Rezension – Ein Gentleman in Arles

Eigentlich will Peter Smith, ehemaliger Unternehmensberater, Kunstgeschichtslehrer und britischer Geheimagent, in Arles seinen Ruhestand genießen. Doch als er niedergeschlagen wird und unter einer Leiche erwacht, werden die einstmals benötigten Fähigkeiten plötzlich wieder wichtig. Und genauso plötzlich findet er sich wieder in einem Netz von Verschwörungen. Innerhalb weniger Tage wechselt er so von geruhsamer Entspannung zu Spannung pur – und lernt die dunklen Seiten der Provence kennen.

Vielen Dank an NetGalley.de und den Pendo Verlag für dieses Rezensionsexemplar, das ich im Rahmen der 1. #NetGalleyDEChallenge lesen durfte!

Ein Gentleman in Arles hat mir um einiges besser gefallen, als ich erwartet hatte. Vom Klappentext schloss ich auf ein recht actiongeladenes Buch mit einem gealterten James Bond in der Hauptrolle. Ein oder zwei Actionszenen gibt es tatsächlich. Davon einmal abgesehen ist es eher ein Cosy Crime, bei dem ich mich in die Provence versetzt gefühlt habe.
Überhaupt wartet dieser Krimi vor allem mit leisen Tönen und ruhigem Gebaren auf. Vieles wird zwischen den Zeilen vermittelt und überhaupt; Bösewichte und Ermittler scheinen hier sehr gut miteinander auszukommen.

Umso schmutziger sind dafür die Themen, die im Laufe der Ermittlungen zur Sprache kommen. Da geht es um Hinterziehung von EU-Geldern, Bestechung und weit schlimmeres. Besonders das Motiv für die Tat – das an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden soll – ist abscheulich. Gerade dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Opfern und Tätern und so rechtes Mitleid will nicht aufkommen. Für mein Gerechtigkeitsempfinden war es daher nur gut, dass die Polizei offiziell nicht ermittelt. Denn richtige Gerechtigkeit scheint es in diesem Fall nicht zu geben. Die letztendlich präsentierte Lösung kommt da gerade richtig.

Anthony Coles schafft es dabei, das Lebensgefühl in der Provence zu vermitteln und gleichzeitig einen tollen Krimi zu schreiben. Die Schwärmereien für Küche und Landschaft der Gegend machen Lust auf Urlaub. Und der Krimi zeigt, dass nicht alles in der Provence so friedlich ist, wie es scheint.

„Wer einen Mord begeht, belässt es meist nicht nur bei einem Opfer.“
– Chris Borrowash (Kindle-Edition Pos. 2657)

Über Anthony Coles:
Für seinen Debütroman Ein Gentleman in Arles hat sich Anthony Coles wohl stark an seinem eigenen Leben orientiert. Er hat als Kunsthistoriker gelehrt und in der Wirtschaft gearbeitet. Heute lebt er, wie Peter Smith, mit seinem Windhund Arthur in Arles und hat zwei erwachsene Töchter.
Quelle: Piper

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Verlagswebseite zum Buch

Taschenbuch: ISBN 978-3-86612-454-7 | 15,00€
E-Book: ISBN 978-3-492-99004-2 | 12,99€
368 Seiten


Bildquelle

Cover: Piper

Rezension – Mordsg’schicht

Das liebste Hobby von Juliana Kallberger ist die Ahnenforschung. Auf ihrem Blog berichtet sie über die Fortschritte die sie dabei macht. Auf der Suche nach den Vorfahren ihres Mannes, stößt sie auf einen mysteriösen Todesfall im Jahr 1902. In ihrem Wohnort Zwirnbach wurde damals ein Mann kurz nach dem Tod seiner Frau erhängt aufgefunden. Zunächst als Selbstmord gewertet, ermittelte die Polizei kurz darauf wegen Mordes, konnte diesen Verdacht aber nie bestätigen. Fasziniert davon, begibt sich Juliana auf die Suche nach der Wahrheit – und macht sich damit in Zwirnbach nicht nur Freunde. „Rezension – Mordsg’schicht“ weiterlesen

