Rezension – Der König der purpurnen Stadt

London 1330: Im Haushalt seines Cousins soll Jonah alles über den Tuchhandel erlernen. Es ist ein hartes Leben und Zuneigung erfährt der verwaiste 18-jährige nur durch seine Großmutter. Doch als er König Edward und Königin Philippa begegnet, wandelt sich sein Leben auf einen Schlag. Er findet Aufnahme in die Londoner Tuchhändlergilde – als jüngstes Mitglied. Und sein Aufstieg ist kometenhaft – bis hin zur Revolutionierung des Tuchhandels mithilfe der Königin. Doch mit seinem Erfolg kommen auch die Neider und Feinde. Und deren Intrigen werden zunehmend perfide.

„Wenn Ihr Euch davon abhängig macht, was andere denken, legt Ihr Euch selbst in Fesseln.“
– Jonah Durham, S. 697

Was historische Romane anbelangt, ist Rebecca Gablé meine unangefochtene Lieblingsautorin.
Bei jedem Buch von ihr, das ich lese, bewundere ich sie dafür, wie sie Realität und  Fiktion verbindet. Auch den angehenden Tuchhändler Jonah aus Der König der purpurnen Stadt gab es nicht wirklich. Teile der Geschichte sind komplett frei erfunden und wären überprüfbar, so sie denn der Wahrheit entsprächen – dazu zählen beispielsweise einige von Jonahs Karriereschritten.

Mittelalterlicher Webstuhl
Mittelalterlicher Webstuhl

Andere Teile lassen in der überlieferten Form genug Freiraum, um eine Person „einzufügen“. So entspricht es den Tatsachen, dass viele Flamen im 14. Jahrhundert nach England übersiedelten, um dort in der Textilbranche zu arbeiten – und es gab mehr als nur einen Londoner Tuchhändler, der ihre Dienste in Anspruch nahm.
Möglichkeiten, eine fiktionale Person (auch eine wohlhabende und einflussreiche) im London des 14. Jahrhunderts zu platzieren, gibt es also zur Genüge.

Davon einmal abgesehen, schafft Gablé mit Jonah Durham wieder einmal eine äußerst realistisch anmutende Person. Wenn ich ehrlich bin, hat mir Jonah von allen Personen aus allen Büchern Gablés, die ich bisher gelesen habe, am besten gefallen.
Das liegt vor allem daran, dass mir viele seiner Entscheidungen und Handlungen nicht gefallen haben oder meine etwas rachsüchtige Seite angesprochen haben. So konnte ich mich oft in Jonah wiederfinden, vor allem mit meinen eher unrühmlichen Gedanken. Obwohl mich das während des Lesens verstimmt oder nachdenklich gemacht hat, gefällt mir dies im Nachhinein besonders gut. Gerade das macht Jonah menschlich; schließlich hegt jeder von uns (mehr oder weniger) regelmäßig negative Gedanken und Gefühle gegenüber seinen Mitmenschen.

Rache brachte Genugtuung, keinen Seelenfrieden.
– S. 339

Königin Philippa und König Edward
Königin Philippa und König Edward

Umso besser daher, dass Jonah in Form seiner Ehefrau eine äußerst liebenswerte, wenn auch ein wenig abgehärtete Frau zu Seite gestellt bekommt. In erster Linie zeigt sie auf, wie Frauen im Mittelalter das Beste aus ihrer Situation machen konnten. Viel Mitbestimmungsrecht hatten sie sicherlich nicht. Mit ein bisschen Intelligenz und Verstand konnten sie aber, über ihren Mann, doch ihren Willen durchsetzen. Und Jonahs Frau (deren Namen ich hier aus Spoiler-Gründen nicht nennen will) ist wahre Meisterin darin, ihren Willen durchzusetzen – ob dies Jonah nun passt oder nicht. Daneben macht sie Jonah auch ein wenig sympathischer, da im Umgang mit ihr seine freundliche und nachgiebige Seite deutlich wird.

