tatsache, dass Tuppence ein Bücherwurm ist. Wie bei anderen Büchern von Christie auch, ist mir dieses nicht langweilig geworden und es hat Spaß, über Tuppence‘ teilweise merkwürdige Ermittlungsmethoden zu lesen. Zudem war es für mich unterhaltsam über das englische Landleben in den Siebzigern zu lesen, da ich das englische Landleben gerade in vollen Zügen erfahre.

Dieses Buch hat meine Erwartungen zwar nicht erfüllt, war aber dennoch eine angenehme und unterhaltsame Lektüre, die ich genossen habe.

Always underneath the smooth surface there was some black mud.
– Tuppence Beresford

4Sterne

One Hundred Days of Happiness

One_Hundred_Days_of_HappinessOne Hundred Days of Happiness | Fausto Brizzi | Picador | erschienen 2015
ISBN 9781447269014 | 15.19€
Leseprobe (englisch)

Über Fausto Brizzi:
Brizzi wurde 1968 in Rom geboren. Er ist Drehbuchautor, Regisseur und Produzent zahlreicher Filme, für die er auch schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Einer seiner erfolgreichsten Filme ist Notte prima degli esami (engl.: The Night Before The Exams), der über 15 Millionen Euro einspielte und mehrere italienische und europäische Preise erhielt. One Hundred Nichts of Happiness ist sein Debütroman, der in Italien zum Bestseller wurde und in über 20 Ländern verkauft wird.
In zweiter Ehe ist er seit 2014 mit der italienischen Schauspielerin Claudia Zanella verheiratet.
Quellen: Picador, Wikipedia

Als Lucio Battistini erfährt, dass er aufgrund von Krebs nur noch drei Monate, also rund hundert Tage, zu leben hat, beschließt er, diese zu glücklichen Tagen zu machen – und ein paar Dinge ins Reine zu Bringen. Seine Frau Paola hat ihn nämlich rausgeschmissen und er schläft im Hinterzimmer der Bäckerei seines Schwiegervaters. In dem Bemühen, seine Frau zurückzugewinnen, will er die ihm verbliebenen Tage so glücklich wie möglich gestalten. Dafür reist er mit Paola und den beiden gemeinsamen Kindern einmal quer durch Italien, schließt neue Freundschaften, lacht und gibt sich Mühe, der Mann zu sein, der er immer sein wollte.

Dieses Buch hat mich richtig begeistert und zählt jetzt schon zu meinen absoluten Highlights des Jahres!
Das ein Buch über Krebs begeistern kann, wissen wir spätestens seit Das Schicksal ist ein mieser Verräter alle. Obwohl One Hundred Days of Happiness ein ähnliches Thema behandelt, ist es doch ganz anders. Denn Lucio gehört zu jenen, bei denen eine Behandlung wenig Sinn macht und quasi keine Aussicht auf Besserung besteht – und er lebt nicht jahrelang mit seiner Krankheit, sondern eben nur hundert Tage lang.
Dieses Buch ist keine Liebesgeschichte, sondern berichtet davon, wie ein Mann versucht, mit sich und seinem Leben ins Reine zu kommen, wobei er die Menschen um sich (und den Leser) inspiriert, zum Nachdenken anregt, zum Lachen bringt und zu Tränen rührt.
Das Buch ist aus der Ich-Perspektive geschrieben. Dadurch kann man sich noch einfacher in Lucio einfühlen und er hat mich manchmal wirklich laut auflachen lassen und mich im nächsten Moment zum Heulen gebracht wie ein Baby. Ich hätte mich am liebsten in meinem Bett zusammengerollt und das Buch nie wieder hergegeben.
Der Autor hat nicht den Sinn für das Realistische verloren, sondern eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle geschrieben – wie man sie erwartet von jemandem, der erfährt, dass er nur noch hundert Tage zu leben hat.
Ich hatte während des ganzen Buches das Gefühl, dass wirklich Lucio Battistini zu mir spricht und er all das wirklich erlebt hat: Hoffnung, Rückschläge, Freundschaft, Depressionen, Liebe. Fausto Brizzi hat es zudem auch noch geschafft, eine unglaubliche Spannung aufzubauen. Ich habe mit Lucio mitgefiebert und mitgefühlt. Allerdings hätte ich ihm manchmal auch am liebsten eine verpasst – wenn er wieder einmal kostbare Tage „verschwendet“ oder ich Entscheidungen von ihm einfach nicht verstanden habe. Nichts war vorhersehbar. Allerdings hat das diesen Lucio in meinem Kopf noch wirklicher gemacht (denn wann ist das Leben schon vorhersehbar?!) und wann sind Menschen schon fehlerlos? Brizzi hat wunderbare, liebenswerte, fehlerbehaftete Charaktere geschaffen, die ich sofort ins Herz geschlossen habe.