Rezension – Die Gentlemen vom Sebastian Club

Im London von 1895 werden bei einer Mordserie Männer aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten gefoltert und ermordet. Die scheinbar zufällige Auswahl der Opfer verleitet die Polizei zu der Annahme, dass es sich um voneinander unabhängige Taten handelt. Diese Ansicht teilen die Ermittler vom Sebastian Club nicht. Dabei handelt es sich um einen Herrenclub, der sich Fällen annimmt, an denen die Polizei scheitert. Und sie finden auch schnell eine Verbindung zwischen den Morden. „Rezension – Die Gentlemen vom Sebastian Club“ weiterlesen

Cover und Infos zum diesem Buch um Flavia de Luce

Rezension – Thrice the Brinded Cat Hath Mew’d

Als Flavia de Luce aus dem Mädcheninternat in Kanada nach Großbritannien zurückkehrt, liegt ihr Vater krank darnieder. Um sich von der angespannten Situation zuhause fernzuhalten, erklärt sie sich bereit, einen Brief an einen eigenbrötlerischen Holzschnitzer zu liefern. Diesen allerdings findet sie tot auf: an seinen Füßen aufgehängt baumelt er an seiner Schlafzimmertür. Für Flavia erweist sich das als Glücksfall: endlich kann sie wieder ermitteln! „Rezension – Thrice the Brinded Cat Hath Mew’d“ weiterlesen

Rezension – Mord am Waterberg

Als ihre kleine Schwester Anna ermordet wird, reist Katrin nach Afrika, um deren Körper in die deutsche Heimat zu überführen. Anna arbeitete als Entwicklungshelferin in Namibia, inmitten der Herero, die unter der deutschen Kolonialherrschaft unaussprechliches Leid erfahren haben. Doch kaum in Namibia angekommen, wächst in Katrin die Überzeugung, dass die Polizei den Falschen für den Mord an Anna verhaftet hat. Sie macht sich auf die Suche nach dem wahren Täter und kommt dabei zahlreichen Geheimnissen der Dorfgemeinschaft auf die Spur. Schließlich muss sie sich die Frage stellen, ob die deutsch-namibische Geschichte bis in die Gegenwart Auswirkungen hat, denen ihre Schwester zum Opfer fiel. „Rezension – Mord am Waterberg“ weiterlesen

Rezension – Isarsilber

Vielen Dank an Isaak Rosenblatt für dieses Rezensionsexemplar!

Am Ufer eines bayerischen Sees wird ein Mann erschlagen aufgefunden. Am Ufer des gleichen Sees steht ein Museum, das nachts ein Zweitleben als Edelbordell führt. Doch wie hängen diese beiden Dinge mit einem Großbauprojekt in Berlin zusammen, dessen Finanzierung ins Stocken geraten ist und bei dem ein Bauunternehmer spurlos verschwunden ist?

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Rezension – Abgeschlagen

Endlich haben es Lissie Sommer und „ihr“ Kommissar Sebastian Loch zu einem gemeinsamen Abendessen im örtlichen Golfklub geschafft, als sie sich genau dort an einem Tatort wiederfinden. Eines der Clubmitglieder wurde mit einem Golfschläger ermordet. Natürlich kann Lissie da nicht stillhalten, sondern nimmt eigene Ermittlungen auf – auch, um ihren Sebastian schnell wieder für sich zu haben.

„Rezension – Abgeschlagen“ weiterlesen

Rezension – Es klingelte an der Tür

Vielen Dank an den Klett-Cotta Verlag und NetGalley.de für dieses Rezensionsexemplar!

Rachel Bruner, reiche Witwe und Exzentrikerin, hat zehntausend Exemplare eines Enthüllungsbuches über das FBI gekauft und an Menschen im ganzen Land verschickt. Eben jene Institution, von der das Buch handelt, hat sie damit auf den Plan gerufen. Genervt von der ständigen Überwachung und Verfolgung wendet sie sich an Nero Wolfe, New Yorks bekanntesten Privatermittler.
Dieser ist wenig begeistert (wie soll ein einzelner Mann das FBI aufhalten?) und nimmt den Auftrag nur aufgrund der in Aussicht gestellten Belohnung an. Doch dann kommt ihm der Mordfall an einem Journalisten dazwischen – und vielleicht sogar ganz gelegen …
LESEPROBE

Auf der Website des Verlags (und auch auf NetGalley) steht folgendes über Rex Stout und seinen Privatdetektiv:

