Rezension – Der englische Botaniker

Kurz nach dem Ersten Opiumkrieg wird der Botaniker Robert Fortune von der britischen Horticultural Society nach China entsendet, um dort mehr über die chinesische Pflanzenwelt und insbesondere Tee herauszufinden.
Während er Ehefrau und zwei kleine Kinder in Großbritannien zurücklässt, lernt er in China die kampferprobte Rebellin Lian kennen. Plötzlich ist die ohnehin gefährliche China-Expedition um einiges komplizierter, als sie zunächst schien. Und er steht, in botanischer und persönlicher Sicht, vor den schwierigsten Entscheidungen seines Lebens. Weiterlesen „Rezension – Der englische Botaniker“

Rezension – The Miniaturist

Quelle: Picador
Quelle: Picador

The Miniaturist | Jessie Burton | Picador | erschienen 2014
Taschenbuch: ISBN 978-1-44-2-8466-6 | £8.99
Leseprobe
deutsche Ausgabe: Die Magie der kleinen Dinge | Limes | Übersetzerin: Karin Dufner

Amsterdam im Herbst 1686: Die 18-jährige Petronella wurde gerade mit dem mehr als zwanzig Jahre älteren Kaufmann Johannes Brandt verheiratet und erwartet auch genau diesen zu sehen, als sie an die Tür ihres neuen Heims klopft. Stattdessen öffnet dessen scharfzüngige und unfreundliche Schwester die Tür. Überhaupt schlägt ihr von Seiten des Haushalts Abneigung und Kälte entgegen. Da bekommt sie von ihrem Mann ein Hochzeitsgeschenk, das eine perfekte Nachbildung ihres neuen Zuhauses ist. Und es scheint die Geheimnisse der Familie Brandt besser zu kennen als die Familie selbst. Doch werden diese die Familie zerstören oder stärker machen? Und wie hängt das alles mit der Macherin der winzigen Puppen zusammen, die bald das Puppenhaus bevölkern?

There is a story here and it seems like Nella’s, but it isn’t hers to tell.
– S. 245

Mit diesem Buch habe ich lange geliebäugelt: mir hat das Cover schon richtig gut gefallen, als ich es in England das erste Mal gesehen habe, auch der Klappentext hat mir zugesagt und letztendlich konnte ich ihm nicht widerstehen, als es mir hier erneut in der Buchhandlung über den Weg gelaufen ist. Nach dem Lesen verstehe ich nicht, warum ich es nicht schon früher mitgenommen habe, denn dieses Buch ist super!
Das liegt zum einem großen Teil an den Charakteren. Nella war mir von Anfang an sympathisch mit ihrer Unsicherheit über ihre Rolle im Haushalt Brandt, ihre neue Rolle als Ehefrau und dem Leben in Amsterdam, das sich stark von allem bisher bekannten unterschied. Ebenso sympathisch war sie mir in ihrem unbedingten Willen, sich diese Unsicherheit nicht anmerken zu lassen, das Beste aus ihrer Situation zu machen und diese möglicherweise nach und nach zum besseren zu ändern.
Nella macht während des Buches eine Veränderung durch, was mir gut gefallen hat. Sie stagniert nicht in ihrer Situation, sondern versucht, im Gegenteil, etwas daran zu ändern und wächst an den neuen Umständen, in denen sie sich befindet. Im  Vergleich zu Johannes und Marin, dessen Schwester, ist sie recht ungebildet und als ihr dies klar wird, versucht sie, mehr über die Geschäfte ihres Mannes zu erfahren und ebenfalls Anteil an seinem Leben zu nehmen.
Marin und Johannes sind zudem echt ein Gespann für sich. Zwar ist er der erfolgreiche Geschäftsmann, aber sie hält ein Stück weit die Fäden in der Hand und von den Geschäften ihres Bruders hat sie mindestens soviel Ahnung wie dieser. Wie jeder Frau im 17. Jahrhundert ist es auch ihr verwehrt, ein eigenständiges und komplett selbstbestimmtes Leben zu führen, aber innerhalb des Brandt-Haushaltes ist sie eindeutig jene, welche das Sagen hat. Zudem habe ich durchgehend im Buch das Gefühl gewonnen, dass sie die Stärkere der Geschwister ist. Johannes ist kaum anwesend, Marin trifft alle relevanten Entscheidungen für den Haushalt. An ihr orientiert sich Nella in ihrer Entwicklung, denn obwohl ihr die häufig zur Schau gestellte Kälte und der Zynismus Marins zwar abgehen, so ist diese mit ihrem eisernen Rückrat und ihrer Intelligenz doch am nächsten an einem Vorbild für Marin.

„What can any of us do?“
– Marin, S. 112

Die Geschichte selbst konnte mich auch überzeugen. In meinen Augen liefert sie einen guten Einblick in das Amsterdam zur Zeit der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC), als die Stadt reich und voller Kaufleute, wie Johannes Brandt, war, stolz auf das Erreichte und einer der großen Spieler in der damaligen internationalen Politik. Auch die Verwicklungen der Kaufleute untereinander sind schön dargestellt und gesellschaftliche Anlässe sowie Rivalitäten, Freundschaft und Verrat großartig dargestellt.
Ein kleiner Minuspunkt ergibt sich daraus, dass es in meinen Augen immer mal wieder Stellen gab, in denen einfach nichts passiert ist. Besonders zu Beginn habe ich über ein ganzes Stück darauf gewartet, dass endlich etwas passiert. Allerdings wird dies bei weitem ausgeglichen durch die Spannung, die sich langsam aufbaut und die Charaktere, mit denen ich eine Menge Spaß hatte.