Mich hat das Buch mit Gefühl zurückgelassen, dass ich inspiriert und zum Nachdenken angeregt wurde. Es hat mir in Erinnerung gerufen, dass die Menschheit viel erreicht hat, aber dass Mutter Natur uns in unsere Schranken weisen kann. Dass wir leben sollten, als wäre jeder Tag der letzte, aber auch immer an unsere Mitmenschen denken sollten. Wir sollten nicht zu Lange damit warten, unsere Träume zu erfüllen, zu leben, Fehler gerade zu biegen.

Always remember that the only riches we possess are the dreams we have as children. They are the fuel of our lives, the only force that pushes us to keep on going even when things have gone all wrong.
– Lucio Battistini

goldene_Sterne

The Newgate Jig – abgebrochen

The Newgate Jig habe ich mir vor einiger Zeit aus der Bücherei ausgeliehen, weil mich die Inhaltsangabe sehr angesprochen hat: ein Junge beobachtet die Hinrichtung seines Vaters, von dessen Unschuld er überzeugt ist, und macht sich mithilfe einer´Gruppe von Theaterleuten auf die Suche nach den Übeltätern. Einmal einen Einblick in das viktorianische Zeitalter aus Sicht der niedrigeren Klassen bekommen – darauf habe ich mich sehr gefreut.

Das Buch hat auch wirklich gut angefangen, nämlich mit einem echten Knüller: wie der Junge die Hinrichtung seines Vaters beobachtet. Danach hat es aber sehr nachgelassen. Und das lag nicht an den Charakteren! Bob Chapman, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, ist ein sympathischer Mann; sehr introvertiert (und das obwohl er im Theaterbusiness arbeitet!) und ich konnte mich in einigen seiner Charakterzüge wiedererkennen. Auch wie sehr er seinen Hunden ergeben ist, ist göttlich. Die Autorin hat ihn, ebenso wie die weiteren Charaktere, gut dargestellt, und man konnte sich den ganzen Haufen bildhaft vorstellen. Mir hat ehrlich gesagt auch gefallen, dass hin und wieder Sätze in anderen Sprachen, vornehmlich italienisch und deutsch, gesagt wurden – mal wieder ein paar Brocken deutsch zu lesen war ganz schön 🙂 Und ich war oft erstaunt, wie sehr das viktorianische Zeitalter teilweise der Moderne ähnelt bzw. geähnelt hat.
Also eigentlich alles gute Gründe, das Buch zu lesen! Allerdings ist, einmal abgesehen von der Hinrichtung, auf den ersten 100 Seiten (von weniger als 300) wenig passiert – oder besser: nichts! Ja, Bob Chapman lernt den Sohn des Erhängten kennen, aber auch das ist kein besonderes Ereignis, sondern passiert halt mal so. Es wurde irgendwann so langweilig darauf zu warten, dass etwas passiert, dass ich beschlossen habe, das Buch abzubrechen. Es wurde wirklich zu einem kleinen Kraftakt, die Seiten zu lesen und dann auf die nächste Seite zu blättern. Ich hatte das Gefühl, dass bessere Bücher auf mich warten.

The_Newgate_JigVom Grundsatz her hat diese Geschichte das Potenzial, richtig gut zu sein! Die Charaktere sind sympathisch (oder auch nicht, wenn sie es nicht sein sollen) und die Idee ist richtig gut. Aber die ersten hundert Seiten hätte man auch weglassen können, ohne das es dem Buch groß geschadet hätte.

The Newgate Jig | Ann Featherstone | John Murray | erschienen 2010
ISBN 978-1848542037 | £17.99 (Hardcover)

abgebrochen

The Red Notebook

The_Red_NotebookThe Red Notebook | Antoine Laurain | Gallic | erschienen 2015
ISBN 978-1-908313-86-7 | £8.99
Leseprobe (englisch)

Über Antoine Laurain:
Laurain wurde in Paris geboren. Er ist Autor, Journalist und Antiquitätensammler. Bisher hat er fünf Bücher geschrieben, zwei davon wurden ins Deutsche übersetzt (Der Hut der Präsidenten und Liebe mit zwei Unbekannten [engl.: The Red Notebook]). Für seine Bücher wurde er mehrfach ausgezeichnet und repräsentierte 2014 Frankreich bei der European Literature Night.
Quelle: Gallic Books