Rex Stout war einer der erfolgreichsten amerikanischen Kriminalautoren des 20. Jahrhunderts. Seine literarische Schöpfung, der Privatdetektiv Nero Wolfe, zählt bis heute zu den berühmtesten Figuren des Genres.
Klett-Cotta Verlag

Neben der Tatsache, dass mich der Klappentext angesprochen hat und mir auch das Cover ganz gut gefällt, hat mich diese Aussage neugierig gemacht. Ich muss nämlich gestehen, dass ich noch nie von Rex Stout, geschweige denn Nero Wolfe, gehört habe.
Das sollte sich mit diesem Buch also ändern und ich hoffte auch, Zuwachs für meine liebsten „cosy crime“-Ermittler zu finden.
Nachdem ich das Buch gelesen habe, war ich lange unentschlossen, ob es mir gefallen hat oder mich enttäuschte.
Die Geschichte an sich fand ich toll. Schon allein die Idee, sich gegen das FBI aufzulehnen, fand ich ziemlich außergewöhnlich. Besonders gefallen hat mir in diesem Zusammenhang die Vorgehensweise von Wolfe und seinem Assistenten Archie Goodwin. Mir hat gut gefallen, dass die beiden tatsächlich ermitteln und kaum etwas dem Zufall überlassen wurde. Wenn ein Krimi durch reines Glück gelöst wird, bin ich danach immer ziemlich unbefriedigt mit der Geschichte. Das war hier auf jeden Fall nicht so.

Wolfe […] würde nicht mal ans Fenster treten, um einen Tatort in Augenschein zu nehmen.
– Archie Goodwin, Pos. 858 Kindle-Edition

Trotzdem glaube ich nicht, dass Nero Wolfe und ich richtig gute Freunde werden. Zum einen fand ich es ziemlich erstaunlich zu lesen, dass er so gut wie nie das Haus verlässt und auch selten selber ermittelt. All das übernimmt Archie Goodwin, während sich Wolfe auf einige wenige Gespräche mit der Klientin und anderen Personen beschränkt. Er lässt sich nahezu alles von Goodwin zutragen. Die einzige Sache, die man wirklich ihm zuschreiben konnte, war der große Coup, der letztendlich den Fall löst. Aber bis dahin wäre er ohne Goodwin überhaupt nie gekommen. Mich hat es daher sehr gestört, dass Wolfe als der beste Detektiv New Yorks dargestellt wird, wo er nur einen Bruchteil der eigentlichen Arbeit macht.

Zu [Nero Wolfes] Grundüberzeugungen zählt, dass jede Meinung, die man sich über eine Frau bildet, nur falsch sein kann.
– Archie Goodwin, Pos. 1686 Kindle-Edition

Umso besser gefallen hat mir da Archie Goodwin, über und mit dem man immer mal wieder schmunzeln konnte und der auch wirklich nicht doof ist. Wie schon gesagt, macht er im Grunde die ganze Arbeit und erhält dafür selten bis gar keine Anerkennung. Teilweise habe ich allerdings auch über ihn den Kopf geschüttelt, wenn er wieder einmal recht sexistische Aussagen von sich gibt.

Daran und am Schreibstil merkt man durchaus, dass dieses Buch vor über 50 Jahren geschrieben wurde. Goodwins Aussagen sind mir zwar manchmal gegen den Strich gegangen, aber ich fand es interessant zu lesen, wie ohne Internet und andere moderne Annehmlichkeiten vorgegangen und ermittelt wurde. Ich hatte oftmals das Gefühl, wirklich einen kurzen Blick in das New York der 60er Jahre zu werfen.

Dank Archie Goodwin hat mir das Buch Spaß bereitet und konnte mich letztendlich doch überzeugen und auch die Geschichte selber ist auf jeden Fall lesenswert.