The Miniaturist ist ein historischer Roman, der mich absolut überzeugen konnte. Es hat mir eine Menge Spaß bereitet, über Nella und ihre Geschichte zu lesen. Zudem zeichnet Jessie Burton ein schönes und realistisches Bild vom Amsterdam des 17. Jahrhunderts.

Every woman is the architect of her own fortune.
– S. 76

5Sterne

Quelle: Wikipedia
Quelle: Wikipedia

Die Geschichte um Nella beruht lose auf dem Leben von Petronella Oortman, deren Puppenhaus die Vorlage lieferte für Nellas Puppenhaus und das im Rijksmuseum in Amsterdam steht.

Über Jessie Burton:
Burton wurde 1982 geboren und studierte in Oxford Englisch sowie Spanisch, später absolvierte sie eine Ausbildung zur Schauspielerin in London an der Royal Central School of Speech and Drama. Sie hatte kleinere Rollen an britischen Theatern unter anderem auch in London, daneben schreibt sie Essays für unterschiedlichste Zeitungen und Zeitschriften.
2014 erschien ihr erstes Buch The Miniaturist, das in über 30 Sprachen übersetzt wurde und zum Bestseller avancierte. Ende 2016 erschien ihr zweiter Roman, The Muse.
Burton lebt in London.
Quelle: Wikipedia

Weitere Meinungen zum Buch:

Rezension – Der Junge, der vom Frieden träumte

Der Junge, der vom Frieden träumte | Michelle Cohen Corasanti | Fischer | erschienen 2016
aus dem Englischen: The Almond Tree | Übersetzerin: Adelheid Zöfel
Taschenbuch: ISBN 978-3-596-03283-9 | 9,99€
E-Book: ISBN 978-3-10-403392-1 | 9,99€
Leseprobe

Nachdem Ahmed beobachten muss, wie seine 2jährige Schwester Amal von einer Bodenmine getötet wird, ist nichts mehr, wie es zuvor war. Als kurz danach sein Vater verhaftet wird, muss der 12 Jahre alte Ahmed für seine Familie sorgen. Doch dann eröffnet sich ihm eine unglaubliche Chance: er erhält ein Stipendium für die Universität in Tel Aviv. Für ihn ist es der Weg aus der Armut und auch seiner Familie will er unter die Arme greifen. Aber er ist der einzige Palästinenser an einer israelischen Universität und auch die Palästinenser nehmen es ihm übel, dass er sich mit dem Feind einlässt.

Wenn wir etwas über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser hören, dann meistens nur, weil es im Gaza-Streifen einen Selbstmordanschlag gab. Und ehrlich gesagt, ging es mir persönlich immer so, dass ich zwar durchaus verstand, dass die Situation im Gaza-Streifen nicht in Ordnung ist, aber letztendlich habe ich den Israelis ihren Staat schon sehr gewünscht. Umso wichtiger erscheint es mir, dieses Buch zu lesen. Es zeigt die Perspektive Palästinas auf und der Autorin gelingt das Kunststück, die Fehler beider Seiten aufzuzeigen, ein zutiefst hoffnungsloses Buch zu schreiben und doch Hoffnung zu wecken.
In diesem Buch werden viele Themen vereinigt, ohne das Buch dabei zu überladen. Vorherrschend ist natürlich die Situation in Palästina und das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern. Mir war nie klar, wie sich der Aufbau des Staates Israels letztendlich vollzogen hat. Der genaue Ablauf wird im Buch zwar nicht dargestellt, aber ich denke, es wird doch deutlich, dass wir uns öfters auch mal mit der Seite der Palästinenser auseinandersetzen sollten. Denn wie die Heiligen haben sich die Israelis, besonders zu Beginn dieses Buches, in den 50er Jahren, nicht verhalten. Und hier bildet sich ein Dilemma, das mich auch sehr beschäftigt hat: wie schon erwähnt, wünscht man den Juden ihren Staat. Aber der Westen hat sich des Problems natürlich ein Stück weit auch entledigt, indem man nach dem Zweiten Weltkrieg einfach beschlossen hat, den Juden einen Teil Palästinas zuzuschlagen. Dass die einheimische Bevölkerung sich danach im Stich gelassen fühlte, wird im Buch deutlich – und verständlich. Durch die palästinensische Sichtweise kann man sich sehr gut in die Gefühlswelt der Araber einfühlen. Es wird aufgezeigt, wie oft die Palästinenser auf Hilfe aus der internationalen Gemeinschaft hofften und wie oft sie diese auch dringend nötig hätten – diese sich aber einfach nicht rührte. So werden auch viele andere Entwicklungen im Nahen Osten während des Buches nachvollzogen und letztendlich verständlich. Insbesondere hat mich hierbei die Hinwendung zur Hamas beschäftigt. Gegen Ende des Buches reist Ahmed in den Gaza-Streifen zu seinem Bruder – und wird Zeuge eines Elends, dass sich vermutlich nur noch die Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg vorstellen können. Die abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit der Menschen dort wird von der Autorin mit wenigen Worten und doch tief berührend wiedergegeben. Allein während dieser Episode bin ich mehrmals den Tränen nahe gewesen. Es wird nicht der Versuch unternommen, die Taten der Hamas zu verteidigen. Aber es wird gezeigt, warum die Menschen sich der Hamas überhaupt anschlosssen. Und obwohl man nie in der gleichen Situation war (und ich auch die Hoffnung habe, es nie sein zu müssen), konnte ich deren Beweggründe nachvollziehen. Wenn die eigenen Kinder keinerlei Ausssichten haben und sich die Weltengemeinschaft nicht für das Elend der eigenen Bevölkerungsgruppe interesssiert, kann ich nachvollziehen, warum ein Selbstmordanschlag zu einem letzten verzweifelten Mittel der Aufmerksamkeitsschaffung wird. Natürlich ist es das nicht für alle, oft genug stecken ideologische Gründe dahinter. Aber dass dies nicht immer der Fall ist, wird hier schön dargestellt.