Der Buchhändler Lauent stolpert in Paris Straßen über eine Handtasche, die offenbar nach einem Raub dort abgelegt wurde. In dieser findet er, neben dem typischen Inhalt einer Frauen-Handtasche, auch ein kleines rotes Notizbuch, in dem die Besitzerin ihre Gedanken festgehalten hat. Laurent ist immer mehr fasziniert von der Unbekannten und macht sich schließlich auf die Suche nach ihr. Sein einziger Anhaltspunkt ist ihr Vorname; wie soll er sie also der Millionenstadt Paris aufspüren?

Kurz nachdem ich die Rezension zu Der Hut des Präsidenten bei Lisibooks gesehen habe, bin ich in der Buchhandlung über dieses kleine Büchlein gestolpert und musste es einfach haben. Mal davon abgesehen, dass ich die Story an sich toll fand, hat mir auch das Cover sehr gut gefallen (um einiges besser als dasjenige der deutschen Ausgabe).
Und nicht nur das Äußere, sondern auch der Inhalt konnten mich voll überzeugen. Die Geschichte um Laurent hat mich auf den knapp nur 160 Seiten immer mal wieder zu Tränen gerührt, aber auch zum Lachen gebracht. Es ist ein mitreißender Roman über die Liebe, aber vor allem darüber, wie das Leben spielt – manchmal auch mit uns. Eine locker leichte Lektüre, die aber dennoch zum Nachdenken anregt über allerlei Themen – und sei es nur darüber, ob man die Handtasche einer Frau durchwühlen darf oder nicht.
Die beiden Protagonisten sind keine Superhelden, sondern Menschen wir du und ich, die die gleichen Probleme plagen und ich fand es daher sehr einfach mich in sie hineinzufühlen. Dazu hat auch der angenehme Schreibstil des Autors beigetragen.
Außerdem fand ich es eine nette Abwechslung, dass wir Charaktere haben, die gelebt haben und Ecken und Kanten haben, aber nicht traumatisiert sind. Ich bekomme mittlerweile oft das Gefühl, dass in Liebesromanen mindestens eine Person traumatisiert sein MUSS, allerdings finde ich es einfacher, mich in jemanden hineinzufühlen, der eben nicht traumatisiert ist.
Und für den Büchermensch in mir war es toll, die häufigen Bezüge auf Autoren und Bücher zu lesen und diese Liebe zu Büchern zu erleben.
Ich will hier gar nicht mehr schreiben, denn sonst würde ich spoilern. Das Buch kann ich nur empfehlen, ich liebe, liebe, liebe es!

He  had opened a door into the soul of the woman with the mauve bag and even though he felt what he was doing was inappropriate, he couldn’t stop himself from reading on.
– Laurent Lettelier

goldene_Sterne

Dark Nights

Dark_NightsDark Nights | Christine Feehan | Piatkus | erschienen 2012
ISBN 978-0-7499-5846-6 | £7.99

Über Christine Feehan:
Feehan wurde in Kalifornien geboren und wuchs mit 13 Geschwistern auf; ihre Schwestern wurden ihre ersten Leser. 1999 erschien ihr erstes Buch Dark Prince (dt.: Mein dunkler Prinz), das auf Anhieb mehrere Preise für Romantik-Bücher gewann. Seitdem hat sie mehrere Dutzend Bücher und Novellen geschrieben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.
Sie ist verheiratet, das Paar hat 11 Kinder.
Quelle: Wikipedia

Dark Nights umfasst zwei Novellen über die Carpathians: Dark Descent und Dark Dream.
In Dark Descent wird die Leibwächterin Joie Sanders wie magisch von den Karpaten angezogen und macht sich mit ihren Geschwistern auf den Weg dorthin. In einer Höhle findet sie den Carpathian Traian, der in ihr seine Seelengefährtin* erkennt. Doch bevor die beiden sich mit dieser Tatsache auseinandersetzen können, müssen sie vor einer Horde Vampire flüchten …
Die Heldin aus Dark Dream, Sara Marten, versucht in einer Gasse einem Fremden das Leben vor einer Bande Straßenräuber zu retten. Doch als dieser sich die Straßenräuber vom Hals schafft, glaubt sie in ihm ein Monster zu erkennen, das ihre Familie getötet hat und sein über einem Jahrzehnt Jagd auf sie macht. Falcon jedoch, den sie zu retten versuchte, erkennt, dass sie seine Seelengefährtin* ist. Doch kurz nachdem Sara die Tatsache, dass er kein widerwärtiges Monster ist,  akzeptiert hat, muss sie in die Karpaten flüchten, um den wahren Monster zu entkommen …