Giselle dachte manchmal, dass sie die Männer nicht um ihre Macht und ihre Freiheit am meisten beneidete, sondern darum, wie wunderbar einfach und klar die Dinge stets für sie waren.
– S. 536

Besonders spannend fand ich aber auch in diesem Buch wieder einmal die Darstellung der Menschen im Allgemeinen. Ich bin jedes Mal überrascht, wie wenig sich letztendlich verändert hat. Wir werden noch immer von den gleichen Gefühlen getrieben und auch wie wir über andere Bevölkerungsgruppen denken, hat sich kaum geändert. In manchen Punkten (gerade in Bezug auf Gefühle) ist dies sicherlich verständlich – in anderen einfach nur erschreckend.

Der König der purpurnen Stadt ist wieder einmal ein wunderschöner Roman von Rebecca Gablé. Nicht nur die Personen überzeugen, er liefert auch realistische, spannende und oft erstaunliche Einblicke in das mittelalterliche London. Mit Jonah hat Gablé zudem einen Helden geschaffen, der nicht so rückhaltlos positiv in Erinnerung bleibt wie andere – aber meine Gedanken noch lange begleitete.

„Gott hat uns in seiner grenzenlosen Weisheit und Güte oder auch zu seiner persönlichen Belustigung einen freien Willen gegeben.“
– Jonah Durham, S. 932

Über Rebecca Gablé:
Rebecaa Gablé (Künstlername von Ingrid Krane-Müschen) wurde 1964 in Nordrhein-Westfalen geboren, machte nach dem Abitur eine Ausbildung zur Bankkauffrau und arbeitete auf einem Stützpunkt der Royal Air Force. Dort wurde ihr Interesse an der englischen Kultur geweckt, sodass sie schließlich Literaturwissenschaft und Mediävistik in den Fächern Anglistik und Germanistik in Düsseldorf studierte.
Der Durchbruch gelang ihr mit Das Lächeln der Fortuna 1997, vorher hatte sie schon zwei Kriminalromane geschrieben. Seitdem ist jeder ihrer historischen Romane in den Bestsellerlisten gelandet.
Quelle: Wikipedia

Weitere Meinung zum Buch:

  • Leseträume (5 Wunderlampen; „Rebecca Gablé [entführt] einmal mehr meisterhaft ins mittelalterliche England und ermöglicht völlig neue Einblicke.“)

WERBUNG

Verlagsseite zum Buch (inkl. Leseprobe)

Der König der purpurnen Stadt | Rebecca Gablé | Bastei Lübbe | erschienen 20.08.2002
Taschenbuch: ISBN 978-3-404-15218-6 | 10,90€ | 960 Seiten
E-Book: ISBN 978-3-8387-0950-5 | 8,99€ | 960 Seiten
Hörbuch: ISBN 978-3-7857-3867-2 | 19,99€ | 621 Minuten


Bildquellen:
Cover: Bastei Lübbe
Mittelalterlicher Webstuhl: Wikipedia; Von J.E. Gailer: Neuer Orbis Pictus für die Jugend. Reutlingen 1835 – J.E. Gailer: Neuer Orbis Pictus für die Jugend. Reutlingen 1835, Gemeinfrei
Königin Philippa, König Edward: Wikipedia, Von HISTORY OF ENGLAND by SAMUEL R. GARDINER – http://www.gutenberg.org/files/28157/28157-h/images/img120.jpg, Gemeinfrei
Autorenbild: RP Online

2 Antworten auf „Rezension – Der König der purpurnen Stadt“

  1. Huhu!

    Von dieser Autorin will ich schon seit vielen Jahren mal etwas lesen… Irgendwo steht hier auch noch ein Buch von ihr, dass ich seit drei Umzügen mitschleppe! Ich glaube, ich muss endlich mal die letzten Buchkisten auspacken, die seit 2009 im Keller stehen…

    Das Buch hier klingt sehr gut! Eine schöne Rezension. 🙂

    LG,
    Mikka
    [ Mikka liest von A bis Z ]

    1. Hallo Mikka,

      dann wird es definitiv Zeit, dass du die Kartons auspackst! Für Rebecca Gablé lohnt sich das auch 😀
      Obwohl bei mir, ich mag’s gar nicht zugeben, auch noch Kisten vom Umzug vor zwei Jahren rumstehen 🙂

      Vielen Dank für das Kompliment und einen schönen Feiertag!

      LG Celina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Zustimmung zur Datenspeicherung laut DSGVO