„Sie hindern mich daran, meinen Verstand zu gebrauchen, also muss ich meinen Körper einsetzen. Er ist die einzige Waffe, die mir noch geblieben ist.“
– Khaled Hamid, S. 383

Gleichzeitig wird der Wahrheitsgehalt des Sprichworts „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ wieder einmal bewiesen. Vielleicht das Inspirierenste an diesem Buch ist, dass  die Palästinenser (zumindest in diesem Buch) selbst in den elendesten Situationen lachen können und Gründe zum Feiern finden. Besonders im Gaza-Streifen wird aber auch deutlich, dass es, wenn die Hoffnung einmal gestorben ist, kaum noch Gründe zum Leben gibt. Dadurch wurde das Buch für mich auch zu einer hochemotionalen Lektüre. Ich saß sehr oft in der Bahn und konnte die Tränen nicht zurückhalten.
Corasanti schafft mit wenigen Worten ein Gefühl für die Personen und die Atmosphäre zu schaffen. Es geht weniger darum, in ewig langen Paragraphen die Landschaft oder Situationen beschreiben. Manchmal ist fast erschreckender, wie sachlich sie über furchtbare Vorgänge schreibt.
Weniger sachlich beschreibt sie die Charaktere. Besonders Ahmed lernt man im Laufe der Geschichte ziemlich gut kennen – verständlicherweise, denn das Buch wird komplett aus seiner Perspektive geschrieben. Man kann richtig mit ihm fühlen und im größten Teil des Buches auch mit ihm leiden. Während des Buches war ich aber nicht immer ganz warm mit ihm. Es erschien mir oft so, dass er sich nach dem Erhalt des Stipendiums ein bisschen aus der Verantwortung zieht. Er schickt seiner Familie zwar Geld, aber er ist meiner Meinung nach sehr naiv in dem Glauben, dass dies alles verändert. Meiner Meinung nach verschließt er die Augen vor der Realität und sieht oft nur, was er sehen will. Durch seine Hilfe geht es seiner Familie zwar gut, aber dem Großteil der Menschen in Palästina und dem Gaza-Streifen geht es eben nicht gut. Das scheint ihn aber kaum zu kümmern, bis ihm klar wird, dass sein Bruder davon betroffen ist. Natürlich kann ein einzelner Mensch nicht die Welt ändern, aber ich habe mir oftmals mehr Einblick in das Leben der Palästinenser gewünscht. Und ich fand es sehr verwirrend, dass Ahmed so über das Elend im Gaza-Streifen erstaunt ist.
Allerdings ist der Nahostkonflikt nicht das einzige Thema des Buches. Wie ein roter Faden zieht sich auch Ahmeds Liebe zu den Naturwissenschaften durch die Geschichte. Sie ist sein Weg aus dem Elend seines Heimatlandes und bietet ihm die Möglichkeit, seiner Familie zu helfen. Außerdem werden die Wissenschaften im Buch auch zu Friedensstiftern. Sie zeigen, dass man über alle geographischen, sexuellen und religiösen Grenzen hinweg Freundschaften schließen kann. Daraus ergibt sich das Hoffnungsvollste an diesem Buch: Freundschaft und Frieden sind hier möglich und es erscheint gar nicht so abwegig, dass die Menschheit vielleicht doch eines Tages aus Büchern lernt – hoffen kann man das zumindest!

Ich denke, was die Huffington Post geschrieben hat, stimmt: „[The Almond Tree is] an epic drama of the proportions of The Kite Runner, but set in Palestine.“ Ein unglaublich berührendes Buch, das ich nur empfehlen kann und welches viel mehr im Gespräch sein sollte. Also: lest es!

goldene_SterneÜber Michelle Cohen Corasanti:
Corasanti wurde Mitte der 1960er im Bundesstaat New York geboren. Mit sechzehn wurde sie von ihren jüdischen Eltern nach Israel geschickt, unter anderem um Hebräisch zu lernen. Dort machte sie ihren Abschluss in Nahostwissenschaften. Sie ist mittlerweile Anwältin für Menschenrechte. Der Junge, der vom Frieden träumte ist ihr erstes Buch.
Quelle: Buch, Website zum Buch (die Seite solltet ihr besuchen; Corasantis Biographie ist unglaublich interessant – ich konnte sie hier leider nicht komplett wiedergeben)

Weitere Meinungen zum Buch:

Kaufen könnt ihr das Buch beim Fischer Verlag und auf buecher.de

Roman eines Schicksallosen

Quelle: Rowohlt
Quelle: Rowohlt

Roman eines Schicksallosen | Imre Kertész | Rowohlt | erstmals 1975 in Ungarn veröffentlicht
ISBN 978-3-499-22576-5 | 9,99€

Über Imre Kertész:
Kertész wurde 1929 in Budapest geboren. 1944 wurde er zunächst nach Auschwitz und von dort nach Buchenwald und letztendlich Zeitz deportiert. Nach der Befreiung im April 1945 kehrte er nach Budapest zurück. Nach dem Abitur arbeitete er als Journalist, später als freier Übersetzer und Schriftsteller. Dabei übersetzte er auch Werke von Nietzsche oder Sigmund Freud. 1953 lernte er seine erste Frau kennen, mit der er bis zu ihrem Tod zusammen war. 1960 begann er mit der Arbeit an Roman eines Schicksallosen. Es zählt zu den wichtigsten Werken über den Holocaust und verhalf ihm weltweit zu Ruhm. Ab 2001 lebte er zusammen mit seiner zweiten Frau in Berlin. Ein Jahr später erhielt er den Literatur-Nobelpreis für sein literarisches Gesamtwerk. Dazu zählen neben Roman eines Schicksallosen noch drei weitere Bücher, die sich um den Holocaust drehen und teilweise autobiografisch inspiriert sind. 2005 wurde Roman eines Schicksallosen verfilmt. 2012 zog er aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung nach Budapest zurück, wo er am 31. März 2016 starb.