Von Christine Feehan habe ich bereits einmal ein Buch aus der Leopard-Serie gelesen und das hat mich im Großen und Ganzen sehr angesprochen. Daher habe ich mich gefreut, diesen bekannten Namen in der örtlichen Bücherei zu sehen.
Allerdings hat mir diese kleine Kollektion deutlich weniger gefallen. Kitsch hatte ich erwartet, aber ganz bestimmt nicht in solchen Mengen. In den Sexszenen schmilzt ständig jemand dahin oder explodiert. Gar nicht schön und hat mir auch nicht gefallen.
Mit den Charakteren ging es weiter: an und für sich sind alle Hauptpersonen (mal abgesehen von den Vampiren) sehr sympathisch. Allerdings waren mir insbesondere die Frauen eindeutig zu makellos: sie sehen wunderschön aus, sind selbstlos und haben gefühlt noch keinerlei schwerwiegende Fehler begangen. Außerdem sollte man meinen, dass die Ermordung der eigenen Familie, wie in Saras Fall, ein Kind traumatisiert. Es wird auch immer mal wieder angesprochen, ändert aber nichts daran, dass sie sich ihm an den Hals wirft und sofort gewillt ist, ihr ganzes Leben für ihn auf den Kopf zu stellen.
Das ist übrigens eine Tatsache, die mich an beiden Frauen gestört hat: dass der Mann nur erklären muss, was eine Seelengefährtin* ist und man sich dann NATÜRLICH sofort und ohne jeden Zweifel für ein Leben mit ihm entscheidet – und dafür, sich mal eben kurz in eine Unsterbliche verwandeln zu lassen. Risiken? Wen interessieren die schon?! Klar entscheiden sich auch in anderen Liebesromanen (und im wahren Leben) Menschen dafür, sein Leben mit jemand anderem zu teilen. Aber mir ging es in diesem Buch eindeutig zu schnell. Ein ähnliches Thema gibt es auch in Nalini Singhs Gestaltwandler-Romanen. Aber dennoch entscheiden die Hauptpersonen sich nicht einfach so und aus heiterem Himmel dafür, sich dem Anderen hinzugeben.
Positiv bleibt aber zu erwähnen, dass Feehan starke Frauen geschaffen hat, die wissen, wie man kämpft und sich nicht bevormunden lassen. Sie sind mir zu makellos und, was die Beziehung angeht, zu voreilig, aber sie lassen sich auch nicht von den Männern, die ihnen Jahrtausende an Erfahrung voraushaben, bemuttern.

Mich konnte das Buch nicht begeistern und ich werde mir in Zukunft keine Bücher über die Carpathians von Feehan besorgen. Allerdings werde ich Feehans Bücher nicht komplett „verbannen“, denn, wie gesagt, eines ihrer Leoparden-Bücher konnte mich bereits überzeugen.

2Sterne


* Ich habe das Buch auf Englisch gelesen und weiß nicht, was die offizielle deutsche Übersetzung in Feehans Büchern für „Soulmate“ ist. Daher habe ich mich hier für „Seelengefährten“ entschieden.

Die Königin der Orchard Street

Die_Königin_der_Orchard_StreetDie Königin der Orchard Street | Susan Jane Gilman | Insel | erschienen 2015
ISBN 978-3-458-17625-1 | 19.95€
Leseprobe

Über Susan Jane Gilman:
Gilman wurde in New York geboren und wuchs dort auf. Sie studierte Kreatives Schreiben an der Universität von Michigan und hatte bereits drei Sachbücher veröffentlicht, bevor sie Die Königin der Orchard Street schrieb.
Neben ihrer Tätigkeit als Autorin, hat sie auch eine Zeit lang eine Buch-Sendung in einem Schweizer Radiosender mitmoderiert.
Sie lebt in Genf und New York.
Quelle: Insel, Gilmans Blog

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wandert Malkas Familie aus Russland nach Amerika aus, wie Tausende andere in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Dieser Traum bewahrheitet sich für die Familie zunächst nicht. Doch Malka ist klug und lernt schnell, sich auf der Straße durchzuschlagen – bis zu dem Tag, als sie von einem Eiswagen überfahren und zum Krüppel gemacht wird. Papa Dinello, der Eisverkäufer, nimmt sie daraufhin bei sich auf und weiht sie in der Herstellung des Eises ein. Mit ihrer Cleverness arbeitet sich Malka Bialystoker von der Lower East Side zu Lilian Dunkle, der „Eiskönigin Amerikas“, hoch.

