Rezension – Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe

An Weihnachten 1919 erhält Coco Chanel die furchtbare Nachricht, dass ihr langjähriger Geliebter Arthur Capel, genannt Boy, bei einem Unfall ums Leben kam. Von Trauer wie gelähmt, kann sie sich kaum aufraffen, den Erfolg ihres Modeunternehmens voranzutreiben. Doch dann erinnert sie sich an Boys und ihren gemeinsamen Plan, ein besonderes Parfum zu entwerfen. Auf der Suche nach dem perfekten Duft trifft sie den russischen Prinzen Dimitri Romanow. Gibt es vielleicht doch ein erfülltes Leben für sie nach Boys Tod?

Ich bin unentschlossen, wie ich dieses Buch finde. Normalerweise bekomme ich bei (Teil-)Biographien in Romanform wie hier, das Gefühl, die porträtierte Person besser kennengelernt zu haben. Meistens entwickle ich Sympathie für diese Person und auf jeden Fall bilde ich mir ein eigenes Bild über sie.
Aber bei Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe geschah dies nicht. Ich hatte zwischendurch den Wikipedia-Artikel über sie gelesen (eine Kurzfassung davon gibt es weiter unten) und das hat meine Meinung doch ziemlich beeinflusst. Denn die Nazi-Vergangenheit einer Person sorgt dafür, dass ich ihr grundsätzlich ablehnend gegenüber stehe. Das Problem ist nun gar nicht so sehr, dass ich Coco nicht ausstehen konnte – ich bin ihr gegenüber einfach neutral eingestellt. Und das ist ungewöhnlich für diese Roman-Biographien.

Dennoch gab es viel, das mir gut gefallen hat. Zunächst einmal fand ich es unglaublich interessant, kleine Einblicke in die Herstellung eines Parfüms zu erhalten. Wie im Buch über Düfte und die Herstellung von Parfums, aber auch durch Düfte hervorgerufene Erinnerungen, geredet wird, war berührend.
Die Coco Chanel im Buch kann aus den kleinsten Dingen und Erlebnissen Inspiration ziehen und auch das fand ich spannend zu lesen. Für mich ist es interessant, zu erfahren, wie Leute auf ihre Ideen kommen, sei es nun bei Büchern oder eben auch bei Mode und Design.

Obwohl mir der Schreibstil manchmal nicht zusagte aufgrund seiner Langatmigkeit, hat es mir gefallen, dass Michelle Marly mit diesem Buch nur knapp drei Jahre aus dem Leben der immerhin 87 Jahre alt werdenden Coco Chanel beleuchtete. Denn dies wurde dafür umso intensiver gemacht. So gibt das Buch sehr detaillierten Einblick in die Entstehungsweise des Chanel No. 5 und in die Gefühlswelt von Coco sowie einiger ihrer Freunde.
Ganz persönlich fand ich es auch toll, „alte Bekannte“ aus Die Schwester des Tänzers wiederzutreffen. Denn auch dort spielte die Pariser Künstlerszene in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg eine wichtige Rolle. Coco Chanel bewegte sich in den gleichen Kreisen – und die Exil-Russen spielten in Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe eine große Rolle.

Wer sich für die Künstlerszene im Pariser der 20er Jahre und Coco Chanels Leben interessiert, für den ist dieses Buch genau das Richtige. Auch wenn mir die Person Coco nicht besonders zugesagt hat, war es insgesamt doch ein interessantes und spannendes Buch.

„Wenn du einen besonderen Duft findest, ist es ein Monument. Ein Denkmal für eure Liebe.“

Misia Sert, S. 58

Weitere Meinungen zum Buch:
Nana – Der Bücherblog („unglaublich gut geschriebenes Buch“)
Lesen ist Luxus („ideal für Zugfahrten oder um den Kopf frei zu bekommen und sich in das Paris der Zwanziger Jahre zu träumen“)
Bücherfieber (7.5/10; „[e]in wunderbarer Schmöker“)

Coco Chanel

1883 wurde sie als Gabrielle Chasnel in Saumur an der Loire geboren. Sie war die uneheliche Tochter einer Wäscherin und eines Hausierers, die zusammen sechs Kinder hatten, und stammte aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Nach dem Tod ihrer Mutter kamen Gabrielle und ihre ältere Schwester in ein Waisenhaus, wo sie das Nähen erlernte. Mit 20 Jahren war sie in einem Aussteuer- und Babyartikelgeschäft angestellt und nahm zudem privat Aufträge als Schneiderin an. Zudem trat sie immer wieder als Sängerin auf und erhielt wohl dabei den Spitznamen Coco.
Später lernte sie in Vichy, wo sie ebenfalls als Sängerin auftrat, Étienne Balsan kennen. Der Industriellensohn führte sie in die Pariser Gesellschaft ein und ermöglichte es ihr zudem, 1909 ein Hutatelier zu eröffnen. Ihre Kreationen sorgten unter den Damen der Pariser Gesellschaft für große Begeisterung. Über Balsan lernte sie auch ihren nächsten Geliebten, Arthur Capel, kennen, dank dessen Hilfe sie die erste Modebotique eröffnen konnte. In den folgenden Jahren wuchsen ihr Erfolg und ihre Bekanntheit stetig an.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde der deutsche Diplomat Hans Günther von Dincklage ihr Liebhaber und sie war wohl als Agentin der Nazis tätig. Nach Kriegsende wurde sie zunächst als Kollaborateurin verhaftet, aufgrund ihrer guten Beziehungen aber wieder freigelassen. Zudem unterstütze sie weiterhin SS-Offiziere, die sie aus der Zeit des Krieges kannte.
Mit 70 Jahren eröffnete Chanel eine Boutique und zeigte dabei eine neue Kollektion, welche großen Erfolg hatte.
1971 starb sie im Alter von 87 Jahren in Paris, nachdem sie die letzten Jahre ihres Lebens zurückgezogen und einsam verbracht hatte, obwohl sie bis zum Ende an einer weiteren Kollektion arbeitete.
Quelle: Wikipedia

Der Film Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft erzählt das Leben Coco Chanels in den Jahren, bevor dieses Buch beginnt.

Über Michelle Marly:
Michelle Marly ist das Pseudonym der Autorin Micaela Jary. Unter ihrem Pseudonym schrieb sie ein Buch über Coco Chanel und die Entstehung des Chanel No. 5 sowie über Édith Piaf und die Entstehung ihres Liedes La vie en rose. Sie lebte einige Zeit in Paris, bevor sie nach Deutschland zurückkehrte, wo sie ihre Zeit zwischen Berlin und München aufteilt. Sie arbeitete zunächst als Reporterin, widmet ihre Zeit aber mittlerweile ausschließlich dem Schreiben von Büchern.
Quelle: Website der Autorin

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Taschenbuch: ISBN 978-3-7466-3349-7 | 12,99€
E-Book: ISBN 978-3-8412-1499-7 | 9,99€
496 Seiten | erschienen 2018

Bildquellen
Coco Chanel (1937): Time (Photo by Lipnitzki/Roger Viollet/Getty Images)
Coco Chanel (1928): Wikipedia
Coco Chanel (Farbfoto): Westwing
Michelle Marly: Website der Autorin
Cover: Aufbau-Verlag

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