In Roman eines Schicksallosen verarbeitet Kertész seine Zeit im Konzentrationslager. Aus der Sicht des 15-jährigen György werden Deportation, Selektion und der Alltag, das Überleben, im Konzentrationslager beschrieben. Dabei fehlt diesem Buch aber der Ausdruck von Abscheu und Ablehnung, den man von anderen Büchern zu dem Thema kennt und auch erwartet.

Im Klappentext zu diesem Buch steht:

Es gibt kein literarisches Werk, das in dieser Konsequenz […] der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist.
Rowohlt

Dieser Satz fasst recht gut zusammen, was dieses Buch von anderen Werken über den Holocaust, seien sie nun autobiografisch oder romanhaft, abhebt. Und diese Tatsache macht es ungleich schwerer, das Buch zu lesen. In diesem Buch wird eine Naivität von Seiten des Protagonisten weitergegeben, die manchmal schwer zu ertragen ist. Es ist eines der Bücher, die ich nicht am Stück durchlesen kann. Ich habe immer mal wieder Pausen gebraucht, um die Handlung zu verarbeiten. Besonders schwierig wird es dadurch, dass man als Leser ganz genau weiß, dass sich die Hoffnungen des Protagonisten zerschlagen werden. Und so möchte man manchmal in das Buch hineingreifen, ihn schütteln und ihm sagen, dass die Nazis ihre Versprechen nicht halten und dass eben nicht alles gut wird.
György findet immer eine Begründung für das Verhalten der Nazis und eine Argumentationskette, welche die Vorgänge im Lager auf kranke Art und Weise doch logisch erscheinen lassen. Es mangelt an der Empörung und dem Unverständnis, das man aus anderen Büchern über den Holocaust kennt.
Auch liegt sein Fokus weniger auf den Vorgängen im Lager, sondern mehr auf den Veränderungen, die er und seine Mithäftlinge durchlaufen. Wo zu Beginn noch ein lebensmutiger Jugendlicher den Weg in diese Hölle antritt, steht am Ende eine ausgemergelte Gestalt, die sich bei der Befreiung der Lager mehr darüber freut, dass es wie geplant etwas zu essen gibt, als über die wiedererlangte Freiheit. Diese vollständige Reduzierung auf Überlebensinstinkte erlebt man hierbei Schritt für Schritt mit. Im Nachhinein wirkt dieses sogar um einiges „wahrer“, als die Empörung, die man aus anderen Büchern über den Holocaust kennt. György scheint nicht die Energie zu haben, sich über die Ungerechtigkeiten, die er und seine Mithäftlinge erleiden müssen, aufzuregen.
Die Neue Zürcher Zeitung schreibt zu diesem Roman:

„Gezielt entzaubert der Autor die Mythologie des Leidens, wenn er die komplexe Opfer-Täter-Dynamik herausarbeitet. Wo sie nicht religiös begründet ist, kommt die jüdische Selbstbeschwichtigung im Roman als Rationalisierung daher.“
Schöne Tage in Buchenwald“ von Andreas Breitenstein, NZZ vom 27. April 1996

Die „jüdische Selbstbeschwichtigung“ wird in Roman eines Schicksallosen perfektioniert. Zwar wird auch hier das Hadern mit dem Schicksal und die Unsicherheit der Deportierten über eben jenes dargestellt. Aber dies kommt eher von Seiten Dritter – Györgys Familie, Deportierte im Zug – und nicht vom Protagonisten selber. Er findet immer einen logischen Grund für das Handeln seiner Wärter und beruhigt sich damit selbst. Bis die Quälereien zu einer solchen Selbstverständlichkeit werden, dass er einer guten Behandlung misstrauisch gegenüber steht.
Vielleicht das Einzige, was dieses Buch mit anderen über den Holocaust zu tun hat: es wird wieder deutlich, dass man die Konzentrationslager nur durch Zufall überleben konnte.

Ich möchte mir bei diesem Buch fast nicht anmaßen, eine Bewertung abzugeben. Es ist ein unglaublich aufrüttelndes, nachdenklich machendes und, ja, auch verstörendes Buch über diese Katastrophe des 20. Jahrhunderts – und daher auch ein unglaublich wichtiges Zeitzeugnis. Und wie sollte es mir zustehen, darüber eine Wertung abzugeben. Ich tue es letztendlich trotzdem: weil es so wichtig ist und den Leser in seinen Bann zieht und mich auch jetzt noch nicht – fast einen Monat nach der Lektüre – losgelassen hat.

5Sterne

Die Königin der Orchard Street

Die_Königin_der_Orchard_StreetDie Königin der Orchard Street | Susan Jane Gilman | Insel | erschienen 2015
ISBN 978-3-458-17625-1 | 19.95€
Leseprobe

Über Susan Jane Gilman:
Gilman wurde in New York geboren und wuchs dort auf. Sie studierte Kreatives Schreiben an der Universität von Michigan und hatte bereits drei Sachbücher veröffentlicht, bevor sie Die Königin der Orchard Street schrieb.
Neben ihrer Tätigkeit als Autorin, hat sie auch eine Zeit lang eine Buch-Sendung in einem Schweizer Radiosender mitmoderiert.
Sie lebt in Genf und New York.
Quelle: Insel, Gilmans Blog

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts wandert Malkas Familie aus Russland nach Amerika aus, wie Tausende andere in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Dieser Traum bewahrheitet sich für die Familie zunächst nicht. Doch Malka ist klug und lernt schnell, sich auf der Straße durchzuschlagen – bis zu dem Tag, als sie von einem Eiswagen überfahren und zum Krüppel gemacht wird. Papa Dinello, der Eisverkäufer, nimmt sie daraufhin bei sich auf und weiht sie in der Herstellung des Eises ein. Mit ihrer Cleverness arbeitet sich Malka Bialystoker von der Lower East Side zu Lilian Dunkle, der „Eiskönigin Amerikas“, hoch.

