Rezension – Die Schwester des Tänzers

Im Leben der Geschwister Bronislawa und Waslaw Nijinsky dreht sich alles um das Ballett. Als Kinder zweier Tänzer um 1900 in Russland geboren und aufgewachsen, treten sie der russischen kaiserlichen Ballettakademie bei. Besonders Waslaw bringt es als Überflieger bald zu weltweitem Ruhm. Aber auch Bronislawa setzt sich in einer Welt des Glamours, ebenso wie der Missgunst, durch.

In letzter Zeit ist meine Freude an historischen Romanen wieder gewachsen und besonders gern Biografien in Romanform. Von Bronislawa Nijinska; Bronia genannt; und ihrem Bruder hatte ich vorher noch nie gehört, aber Eva Stachniak hat mir in diesem Roman das Gefühl gegeben, am Leben der beiden teilzuhaben.

Bronia 1908

Während des gesamten Buches hatte ich das Gefühl, Bronia, Waslaw und ihre Freunde direkt vor mir stehen zu haben. Eva Stachniak berichtet von den Qualen und Mühen des Trainings, von der Lebensgestaltung der Geschwister, aber auch von der Freude am Tanz, dem Glamour und der Anmutigkeit. Bronia ist dabei keine Heilige. Sie macht Fehler, verliert die Geduld, handelt irrational und trifft Entscheidungen, die ich nicht nachvollziehen konnte. Aber das macht sie einerseits sympathisch (wer kann von sich behaupten, das keines der obigen jemals auf ihn zutraf?), hat mir dies doch erst wirklich das Gefühl gegeben, über eine reale Person zu lesen. Andererseits wird sie so realer – gerade weil man diese Gefühlsregungen so gut kennt, kann man sich in Bronia hineinfühlen.

Zu den besten Dingen an diesem Buch gehört Stachniaks Schreibstil. Auf Bronias eher nüchterne und pragmatische Art (das gesamte Buch ist aus ihrer Sicht geschrieben), von der sie nur abweicht, wenn es um die geht, die sie liebt, lernt man über ihr Leben. Es ist erkennbar, wie sehr sie ihren Bruder liebt, aber wie sehr sie manchmal auch mit seiner Genialität zu kämpfen hat. Stachniak kann dabei manche Gefühlsregungen mit nur wenigen Worten ausdrücken, aber auch auf poetische Weise über Bronias Leben schreiben.

Bronia 1913

Zu Beginn hatte ich ein wenig Sorge, bei den ganzen Tanz-Begriffen nicht wirklich durchzublicken, da ich nun mal keine Ahnung vom Tanzen im Allgemeinen und Ballett im Besonderen habe. Das stellte letztendlich kein Problem dar; die Begriffe wurden im Lauf der Handlung erklärt.

Interessant ist auch, was man über die Situation im damaligen Russland erfährt. Obwohl Bronia sich nur am Rande für Politik interessiert, bleiben sie und ihre Familie von den Auswirkungen derselben ebenso wenig verschont wie andere russische Bürger. Da ich in der Schule kaum etwas über die russische Situation im 20. Jahrhundert gelernt habe, waren die Einblicke in den damaligen Alltag spannend.

Die Schwester des Tänzers hat mir erneut unter Beweis gestellt, dass es nichts besseres als gut geschriebene Roman-Biografien gibt. Dieses Buch habe ich förmlich verschlungen – und es tut mir leid, dass ich den Genuss des ersten Lesens nicht mehr genießen kann.

Weitere Meinungen zum Buch:

  • Listen by Lenny („Für mich gibt es nur ein Wort für diesen Roman: Meisterhaft!“)
  • Russianhalthistory (9/10 Punkte; „ein[..] hohe[r] Grad an Authentizität“, „ermöglicht der Leserschaft einen einzigartigen Einblick in die harte Welt des Balletts“)
  • Schmetterlingsliteraturreise („Bei Die Schwester des Tänzers habe ich mich […] getäuscht, da diese Geschichte für mich überhaupt nichts war.“)

 

Über Eva Stachniak:
Eva Stachniak wurde im polnischen Wrocław geboren und unterrichtete an der dortigen Universität. 1981 erhielt sie ein Stipendium für die McGill University in Montreal, wo sie sieben Jahre später ihren Doktor in Literatur machte. Von 1988 bis 2007 unterrichtete sie am Sheridan College in Oakville, Ontario, Englisch und Geisteswissenschaften. 2000 erschien ihr Debütroman. Die Schwester des Tänzers ist ihr fünftes Buch.
Quelle: Website von Eva Stachniak

 

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Originaltitel: The Chosen Maid | Übersetzer: Peter Knecht
Klappenbroschur: ISBN 978-3-458-36178-7 | 15,95€
E-Book: ISBN 978-3-458-74919-6 | 9,99€

Verlagswebseite zum Buch (inkl. Leseprobe)

Wikipediaartikel zu Bronislawa Nijinsky (der englische Artikel ist übrigens bei weitem ausführlicher)
Wikipediaartikel zu den Ballets Russes, bei denen Bronia lange Zeit tanzte


Bildquellen:

Cover: Suhrkamp
Bronislawa Nijinska 1908: Wikipedia, By Unknown – Library of Congress, Public Domain
Bronislawa Nijinska 1913: Wikipedia, By Unidentified – Houghton Library, Public Domain
Autorenbild: Website von Eva Stachniak

2 Antworten auf „Rezension – Die Schwester des Tänzers“

  1. Huhu!
    Eine sehr interessante Rezension, besonders die Origonalfotos haben es mitr angetan! Das Buch steht nun auch schon das zweite Jahr bei mir und nun will ich es auch direkt lesen – also alles richtig gemacht 😄

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    1. Hi Gabriela,
      das ist doch das schönste Kompliment! Freut mich sehr, dass dir die Rezension so gut gefallen hat – hoffentlich gilt das auch für das Buch 😉
      Ich finde vor allem schön, dass Bronias Anmut auch auf Bildern erkennbar ist, die hundert Jahre alt sind.
      LG Celina

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