Bücher mit diesem Thema liebe ich einfach: ein armes Kind schafft durch harte Arbeit und Cleverness den Aufstieg von ganz unten nach ganz oben. Am liebsten sind mir dabei natürlich die Bücher über Frauen, denen ein solcher Aufstieg gelingt. Und egal ob fiktionaler oder realer Charakter: ich liebe es, in deren Zeit zu versinken.
Dass es die Eiskönigin, deren Geschichte in diesem Buch erzählt wird, nicht gegeben habe soll, will man gar nicht glauben. So realistisch werden Lillian und ihre Zeit  dargestellt, das man sie bildlich vor sich sieht.
Das Buch ist in Form eines Berichts mit Rückblenden aufgebaut und von Anfang an habe ich mir eine alte Dame mit eisernem Willen vorgestellt, die gerne mal grummelt. Da es aus der Ich-Perspektive geschrieben war, konnte man sich gut in sie einfühlen und auch wenn sie und ihre Entscheidungen mir teilweise nicht wirklich sympathisch waren, konnte man sie doch nachvollziehen. Ihre Geschichte hat mir manchmal Tränen in die Augen getrieben, ich habe vor Freude gelacht und Bewunderung empfunden für eine Frau, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz nicht unterkriegen lässt. In einer von Männern dominierten Welt arbeitet sie sich zur Matriarchin über ein Eisimperium hoch und geht dabei keiner Konfrontation aus dem Weg.
Lillian Dunkle ist ein Charakter ganz nach meinem Geschmack: sie verzweifelt an keiner der Herausforderungen, vor die das Leben sie stellt, rappelt sich immer wieder auf und ist dennoch nicht fehlerlos. Sie hat keinerlei gesundes Urteilsvermögen, wenn es um ihre Familie geht. Aber ihre Makel machen sie umso realistischer. Sie hat mir auch so gut gefallen, weil sie in gewisser Form ganz anders ist als die normalen Heldinnen historischer Romane. Sie verlässt sich nie auf jemand anderen als sich selbst, nicht einmal, als sie den Mann ihrer Träume heiratet, und ruht sich nie auf ihrem Erfolg aus. Sie greift dem Glück gerne mal ein wenig unter die Arme und schämt sich dessen auch nicht. Es scheint sie nicht zu kümmern, was andere von ihr denken (ausgenommen ihre Familie) und auch dass hat sie mir sympathisch gemacht. Sie ist stolz auf ihr Leben und ihre Leistungen, auch wenn man meinen könnte, dass sie manchmal ein wenig zu stolz ist. Sie ist eine Lady, die mit ihren Ansichten gut in moderne Zeiten passen könnte und doch von altem Schlag ist.
In meinen Augen ist Gilman das Kunststück gelungen, einen absolut fesselnden Roman zu schreiben, mit einer Protagonistin, die man manchmal nicht versteht, sie manchmal gar als unsympathisch empfindet. Ganz nebenbei gibt das Buch einen anschaulichen Einblick in das Amerika des 20. Jahrhunderts und deckt nahezu das gesamte Jahrhundert. Von dem Leben der Einwanderer, der Ärmsten der Armen, hin zu den ausschweifenden Partys der Superreichen, über die Stellung der Frau und die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs. Und sie geht nicht nur auf die großen Ereignisse ein, sondern entführt einen (zwangsläufig) in die Welt der Eisherstellung und wie kleine Veränderungen große Auswirkungen haben können.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass Gilman einen Roman geschrieben hat, der mir vor Augen geführt hat, welche Vorteile wir heutzutage eigentlich haben (besonders wir Frauen) und dass wir über vieles gar nicht jammern dürften. Und es ist ein Zeugnis davon, sich niemals aufzugeben und immer wieder aufzustehen. Ein Buch über eine starke Frau, die abgehärtet wurde vom Leben und vielen ein Vorbild sein könnte. Auch ein Buch, bei dem man oft vergisst, dass es diese Lillian Dunkle nie gab – zu realistisch wirkt sie.