Bücher mit diesem Thema liebe ich einfach: ein armes Kind schafft durch harte Arbeit und Cleverness den Aufstieg von ganz unten nach ganz oben. Am liebsten sind mir dabei natürlich die Bücher über Frauen, denen ein solcher Aufstieg gelingt. Und egal ob fiktionaler oder realer Charakter: ich liebe es, in deren Zeit zu versinken.
Dass es die Eiskönigin, deren Geschichte in diesem Buch erzählt wird, nicht gegeben habe soll, will man gar nicht glauben. So realistisch werden Lillian und ihre Zeit  dargestellt, das man sie bildlich vor sich sieht.
Das Buch ist in Form eines Berichts mit Rückblenden aufgebaut und von Anfang an habe ich mir eine alte Dame mit eisernem Willen vorgestellt, die gerne mal grummelt. Da es aus der Ich-Perspektive geschrieben war, konnte man sich gut in sie einfühlen und auch wenn sie und ihre Entscheidungen mir teilweise nicht wirklich sympathisch waren, konnte man sie doch nachvollziehen. Ihre Geschichte hat mir manchmal Tränen in die Augen getrieben, ich habe vor Freude gelacht und Bewunderung empfunden für eine Frau, die sich allen Widrigkeiten zum Trotz nicht unterkriegen lässt. In einer von Männern dominierten Welt arbeitet sie sich zur Matriarchin über ein Eisimperium hoch und geht dabei keiner Konfrontation aus dem Weg.
Lillian Dunkle ist ein Charakter ganz nach meinem Geschmack: sie verzweifelt an keiner der Herausforderungen, vor die das Leben sie stellt, rappelt sich immer wieder auf und ist dennoch nicht fehlerlos. Sie hat keinerlei gesundes Urteilsvermögen, wenn es um ihre Familie geht. Aber ihre Makel machen sie umso realistischer. Sie hat mir auch so gut gefallen, weil sie in gewisser Form ganz anders ist als die normalen Heldinnen historischer Romane. Sie verlässt sich nie auf jemand anderen als sich selbst, nicht einmal, als sie den Mann ihrer Träume heiratet, und ruht sich nie auf ihrem Erfolg aus. Sie greift dem Glück gerne mal ein wenig unter die Arme und schämt sich dessen auch nicht. Es scheint sie nicht zu kümmern, was andere von ihr denken (ausgenommen ihre Familie) und auch dass hat sie mir sympathisch gemacht. Sie ist stolz auf ihr Leben und ihre Leistungen, auch wenn man meinen könnte, dass sie manchmal ein wenig zu stolz ist. Sie ist eine Lady, die mit ihren Ansichten gut in moderne Zeiten passen könnte und doch von altem Schlag ist.
In meinen Augen ist Gilman das Kunststück gelungen, einen absolut fesselnden Roman zu schreiben, mit einer Protagonistin, die man manchmal nicht versteht, sie manchmal gar als unsympathisch empfindet. Ganz nebenbei gibt das Buch einen anschaulichen Einblick in das Amerika des 20. Jahrhunderts und deckt nahezu das gesamte Jahrhundert. Von dem Leben der Einwanderer, der Ärmsten der Armen, hin zu den ausschweifenden Partys der Superreichen, über die Stellung der Frau und die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs. Und sie geht nicht nur auf die großen Ereignisse ein, sondern entführt einen (zwangsläufig) in die Welt der Eisherstellung und wie kleine Veränderungen große Auswirkungen haben können.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass Gilman einen Roman geschrieben hat, der mir vor Augen geführt hat, welche Vorteile wir heutzutage eigentlich haben (besonders wir Frauen) und dass wir über vieles gar nicht jammern dürften. Und es ist ein Zeugnis davon, sich niemals aufzugeben und immer wieder aufzustehen. Ein Buch über eine starke Frau, die abgehärtet wurde vom Leben und vielen ein Vorbild sein könnte. Auch ein Buch, bei dem man oft vergisst, dass es diese Lillian Dunkle nie gab – zu realistisch wirkt sie.

Ich war stolz darauf, zum „neuen Geld“ zu gehören. Alles, was Bert und ich besaßen, hatten wir uns selbst aufgebaut.
– Lillian Dunkle

goldene_Sterne

28 Tage lang

28_Tage_lang28 Tage lang | David Safier | Rowohlt | erschienen 2014
ISBN 978-3-499-266638 | 9.99€
Leseprobe

Über David Safier:
1966 in Bremen als Sohn österreichischer Juden geboren machte David Safier nach dem Abitur eine Ausbildung zum Journalisten. Seit 1996 schrieb er überwiegend Drehbücher und war beispielsweise Hauptautor für die erfolgreiche Fernsehserie Berlin, Berlin. 2007 erschien sein Debütroman Mieses Karma, in den folgenden Jahren noch fünf weitere Romane. 28 Tage lang ist sein neuestes Buch und ist seinen Großeltern gewidmet, die im Ghetto von Lodz getötet wurden.
Safier lebt zusammen mit seiner Frau und den zwei Kindern in Bremen.

