Roman eines Schicksallosen

Quelle: Rowohlt
Quelle: Rowohlt

Roman eines Schicksallosen | Imre Kertész | Rowohlt | erstmals 1975 in Ungarn veröffentlicht
ISBN 978-3-499-22576-5 | 9,99€

Über Imre Kertész:
Kertész wurde 1929 in Budapest geboren. 1944 wurde er zunächst nach Auschwitz und von dort nach Buchenwald und letztendlich Zeitz deportiert. Nach der Befreiung im April 1945 kehrte er nach Budapest zurück. Nach dem Abitur arbeitete er als Journalist, später als freier Übersetzer und Schriftsteller. Dabei übersetzte er auch Werke von Nietzsche oder Sigmund Freud. 1953 lernte er seine erste Frau kennen, mit der er bis zu ihrem Tod zusammen war. 1960 begann er mit der Arbeit an Roman eines Schicksallosen. Es zählt zu den wichtigsten Werken über den Holocaust und verhalf ihm weltweit zu Ruhm. Ab 2001 lebte er zusammen mit seiner zweiten Frau in Berlin. Ein Jahr später erhielt er den Literatur-Nobelpreis für sein literarisches Gesamtwerk. Dazu zählen neben Roman eines Schicksallosen noch drei weitere Bücher, die sich um den Holocaust drehen und teilweise autobiografisch inspiriert sind. 2005 wurde Roman eines Schicksallosen verfilmt. 2012 zog er aufgrund seiner Parkinson-Erkrankung nach Budapest zurück, wo er am 31. März 2016 starb.

In Roman eines Schicksallosen verarbeitet Kertész seine Zeit im Konzentrationslager. Aus der Sicht des 15-jährigen György werden Deportation, Selektion und der Alltag, das Überleben, im Konzentrationslager beschrieben. Dabei fehlt diesem Buch aber der Ausdruck von Abscheu und Ablehnung, den man von anderen Büchern zu dem Thema kennt und auch erwartet.

Im Klappentext zu diesem Buch steht:

Es gibt kein literarisches Werk, das in dieser Konsequenz […] der Perspektive eines staunenden Kindes treu geblieben ist.
Rowohlt

Dieser Satz fasst recht gut zusammen, was dieses Buch von anderen Werken über den Holocaust, seien sie nun autobiografisch oder romanhaft, abhebt. Und diese Tatsache macht es ungleich schwerer, das Buch zu lesen. In diesem Buch wird eine Naivität von Seiten des Protagonisten weitergegeben, die manchmal schwer zu ertragen ist. Es ist eines der Bücher, die ich nicht am Stück durchlesen kann. Ich habe immer mal wieder Pausen gebraucht, um die Handlung zu verarbeiten. Besonders schwierig wird es dadurch, dass man als Leser ganz genau weiß, dass sich die Hoffnungen des Protagonisten zerschlagen werden. Und so möchte man manchmal in das Buch hineingreifen, ihn schütteln und ihm sagen, dass die Nazis ihre Versprechen nicht halten und dass eben nicht alles gut wird.
György findet immer eine Begründung für das Verhalten der Nazis und eine Argumentationskette, welche die Vorgänge im Lager auf kranke Art und Weise doch logisch erscheinen lassen. Es mangelt an der Empörung und dem Unverständnis, das man aus anderen Büchern über den Holocaust kennt.
Auch liegt sein Fokus weniger auf den Vorgängen im Lager, sondern mehr auf den Veränderungen, die er und seine Mithäftlinge durchlaufen. Wo zu Beginn noch ein lebensmutiger Jugendlicher den Weg in diese Hölle antritt, steht am Ende eine ausgemergelte Gestalt, die sich bei der Befreiung der Lager mehr darüber freut, dass es wie geplant etwas zu essen gibt, als über die wiedererlangte Freiheit. Diese vollständige Reduzierung auf Überlebensinstinkte erlebt man hierbei Schritt für Schritt mit. Im Nachhinein wirkt dieses sogar um einiges „wahrer“, als die Empörung, die man aus anderen Büchern über den Holocaust kennt. György scheint nicht die Energie zu haben, sich über die Ungerechtigkeiten, die er und seine Mithäftlinge erleiden müssen, aufzuregen.
Die Neue Zürcher Zeitung schreibt zu diesem Roman:

„Gezielt entzaubert der Autor die Mythologie des Leidens, wenn er die komplexe Opfer-Täter-Dynamik herausarbeitet. Wo sie nicht religiös begründet ist, kommt die jüdische Selbstbeschwichtigung im Roman als Rationalisierung daher.“
Schöne Tage in Buchenwald“ von Andreas Breitenstein, NZZ vom 27. April 1996

Die „jüdische Selbstbeschwichtigung“ wird in Roman eines Schicksallosen perfektioniert. Zwar wird auch hier das Hadern mit dem Schicksal und die Unsicherheit der Deportierten über eben jenes dargestellt. Aber dies kommt eher von Seiten Dritter – Györgys Familie, Deportierte im Zug – und nicht vom Protagonisten selber. Er findet immer einen logischen Grund für das Handeln seiner Wärter und beruhigt sich damit selbst. Bis die Quälereien zu einer solchen Selbstverständlichkeit werden, dass er einer guten Behandlung misstrauisch gegenüber steht.
Vielleicht das Einzige, was dieses Buch mit anderen über den Holocaust zu tun hat: es wird wieder deutlich, dass man die Konzentrationslager nur durch Zufall überleben konnte.

