Rezension – Der Duft von Kaffee und Kardamom

Im Rahmen der Frauen Lesechallenge von Wortlichter war das Themengebiet für das zweite Quartal 2017 „Bücher von Frauen aus Asien, Afrika & Südamerika“. Daher habe ich mich an Der Duft von Kaffee und Kardamom von Badreya El-Beshr aus Saudi-Arabien gewagt. Erschienen ist das Buch im Alawi Verlag.

Ich möchte schon im Vorhinein anmerken, dass dies mein erstes Buch aus dem arabischen Raum ist und ich entsprechend wenig über den Kulturkreis weiß. Selbstverständlich lese auch ich Nachrichten, daher ist mir klar, dass Frauen in Saudi-Arabien bestenfalls eingeschränkte Rechte haben. Das bedeutet aber nicht, dass ich beurteilen könnte, inwiefern beschriebene Vorgänge im Buch der Normalität entsprechen und was möglicherweise überspitzt dargestellt wird.

Was mich durchgehend erschreckt und schockiert hat, war, wie sexualisiert vieles letztendlich doch dargestellt wurde. Für eine Welt, in der von Frauen erwartet wird, keinen Sex vor der Ehe haben und gefühlt alles Sexuelle als verpönt gilt, wächst die Erzählerin in einer sehr sexuellen Welt auf. Ständig werden ihr Avancen gemacht – auch in einem Alter, bei dem ich das Schaudern bekommen habe.
Teilweise kam es mir so vor, als gäbe es keinerlei andere Themen, welche die Menschen beschäftigen. Die einzige Aufgabe der Mutter scheint zu sein, die Erzählerin vor Männern zu warnen, während sie gleichzeitig auf ein Leben als gehorsame Ehefrau erzogen wird.

Frauen sind zum Vergnügen da, nicht für die Liebe. […] Derjenige, der sich zuviel mit Frauen abgibt, [wird] als Schwächling und Weichling enden.
– S. 174

Überhaupt war die Mutter eine wirklich unsympathische Frau – eine sehr gestrenge Sittenwächterin. Mir erschien es manchmal, als hätte sie eine ganz eigene Auslegung des Koran und sie erlaubt keine Abweichungen davon.
Zudem hat das Buch ein Phänomen aufgezeigt, über das ich nun schon mehrmals gelesen habe: in der patriarchalisch geprägten Welt des Islam sind Frauen oft stark an der Unterdrückung anderer Frauen beteiligt. Insbesondere scheint dies der Fall zu sein bei Müttern gegenüber ihren Töchtern. Sehr eindrucksvoll wird im Buch aufgezeigt, wie die Mutter ihre Tochter kontrolliert und teilweise schikaniert.

Die Männer echtfertigen ihr Verhalten […] mit der Tradition, die dies schon von Anbeginn der Schöpfung so festgeschrieben habe. Sie haben diese Tradition ja nicht festgelegt, sind aber heute ihre strengen Wächter. Im Laufe der Jahre haben sie es sogar geschafft, reihenweise Frauen zu mobilisieren, die noch weitaus strengere Wächter wurden als sie.
– S. 158

Dies wird immer mehr und mehr zu einem einengenden Käfig, dem die Tochter nur durch das Schreiben entfliehen kann, da ihre Mutter nicht lesen kann. Interessant auch hier, dass der Vater in seinen Ansichten deutlich moderater ist und seiner Tochter tendenziell mehr erlaubt.
Im Kontrast dazu steht das Arbeiten in einem Krankenhaus, wo die Tochter einerseits auf Männer trifft, zu denen sie eine professionelle Beziehung aufbaut, die zeigt, dass sexuelle Aspekte eben nicht immer eine Rolle spielen. Zudem trifft sie auf Frauen, die liberaler erzogen wurden als sie. Dadurch kommt sie in Kontakt mit westlichen Ideen und dem westlichen Leben im Allgemeinen.

Viel wird über die Flucht geschrieben. Zuerst stellt für die Erzählerin vor allem das Lesen und Schreiben eine Flucht aus der Realität, und damit dem von ihrer Mutter erschaffenen Käfig, dar. Ermöglicht wird dies dadurch, dass ihre Mutter Analphabetin ist und auch ihr Vater nur sehr wenig lesen und schreiben kann. Sie kann sich dadurch ihre eigene Welt schaffen, die niemand sonst betreten kann.

Mit dem Schreiben baute ich mir eine unzugängliche Höhle, die niemand betreten und nach ihren Geheimnissen durchsuchen konnte.
– S. 118

Dies ändert sich schlagartig, als sie verheiratet wird, denn ihr Mann ist wie sie des Lesens mächtig. Immer mehr wird dadurch der Westen, insbesondere die USA, zu dem einzigen Ausweg aus einer Welt, in der die Erzählerin sich unterdrückt fühlt (und es auch ist). Damit will ich gar nicht sagen, dass der Westen die Lösung für alles ist, aber es wird deutlich, dass viele Menschen, die mit dem System in Saudi-Arabien nicht zufrieden sind, die westliche Welt die bessere Alternative ist.

Wenn ich aus diesem Buch eines gelernt habe, dann ist es Dankbarkeit für meine Schulbildung. So sehr ich Teile des Schulsystems und Schulalltags gehasst habe, kann ich mich doch vor allem glücklich schätzen, dass ich nicht die Schule verlassen musste, nur weil ich zufällig weiblich bin oder weil ich plötzlich heiraten sollte. Ich kann mich glücklich schätzen für all die Welten, die sich mir durch das Lesen eröffnen und dafür, dass ich überhaupt lesen kann.

[Mir] wurde […] mehr und mehr bewusst, dass Männer in dieser Welt allen Raum für sich beanspruchen, sich überall herumtreiben und breit machen. […] Die Frauen hingegen schnürt man ein in enge Traditionen. Die Mütter haben ständig Angst um ihre Töchter, nicht nur aus mütterlicher Sorge um sie, sondern fast immer aus Angst vor der Schande, die die Ehre der ganzen Familie besudeln könnte.
– S. 156

Über Badreya El-Beshr:
El-Beshr wurde in Saudi-Arabien geboren und studierte dort an der König-Saud-Universität Literatur- und Sozialwissenschaften. Ihren Doktor machte sie an der Amerikanischen Universität in Beirut. Sie schreibt literarische und sozialkritische Kolumnen für mehrere Zeitungen, insbesondere die Tageszeitung Al-Hayat.
Heute tritt sie international regelmäßig als Rednerin auf und unterrichtet an der König-Saud-Universität. Im Deutschen sind drei Bücher von ihr erschienen.
Quelle: Alawi-Verlag

Weitere Meinung zum Buch:
  • Tulpentopf (4/5 Sterne; „Anders aber wichtig“)

Bildquelle Autorenbild: Saudische Kultur-Woche

Ein Gedanke zu &8222;Rezension – Der Duft von Kaffee und Kardamom&8220;

Ich freue mich über Deinen Kommentar!