Mira ist sechzehn und lebt im Jahr 1943 im Warschauer Ghetto. Um sich und ihrer Familie das Überleben zu sichern, schmuggelt sie Lebensmittel ins Ghetto. Auf einer dieser Touren lernt sie Amos kennen. Er ist im Widerstand tätig, der den Aufstand gegen die Nazis plant. Als Mira klar wird, dass die Nazis sie alle vernichten wollen, geht auch sie in den Untergrund.
Tatsächlich können die verzweifelten jüdischen Kämpfer den Deutschen länger Widerstand leisten, als irgendjemand erwartet hat: 28 Tage lang.

Was für ein Mensch willst du sein?

Mich hat vermutlich noch nie ein offenes Ende so sehr mitgenommen, wie in 28 Tage lang. Ich hab mir unglaublich gewünscht zu wissen, wie es mit der Heldin des Romans, Mira, weiter geht.
Wenn wir aber mal vorne anfangen: Mira ist eine der Charaktere, die einem ans Herzen wachsen, die man aber oft sehr gerne auf den Mond schießen würde und die es einem manchmal wirklich schwer machen, sie zu mögen.
Ich hätte niemals erwartet, dass mir so oft die Tränen in den Augen stehen während dem Lesen. Ich bin ein kleiner Geschichtsfreak und habe schon einige Bücher über den Holocaust gelesen, aber Mira und ihr Überlebenskampf haben mich sehr berührt. Miras Geschichte ist nicht wie die von KZ-Überlebenden, die wirklich nur ums Überleben kämpften und bei denen es nie einen Zweifel gibt, dass die Menschen leben wollen. Mira kämpft auch ums Überleben, aber anders als im KZ zweifelt sie immer daran, ob es richtig ist, was sie tut: das Schmuggeln, der Widerstand gegen die Nazis. Mich hat es sehr berührt, wie sehr sie mit ihrem Schicksal gehadert hat, auch noch, als sie sich für den Widerstand entschieden hatte.
Andererseits liefert sie manchmal Vorstellungen ab, dass man sich wirklich an die Stirn greift. Teilweise ist sie einfach nur ein unglaublich egoistischer Teenager. Nur muss dieser Teenager unter extrem schwierigen Umständen leben. Und so wenig man Mira in solchen Situationen versteht, zeigen sie doch auch, dass diese Menschen eben nicht ihre Persönlichkeiten aufgegeben haben und sosehr das Ghetto sie verändert hat, bleiben sie doch sie selbst. In meinen Augen haben diese Situationen Mira authentischer gemacht, denn letzten Endes ist sie eine 16jährige, die eine unglaubliche Verantwortung übernehmen muss. Auch die Menschen des Widerstands, egal in welcher Form und in welchem Land, waren keine unfehlbaren Helden, sondern hatten eigene, manchmal nicht ganz einfache, Persönlichkeiten, die sie auch in dieser Extremsituation nicht aufgaben.
Auch die anderen Charaktere sind toll und glaubwürdig dargestellt. Besonders gefallen hat mir auch, dass Janusz Korczak in dem Buch auftaucht. Die Deportation „seiner“ Kinder hat mir während des Lesens die Tränen in die Augen getrieben.
Ich fand es erstaunlich, wie unterschiedlich die Menschen im Ghetto waren. In meiner Vorstellung waren alle diese armen Teufel Juden, die quasi nichts hatten und jeden Tag ums Überleben kämpften. Im Buch wird aber gezeigt, dass manche dieser Juden sich gar nicht als solche sahen und es wie auch außerhalb des Ghettos quasi verschiedene Schichten gab, die es unterschiedlich schwer hatten.
Zudem hat es mir gut gefallen, ein Buch über den Aufstand im Warschauer Ghetto zu lesen und so wieder in Erinnerung gerufen zu bekommen, dass eben nicht alle Juden sich komplett passiv und widerstandslos in die KZs haben führen lassen.

Insgesamt ein sehr gelungenes Buch, dass nicht nur Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen zu empfehlen ist. In meinen Augen ein Buch, das man mal gelesen haben sollte, absolut Spaß macht zu lesen und es trotzdem schafft, dieses traurige Kapitel deutscher Geschichte anschaulich und glaubwürdig darzustellen.

„Die Frage ist […], wie willst du sterben? Willst du ein Mensch sein, der sich wehrlos abschlachten lassen will? Oder einer, der sich wehrt?“
– Amos

goldene_Sterne

Der Jahrhundertsturm

Der_JahrhundertsturmDer Jahrhundertsturm | Richard Dübell | Ullstein | erschienen 2015
ISBN 978-3-548-28664-8 | 9.99€
Leseprobe

Über Richard Dübell:
Dübell wurde 1962 in Landshut geboren, wo er mit seiner Frau und den zwei Söhnen auch heute lebt. 1997 erschien sein erstes Buch, Der Tuchhändler, eine historische Detektivgeschichte. Nach dem Erfolg des Romans schrieb Dübell vier weitere Geschichten mit dem Helden Peter Bernwald. Neben historischen Romanen schreibt er auch Krimis, Jugend- und Kinderbücher. Zudem sind auch schon Artikel von ihm in P.M. History erschienen.
Quelle: Autorenwebsite

Deutschland ist im Jahr 1840 ein Land im Umbruch: neue Techniken werden erfunden, neue Probleme tun sich auf und gleichzeitig versucht besonders der Adel Traditionen zu bewahren. In dieser Zeit verbindet eine Freundschaft die Männer Alvin von Briest und Paul Baermann, die in Teilen für eben diese unterschiedlichen Tendenzen stehen. Denn Alvin gehört dem alten Adelsgeschlecht der von Briest an und will seiner Rolle als preußischer Junker gerecht werden, während der Bayer Paul davon träumt Eisenbahningenieur zu werden. Beide sind sie verliebt in die gleiche Frau: die Französin Louise. Sie willigt ein Alvin zu heiraten, obwohl ihr Herz Paul gehört – denn Alvin hat sie aus der Pariser Gosse gerettet. Doch dann bauen sich die Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland auf – und mittendrin ist ein Junkersfreund von Alvin: Otto von Bismarck.