Ich möchte mir bei diesem Buch fast nicht anmaßen, eine Bewertung abzugeben. Es ist ein unglaublich aufrüttelndes, nachdenklich machendes und, ja, auch verstörendes Buch über diese Katastrophe des 20. Jahrhunderts – und daher auch ein unglaublich wichtiges Zeitzeugnis. Und wie sollte es mir zustehen, darüber eine Wertung abzugeben. Ich tue es letztendlich trotzdem: weil es so wichtig ist und den Leser in seinen Bann zieht und mich auch jetzt noch nicht – fast einen Monat nach der Lektüre – losgelassen hat.

5Sterne

28 Tage lang

28_Tage_lang28 Tage lang | David Safier | Rowohlt | erschienen 2014
ISBN 978-3-499-266638 | 9.99€
Leseprobe

Über David Safier:
1966 in Bremen als Sohn österreichischer Juden geboren machte David Safier nach dem Abitur eine Ausbildung zum Journalisten. Seit 1996 schrieb er überwiegend Drehbücher und war beispielsweise Hauptautor für die erfolgreiche Fernsehserie Berlin, Berlin. 2007 erschien sein Debütroman Mieses Karma, in den folgenden Jahren noch fünf weitere Romane. 28 Tage lang ist sein neuestes Buch und ist seinen Großeltern gewidmet, die im Ghetto von Lodz getötet wurden.
Safier lebt zusammen mit seiner Frau und den zwei Kindern in Bremen.

Mira ist sechzehn und lebt im Jahr 1943 im Warschauer Ghetto. Um sich und ihrer Familie das Überleben zu sichern, schmuggelt sie Lebensmittel ins Ghetto. Auf einer dieser Touren lernt sie Amos kennen. Er ist im Widerstand tätig, der den Aufstand gegen die Nazis plant. Als Mira klar wird, dass die Nazis sie alle vernichten wollen, geht auch sie in den Untergrund.
Tatsächlich können die verzweifelten jüdischen Kämpfer den Deutschen länger Widerstand leisten, als irgendjemand erwartet hat: 28 Tage lang.

Was für ein Mensch willst du sein?

Mich hat vermutlich noch nie ein offenes Ende so sehr mitgenommen, wie in 28 Tage lang. Ich hab mir unglaublich gewünscht zu wissen, wie es mit der Heldin des Romans, Mira, weiter geht.
Wenn wir aber mal vorne anfangen: Mira ist eine der Charaktere, die einem ans Herzen wachsen, die man aber oft sehr gerne auf den Mond schießen würde und die es einem manchmal wirklich schwer machen, sie zu mögen.
Ich hätte niemals erwartet, dass mir so oft die Tränen in den Augen stehen während dem Lesen. Ich bin ein kleiner Geschichtsfreak und habe schon einige Bücher über den Holocaust gelesen, aber Mira und ihr Überlebenskampf haben mich sehr berührt. Miras Geschichte ist nicht wie die von KZ-Überlebenden, die wirklich nur ums Überleben kämpften und bei denen es nie einen Zweifel gibt, dass die Menschen leben wollen. Mira kämpft auch ums Überleben, aber anders als im KZ zweifelt sie immer daran, ob es richtig ist, was sie tut: das Schmuggeln, der Widerstand gegen die Nazis. Mich hat es sehr berührt, wie sehr sie mit ihrem Schicksal gehadert hat, auch noch, als sie sich für den Widerstand entschieden hatte.
Andererseits liefert sie manchmal Vorstellungen ab, dass man sich wirklich an die Stirn greift. Teilweise ist sie einfach nur ein unglaublich egoistischer Teenager. Nur muss dieser Teenager unter extrem schwierigen Umständen leben. Und so wenig man Mira in solchen Situationen versteht, zeigen sie doch auch, dass diese Menschen eben nicht ihre Persönlichkeiten aufgegeben haben und sosehr das Ghetto sie verändert hat, bleiben sie doch sie selbst. In meinen Augen haben diese Situationen Mira authentischer gemacht, denn letzten Endes ist sie eine 16jährige, die eine unglaubliche Verantwortung übernehmen muss. Auch die Menschen des Widerstands, egal in welcher Form und in welchem Land, waren keine unfehlbaren Helden, sondern hatten eigene, manchmal nicht ganz einfache, Persönlichkeiten, die sie auch in dieser Extremsituation nicht aufgaben.
Auch die anderen Charaktere sind toll und glaubwürdig dargestellt. Besonders gefallen hat mir auch, dass Janusz Korczak in dem Buch auftaucht. Die Deportation „seiner“ Kinder hat mir während des Lesens die Tränen in die Augen getrieben.
Ich fand es erstaunlich, wie unterschiedlich die Menschen im Ghetto waren. In meiner Vorstellung waren alle diese armen Teufel Juden, die quasi nichts hatten und jeden Tag ums Überleben kämpften. Im Buch wird aber gezeigt, dass manche dieser Juden sich gar nicht als solche sahen und es wie auch außerhalb des Ghettos quasi verschiedene Schichten gab, die es unterschiedlich schwer hatten.
Zudem hat es mir gut gefallen, ein Buch über den Aufstand im Warschauer Ghetto zu lesen und so wieder in Erinnerung gerufen zu bekommen, dass eben nicht alle Juden sich komplett passiv und widerstandslos in die KZs haben führen lassen.

Insgesamt ein sehr gelungenes Buch, dass nicht nur Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen zu empfehlen ist. In meinen Augen ein Buch, das man mal gelesen haben sollte, absolut Spaß macht zu lesen und es trotzdem schafft, dieses traurige Kapitel deutscher Geschichte anschaulich und glaubwürdig darzustellen.

„Die Frage ist […], wie willst du sterben? Willst du ein Mensch sein, der sich wehrlos abschlachten lassen will? Oder einer, der sich wehrt?“
– Amos

goldene_Sterne