Ich war stolz darauf, zum „neuen Geld“ zu gehören. Alles, was Bert und ich besaßen, hatten wir uns selbst aufgebaut.
– Lillian Dunkle

goldene_Sterne

A Bespoke Murder

A_Bespoke_MurderA Bespoke Murder | Edward Marston | Allison & Busby | erschienen 2012
ISBN 978-0-7490-1144-4 | £7.99
Leseprobe (englisch)

Über Edward Marston:
Marston wurde 1940 in Südwales geboren und wuchs dort auf. In Oxford studierte er Geschichte und arbeitete danach drei Jahre lang an der Universität, bevor er einen Job bei der BBC bekam. Für diese schrieb er Drehbücher, bevor er sich Mitte der 80er Jahre als freier Schriftsteller niederließ. In Großbritannien ist er besonders für seine Railway Detective-Reihe bekannt.
Zuammen mit seiner zweiten Frau Judith Cutler, die ebenfalls als Schriftstellerin tätig ist, lebt Marston in Gloucestershire.
Quelle: Wikipedia, Allison & Busby

Mai 1915: Nach der Versenkung des Passagierdampfers Lusitania durch ein deutsches U-Boot, kommt es in ganz Großbritannien zu Protesten und teilweise Gewalttätigkeiten gegenüber Deutschen. Die ohnehin unterbesetzten Polizeikräfte haben Probleme, das Chaos unter Kontrolle zu bringen. Unter den deutschen Opfern befindet sich auch der Schneider Jacob Stein, der tot in seinem ausgebrannten Shop gefunden wird. Allerdings zweifeln die Ermittler Detective Inspector Harvey Marmion und Sergeant Joe Keedy schnell daran, dass es sich hier um ein Opfer der allgemeinen Kriegs-Hysterie handelt. Nicht nur, dass Jacob Stein erstochen wurde, sein Safe wurde geplündert und seine Tochter vergewaltigt. Wer also steckt hinter diesem Hass auf den Deutschen?

Dieses Buch ist eins der wenigen Bücher, das ich ausgeliehen habe, weil mir das Cover so richtig gut gefallen hat. Natürlich habe ich einen Blick auf den Klappentext geworfen, aber ein Krimi zur Zeit des Ersten Weltkrieg? Damit wurde quasi ein Traum wahr 😉
Ich hatte noch nie von Edward Marston gehört und wurde von seinem Schreibstil positiv überrascht. Er stellt die Charaktere so überzeugend dar, dass man sich wirklich in sie und die Geschichte einfühlen kann. Marmion ist mir von Anfang an ans Herz gewachsen und die Unterhaltungen zwischen ihm und Sergeant Keedy waren sehr unterhaltsam. Mir sind immer wieder Tränen in die Augen gestiegen, besonders bei der Geschichte von Jacob Steins Tochter. Ich habe richtig mit ihr mitgelitten und bewundert, wie sich letztendlich mit ihrer Vergewaltigung und dem Mord an ihrem Vater umgeht. Auch die anderen Charaktere sind sehr überzeugend und humorvoll beschrieben. Besonders der Bruder des Mordopfers, der die Polizei im Allgemeinen und die ermittelnden Beamten im Besonderen für absolut nutzlos hält und der sowieso, in seinen Augen, das Opfer der ganzen Geschichte ist, hat bei mir immer mal wieder für Lacher gesorgt und eindeutig zur Qualität der Geschichte beigetragen.
Es war interessant, über den Ersten Weltkrieg aus einer anderen Perspektive lesen, denn bisher habe ich mich nur aus deutscher Sicht mit dieser Zeit beschäftigt. Ich wusste, dass die Lusitania 1915 versenkt wurde, aber mir war nicht bewusst, welche Auswirkungen dieses Ereignis in Ländern hatte, die davon betroffen waren. Ich wusste beispielsweise auch nicht, wie groß der Hass auf deutsche Auswanderer in Teilen der Bevölkerung war. Natürlich kann man sich das denken, aber es war anders, darüber so detailgenau und realistisch zu lesen, dass man es mitfühlen konnte.
Auch wenn der Detektiv eindeutig anders ist, als mein Allzeit-Lieblingsdetektiv Hercule Poirot, hat seine Auflösung des Falles doch ein bisschen was von der Art des Franzosen und das hat mir außerordentlich gut gefallen.
Ich hatte mit dem Englischen keinerlei Probleme und mit knapp 320 Seiten ist es auch kein riesiges Projekt, dieses Buch zu lesen.

Insgesamt ist es Marston wunderbar gelungen, ein authentisches Bild der damaligen Zeit zu schreiben und mir dabei noch Lesevergnügen zu bereiten.

„Anti-Semitism is as virulent es ever.“
– Major Raymond Marmion

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