Der Jahrhundersturm hat mich von der ersten Seite an gefesselt! Zunächst wird jeweils die Geschichte von Alvin, Paul und Louise erzählt, bevor die Stränge zusammengeführt werden: wie Alvin und Paul sich kennen lernen, spannend auch, wie sie Fuß im Berufsleben fassen und schlussendlich die Rettung Louises und ihrer Mutter.
Alle drei Hauptpersonen sind gut und glaubwürdig dargestellt, auch wenn mir Louise mit ihrer Liebe zu BEIDEN Männern, die sie manchmal nicht so recht zu handhaben weiß, oft sehr merkwürdig vorkam. Gut gefallen hat mir auch, dass alle drei sehr offen gegenüber Neuem und allgemein modern eingestellt sind. Das mag damit zusammenhängen, dass besonders Paul als Eisenbahnenthusiast regen Anteil an den neuen Entwicklungen nimmt. Da auch Alvin einige Zeit für ein Eisenbahn-Unternehmen arbeitet (diese werden alle in ihren Ansichten recht liberal dargestellt) und sich beide zudem oft in Frankreich aufhalten, eine Französin lieben, ist es wohl kein Wunder, dass sie beide sich offen gegenüber neuen Techniken und Entwicklungen zeigen.
Auch mein Bild über Otto von Bismarck wurde ein wenig verändert. War er mir aus dem Geschichtsunterricht doch eher unsympathisch, hat seine Darstellung in Der Jahrhundersturm daran etwas geändert. Zwar ist er wie im echten Leben sehr berechnend (ich sag da mal nur „Emser Depesche“), aber er hilft doch auch immer seinen Freunden (aka Alvin von Briest) und zeigt sich besonders ihnen gegenüber doch auch mal sehr uneigennützig. Wenn ich ehrlich bin, hat zu diesem „weicheren“ Bild von ihm auch seine hoffnungslose Liebe zu Marie von Thadden-Trieglaff beigetragen.
Mir persönlich hat auch gut gefallen, dass aus meiner Sicht alle Sparten des 19. Jahrhunderts abgedeckt wurden: die technische Entwicklung mit Eisenbahn und Telegraphie, die politische Entwicklung mit der 48er-Bewegung, Revolutionen und Kriegen, sowie das alltägliche Leben der Ober-, Mittel- und Unterschicht. In meinen Augen hat Dübell es geschafft, eine Mischung aus diesen drei Elementen zu finden, die das Lesen nie langweilig macht.
Oft musste ich auch ein wenig über unsere heutige Gesellschaft und ihre Luxusprobleme schmunzeln: Regen wir uns doch manchmal schon darüber auf, dass eine Website nicht in 0.01 Sekunden lädt, war es damals eine echte Neuerung, innerhalb von ein, zwei Stunden (!) eine Nachricht zu verschicken. Das ist eine Sache, die mir an historischen Romanen allgemein so gut gefällt: sie führen uns immer wieder vor Augen, wie froh wir (besonders Frauen!) sein können, dass wir in der heutigen Zeit in einem Land wie Deutschland leben dürfen! Allein wenn ich mir angucke, wie viel gefährlicher eine Fahrt mit der Eisenbahn zu dieser Zeit war, mache ich schon drei Kreuze 😉
Gut, dies soll ja keine Lobrede auf das 21. Jahrhundert sein, also weiter im Text 😀
Richard Dübells Schreibstil hat mir gut gefallen. Obwohl das Buch aus 1032 Seiten besteht, ist es gut zu lesen, wird nicht langweilig und wartet mit gut ausgearbeiteten Charakteren auf. Es hat also alle Zutaten, die ein Buch lesenswert machen – das interessante Thema darf man natürlich nicht vergessen. Dem Autor ist es gelungen, ein realistisches Bild der damaligen Zeit auf spannende Weise zu schreiben.

„Diese grenzenüberschreitenden Bekanntschaften und Freundschaften werden Kriege verhindern, weil man nicht auf seine Bekannten und Freunde schießen möchte.
– August Borsig

5Sterne

Wie man einen Prinzen heiratet

Wie_man_einen_Prinzen_heiratetWie man einen Prinzen heiratet | Sophie Page | Goldmann | erschienen 2011
ISBN 978-3-641-06270-5 | 4.99€ (Kindle Edition)/0.48€ (Taschenbuch)
Leseprobe

Über Sophie Page:
Sophie Page ist das Pseudonym der britischen Autorin Jenny Haddon, die unter ihrem echten Namen sowie den zwei Pseudonymen Sophie Page und Sophie Weston schreibt. Jenny Haddon lebt und arbeitet in London.
Quelle: Jenny Haddon

Bella Greenwood ist gerade zwei Monate zu früh von einem enttäuschenden Job nach London zurückgekehrt. Dort findet sie Unterschlupf bei ihrer Freundin Charlotte, die sie am ersten gemeinsamen Wochenende zu einer Party mitnimmt. Auf dieser Party begegnet sie dem attraktiven Richard, der ihr Herz im Sturm erobert. Erst Tage später erfährt sie, dass Richard Thronfolger des englischen Königshauses ist. Und als sich trotz Bellas Abneigung gegenüber dem Rampenlicht eine feste Beziehung zwischen den beiden entwickelt, muss sie sich nicht nur mit aufdringlichen Paparazzi und missgünstigen Bloggern herumschlagen, sondern auch mit der Hofetikette und deren Hütern.