„Ich weiß, der Torheit auszuweichen, ohne mich in Angst zu flüchten.“
– Nero Wolfe, Pos. 125 Kindle-Edition

Über Rex Stout:
Stout wurde 1886 in Indiana geboren und wuchs in Kansas auf. Er zeigte sehr früh eine hohe geistige Entwicklung, las mit vier Jahren bereits die Bibel und hatte bis zu seinem zwölften Lebensjahr die über 1100 Bücher seines Vaters gelesen. Die Universität besuchte er allerdings nur für kurze Zeit, stattdessen hielt er sich als Buchhalter über Wasser, bevor er von 1905-1908 in der Army diente. Danach arbeitete er für rund acht Jahre in unzähligen Gelegenheitsshops.
1916 heiratete er Fay Kennedy und arbeitete zusammen mit seinem älteren Bruder an einem neuen Schulsparkassensystem, von dem er und seine Frau sich schon drei Jahre später als wohlhabende Leute zurückziehen konnten. Die Jahre 1927 bis 1929 verbrachten die beiden in Europa, 1929 begann er dort die Arbeit an seinem ersten Roman.
Im selben Jahr kehrte das Ehepaar in die USA zurück und verloren zudem einen Großteil ihres Geldes in der Finanzkrise. Allerdings hatte er genug über, um sich in Conneticut ein Haus zu bauen, in dem er bis zu seinem Lebensende wohnte und schrieb. Aufgrund der neuen, deutlich ärmeren, Lebenssituation begann es zwischen den Eheleuten zu kriseln, 1932 ließen sie sich scheiden. Noch im selben Jahr heiratete er Pola Hoffmann, mit der er zwei Töchter hatte.
1933 schrieb er seinen ersten Kriminalroman, der gleichzeitig auch der erste Fall mit Nero Wolfe war. Während der amerikanischen Beteiligung am Zweiten Weltkrieg schränkte er seine schriftstellerischen Tätigkeiten ein und steckte seine Energie in eine stark deutschlandfeindliche Gesinnung. 1945 verbrachte er erneut einige Monate in Europa, diesmal als Kriegsberichterstatter.
Danach widmete er sich wieder vollständig dem Schreiben; zwischen 1946 und 1966 veröffentlichte er jedes Jahr einen Nero-Wolfe-Roman und zudem zahlreiche Erzählungen um den Privatdetektiv.
Es klingelte an der Tür bescherte ihm letztendlich ein breiteres Publikum und Anerkennung als Schriftsteller, da es einen kleinen Skandal mit dem FBI hervorrief.
1975 vollendete Stout den letzten Nero-Wolfe-Roman und starb in Conneticut, nachdem er jahrelang unter schweren Krankheiten gelitten hatte.
Quelle: Wikipedia

Weitere Meinung zum Buch:


Bildquelle Cover: Klett-Cotta
Bildquelle Freiheitsstatue: Statuecruises
Bildquelle Autorenbild: Criminal Element

Rezension – Das Geheimnis der Madame Yin

Vielen Dank an den Pro-Talk Verlag für das Rezensionsexemplar!

Vordergründig scheint der Auftrag der Pinkerton-Detektivin Celeste Summersteen recht einfach zu sein: Sie soll die 16jährige Dorothea Ellingsford von Chicago zu ihrer Familie nach London begleiten. Viel schwieriger ist aber der eigentliche Auftrag: sie soll den Mörder von einer Freundin Dorotheas finden. Denn deren Tante, Celestes Auftragsgeberin, ist der Meinung, dass auch Dorothea in Gefahr ist.
Kaum in London angekommen, gibt es neue Entwicklungen: Madame Yin, mächtige Drogenbaronin, wird auf die gleiche Weise ermordet. Worin besteht die Verbindung zwischen einer zwielichtigen ehemaligen Prostituierten und der Freundin Dorotheas aus gutem Hause? Und wie kann man die sogenannte Themsebestie aufhalten, wo doch das Morden kein Ende nimmt?

Leseprobe (pdf)

Ah … yes, please!

Als mir dieses Rezensionsexemplar angeboten wurde, konnte ich einfach nicht nein sagen und dafür gibt es mehrere gute Gründe: das Cover hat mir super gefallen, der Klappentext hat mir auch zugesagt, es gibt eine weibliche Detektivin in einem historischen Krimi und, last but not least, es spielt in London. Mehr als genug Gründe also und zudem ein Haufen Sympathiepunkte, die das Buch aber gar nicht braucht, um bei mir gut anzukommen.

