Rezension – Das Geheimnis der Eulerschen Formel

Als eine Haushälterin ihren neuen Job antritt, bekommt sie es mit einem eher außergewöhnlichen Hausbewohner zu tun: der Mathematik-Professor hat nach einem tragischen Unfall nur noch ein sehr kurzes Gedächtnis. Nach genau 80 Minuten wird dieses quasi auf null gesetzt und er erinnert sich an das zuvor Geschehene nicht mehr. Doch die neue Haushälterin gewinnt sein Vertrauen und auch deren Sohn schließt er schnell ins Herz. Die verbindende Brücke ist dabei die Mathematik mit faszinierenden Zahlenrätseln, welche er mit großer Geduld vermittelt.
Doch dann setzt die Schwägerin des Professors der zarten Freundschaft ein Ende …

Ich bin einer dieser merkwürdigen Menschen, die mit Mathematik noch nie ein großes Problem hatten. Ich habe immer recht gute Noten mit heimgebracht und auch an der Uni gibt es in meinen Augen schlimmeres als die Mathe-Vorlesungen.
Als ich daher über dieses Buch gestolpert bin, war ich neugierig, wie die Formeln in einen Roman eingebaut werden können. Denn trotz meiner eher positiven Einstellung zu Mathematik, konnte ich mir gut vorstellen, dass das Buch dadurch ein bisschen trocken wird.

„Gott existiert, weil die Mathematik konsistent ist; der Teufel existiert, weil wir es nicht beweisen können.“
– Der Professor, S. 142

Wenn der Professor hier allerdings über befreundete Zahlen, Fakultäten oder vollkommene Zahlen redet, dann wird es nicht langweilig. Ogawa ist es gelungen, die Begeisterung dieses fiktiven Professor so zu vermitteln, dass es sehr realistisch wirkt. Ich wurde davon teilweise richtiggehend angesteckt und habe mich mit ihm und seiner Haushälterin über die kleinen mathematischen Dinge gefreut.

Neben der Faszination für Mathematik, die hier schön dargestellt wurde, wartet das Buch mit sympathischen Protagonisten auf. Es ist nicht besonders lang, daher konzentriert es sich auf den Professor, seine Haushälterin und deren Sohn, während die anderen Figuren oftmals nur in wenigen kurzen Sätzen beschrieben werden. Wirkliche „Auftritte“ haben nur vier relevante Personen – neben den drei genannten noch die Schwägerin des Professors.
Selbst diese werden nur teilweise tiefergehend behandelt. So erfährt man zwar einiges über die Vergangenheit der Haushälterin und über den Gedächtnisverlust des Professors, aber dennoch erhalten diese beispielsweise keine Namen. Der einzige, der konsequent mit einem Namen angesprochen wird, ist der Sohn der Haushälterin und „Root“ ist hier auch nur ein Spitzname.
Dies erleichtert allerdings die Identifikation mit den Figuren: Man könnte sich immer selber an Stelle einer davon finden. Insbesondere die Haushälterin wirkt sehr realistisch, hin- und hergerissen zwischen der Sorge um ihren Sohn, weil dieser alleine zu Hause ist, und der Tatsache, dass sie ihren Job braucht, um sich um ebendiesen kümmern zu können.

Alles in allem hat mich dieses Buch wirklich positiv überrascht. Ogawa hat einen angenehmen Schreibstil, konnte mich auch in mathematischen Dingen mitreißen und hat liebenswerte Charaktere geschaffen, die ich gerne noch länger begleitet hätte.

Zahlen waren für [den Professor] eine Geste, dem anderen die Hand zu reichen, und zugleich ein Mantel, der ihm Schutz bot.
– S. 13

Über Yoko Ogawa:
Ogawa wurde 1962 in Okayama, im Süden Japans, geboren. Sie studierte in Tokio, bevor sie 1986 ihre Schriftsteller-Karriere begann. Für ihre erste Erzählung, Agehachō ga kowareru toki (dt.: Der zerbrochene Schmetterling), gewann sie 1988 prompt einen Preis.
Seitdem hat sie mehr als zehn Romane und Erzählungen veröffentlicht, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Zudem wurden einige ihrer Bücher als Filme adaptiert, darunter auch Das Geheimnis der Eulerschen Formel im Jahr 2006.
Heute lebt sie mit ihrer Familie in der Präfektur Hyōgo, welche ebenfalls im südlichen Japan liegt.
Quelle: Wikipedia

Weitere Meinungen zum Buch:
  • Bücherkaffee („Verzaubert von ihrem Schreibstil, werde ich mir diese Autorin und weitere ihrer Werke vormerken.“)
  • Von der Muse geküsst (5 Sterne; „[…] das ein Roman über die Mathematik so zauberhaft sein, so magisch und poetisch, hätte ich nie gedacht und ich hab es auch nicht annähernd erwartet.“)
  • Claudias Bücherregal (5 Sterne; „Ein ruhiger Roman, der durch seine Atmosphäre überzeugt und die Liebe zur Mathematik vermittelt.“

Bildquelle Cover: atb
Bildquelle Japanische Kirschblüte: Pinterest
Bildquelle Autorenbild: Aufbau Verlag (Subject: OGAWA Yoko – Copyright: Danica BIJELJAC/Opale – Date: 20070500)

2 Antworten auf „Rezension – Das Geheimnis der Eulerschen Formel“

  1. Hallo Celina,

    dieses Buch hat mir auch sehr gut gefallen. Habe es aber in einer Phase gelesen, in der ich leider keine Zeit für Rezensionen schreiben hatte. Deshalb findet sich dazu auch nichts auf meinem Blog. Zwei weitere Romane von Yoko Ogawa subben noch „Liebe am Papierrand“ und „Das Museum der Stille“. Ganz schrecklich fand ich „Hotel Iris“. Darüber und das warum kannst du gerne bei mir nachlesen, falls es dich interessiert. 😉

    GlG vom monerl

    1. Hi monerl,

      für mich war die „Eulersche Formel“ das erste Buch von ihr, das ich in den Händen gehalten habe. Aber wenn mir mal eines von ihr über den Weg läuft, werde ich das auf jeden Fall lesen! 🙂
      Deine Rezension zu Hotel Iris schaue ich mir mal an – gerade hält mich nur das Offline-Leben ziemlich auf Trab, dauert also noch 🙂

      LG und einen schönen Abend
      Celina

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