Dieses Buch musste sich bei mir gar keinen allzu hohen Erwartungen stellen. Ich wollte die freie Zeit hier in Deutschland nutzen, um mit einer der Challenges, Märchenhaft durch 2016, zu beginnen. Im Zuge dessen ist mir eben dieses Buch in die Hände gefallen und da mich der Klappentext angesprochen hat, landete es auf meinem Kindle. Jetzt war es also endlich so weit und ich muss sagen: das Buch ist toll!
Zunächst einmal war es sehr gut geschrieben und dementsprechend auch sehr gut zu lesen. Trotz Unterbrechungen habe ich insgesamt nur etwas mehr wie einen Tag gebraucht, um die 380 Seiten zu verschlingen.
Page schreibt humorvoll ohne dabei gezwungen zu wirken und ihre Protagonistin Bella ist mir sehr schnell ans Herz gewachsen. Sie ist ein ziemlicher Tollpatsch, nimmt ihre Missgeschick aber mit viel Humor und Selbstironie.
Auch Prinz Richard ist wirklich zum Verlieben. Kein Bad Boy, der wie durch ein Wunder durch die Liebe zu Bella alles umkrempelt, sondern ein Gentleman wie er im Buch steht, der trotz mit Bella und auch über sich lachen kann.
Ebenso ist in diesem Buch ein Leben im Rampenlicht, wie man es sich als Außenstehende(r) vorstellt, realistisch dargestellt. Mir hat auch gefallen, dass hier offensichtlich wird, welche Zwänge einem Thronfolger auferlegt sind. Anders als in den beliebter werdenden Superstar-Büchern ist ein „Über die Stränge schlagen“ für die royale Familie und eben auch das „First Girlfriend“ in Form von Bella nicht drin. Ganz offensichtlich sind die Konventionen durch ein Leben im Scheinwerferlicht hier noch schwieriger zu handhaben.
Gefallen hat mir ehrlich gesagt zudem die Tatsache, dass ein durchgetaktetes Leben von Seiten Richards, mit teilweise mehreren Terminen an einem Tag, dargestellt wird. Dass dies eben auch zu Problemen führt und vor allem, wie alle Beteiligten damit umgehen, hat mich fasziniert. Dadurch hatte ich wirklich das Gefühl, einen Einblick in das Leben der fiktiven royalen Familie zu bekommen.
Kleiner Pluspunkt, der mir sehr gut gefallen hat: Die Kapitelüberschriften sind als Schlagzeilen aus den Zeitungen und Zeitschriften dargestellt.

„Du kennst mich und ich kenne dich, und wir wissen beide, dass wir zusammen stärker sein werden als jemals alleine. Und wir werden außerdem verdammt viel mehr Spaß dabei haben.“
– Prinz Richard

5Sterne

Absturz in London

Absturz_in_LondonAbsturz in London | Emma Carr | AmazonCrossing | erschienen 2014
ISBN 978-1-477-82440-5 | 4.99€ (Kindle Edition)/9.99€ (Taschenbuch)
Leseprobe

Über Emma Carr:
Absturz in London ist Emma Carrs Debütroman, inspiriert von einer Reise mit ihrem Ehemann in eben jene Stadt. Die Ruleford-Trilogie ist mittlerweile abgeschlossen; im Oktober 2015 erschien ihr neuestes Buch, ebenfalls Auftakt einer Reihe, The CEO.
Sie lebt mit Ehemann, Sohn und Hund in Seattle.

Aimee Kennedy gewinnt eine Reise inklusive Hotelübernachtung nach London. Dumm nur, dass ihr Begleiter all ihre Sachen stiehlt – inklusive des Gutscheins für den Rückflugs nach Amerika und ihrem Geld. Notgedrungen bewirbt sie sich bei dem attraktiven Banker Simon Ruleford als Haushaltshilfe. Da sie jedoch Amerikanerin ohne Arbeitserlaubnis ist und er seine Geschäfte mit der Königsfamilie nicht gefährden darf, stellt er sie nicht ein. Durch einen Zufall wird Aimee in seinem Haus eingeschlossen, pflegt ihn, als er krank wird und so kommen sich die beiden näher. Aber Aimee muss unbedingt in die Staaten zurück um ihr Studium zu beenden – und Simon darf die Royals nicht verprellen.

Ich habe das Buch angefangen zu lesen – und gleich mal eine Nachtschicht eingelegt, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es ausgeht.
Ein bisschen erinnert es an eine Aschenputtel-Adaption, nur dass in diesem Fall das Aschenputtel nicht gerettet werden will (soll heißen: sich auf keinen Fall in den Prinz verlieben 🙂 ) Ein Prinz kommt im Übrigen doch vor; Prinz William (ja, DER Prinz William) wird nämlich spontan mit eingespannt – und ist hin und weg von Aimees Back- und Kochkünsten. Sehr sympathisch 😉
Besonders Aimee finde ich toll: immer eine schlagfertige Antwort und eine kleine Kämpferin.
Auch Simons Wandel vom Bürohengst, der mit seiner Arbeit verheiratet ist, zum verliebten Trottel ist glaubwürdig. Es geschieht nicht einfach von einem Tag auf den anderen, sondern entwickelt sich im Laufe der Story.
Alles ist glaubwürdig ge- und beschrieben, flüssig zu lesen und ohne grammatikalische Fehler. Und obwohl die Rulefords eine Bankerfamilie sind, wird das Thema Mathematik nicht zu sehr breitgetreten und man auch nicht mit Fachausdrücken erschlagen.

Wenn er die Zeit neben Aimee verbringen durfte, würde er sich auch eine sechsteilige Serie über die Geschichte des Hausstaubs anschauen.
– Simon Ruleford

5Sterne