Nicht immer überzeugend

Ein oder zwei Kritikpunkte gibt es aber trotzdem. Zum einen gab es in meinen Augen ein paar unnötige Längen. Aufgebaut wurden sie meistens durch überlange Umgebungs- und Personenbeschreibungen. Besonders ärgerlich war das, wenn gerade ordentlich Spannung durch die Mörderjagd aufgebaut wurde und diese dann in den Beschreibungen verpuffte. Hier trifft also zu, dass manchmal weniger doch mehr ist.
Zudem war ich mir bei Celeste ständig unsicher, ob sie mir nun sympathisch ist oder nicht. Einerseits scheint sie immer genau das richtige zu tun und immer die richtige Spürnase zu haben, andererseits erfährt man über sie in meinen Augen recht wenig. Dadurch blieb sie durchgehend weniger lebendig und echt als die anderen Personen des Buches. Nach 400 Seiten, die man in Begleitung eines Protagonisten verbringt, sollte dieser einfach mehr Farbe angenommen haben. Celeste dagegen wirkt oft wie eine Marionette, die einfach nur ihren Job macht und nur für diesen lebt. Selbst wenn betont wird, dass sie Dorothea leiden kann, wird dies durch ihre Taten nicht deutlich.

„Ich arbeite nicht mit einer Frau zusammen. Unter gar keinen Umständen.“
– Inspector Edwards, S. 135

Umso besser gelungen ist dafür der andere Hauptcharakter im Buch: Inspector Robert Edwards von Scotland Yard. Mit diesem hat Nathan Winters voll ins Schwarze getroffen und ich konnte den leicht herablassenden, sehr britischen Inspector, der auf keinen Fall mit einer Frau zusammenarbeiten will, förmlich vor mir sehen. Er reagiert entsprechend verschnupft darauf, dass er gezwungenermaßen Celeste als vorübergehende Partnerin akzeptieren muss.
Sympathisch war er mir dennoch von Anfang an, da er zwar manchmal herablassend ist, aber nicht auf Menschen herabschaut, nur weil sie im Rang unter ihm stehen. Er ist vor allem herablassend, wenn sich jemand seinen Respekt verspielt hat.
Andererseits lässt er aber zu, dass die Menschen sich seinen Respekt verdienen und sieht auch ein, wenn er jemanden falsch eingeschätzt hat. So zollt er schlussendlich auch als einziger von offizieller Seite Celeste die Anerkennung, die sie verdient hat.

„Mit den Weibern hat man nichts als Ärger, […] aber was wär’n wir schon ohne sie? Nicht mal auf dieser Welt. Stimmt’s, oder hab ich Recht?“
– Tobias Gold, S. 366

Wenn wir schon bei den Personen des Buches sind: da sind einige echte Schätzer dabei. Einer davon hat obiges Zitat von sich gegeben und auch sonst gibt es viele echte Persönlichkeiten – sympathische ebenso wie unsympathische.
Auch an der Geschichte selbst gibt es wirklich nichts auszusetzen. Der Fall wird nicht durch pures Glück gelöst, sondern durch Hartnäckigkeit sowohl von Seiten Celestes als auch Edwards. Zudem ergänzen sich die Ergebnisse der beiden auf sehr natürliche Weise, es wirkt nie in irgendeiner Form gezwungen.
Es wird deutlich, dass im viktorianischen London Männer ganz andere Möglichkeiten hatten, Edwards zudem als „Copper“ mehr Autorität besitzt. Celeste als Frau wirkt dagegen unschuldiger und vor allem weniger gefährlich und verschafft sich so einen Vorteil.
Die Hintergründe der Morde sind glaubwürdig und man bekommt auch nicht auf einen Schlag alle Informationen, sondern immer tröpfchenweise und kann mitraten, wer wohl der Mörder ist.Obwohl ich mit Celeste nie ganz warm wurde, muss man ihr lassen, dass sie sich selbstständig ein gutes Leben aufgebaut hat. Mit ihr hat Winters trotz allem eine starke Hauptfigur geschaffen, die dennoch nicht über die Stränge der damaligen Konventionen schlägt.
Auch andere Frauen im Buch schöpfen ihre beschränkten Möglichkeiten voll aus, zudem zeigt sich, dass privat dann doch nicht unbedingt die Männer die Hosen anhatten. Man merkt, dass der Autor viel Mühe in seine Recherche gesteckt hat, denn aus meiner laienhaften Sicht wage ich zu behaupten, dass ein realistisches Bild vom London des 19. Jahrhunderts gemalt wird.
Es wird wieder einmal deutlich welch elendes Leben ein Großteil der Menschen im industrialisierten England spielten. Besonders interessant fand ich dabei, zu lesen, wie schwer es war, gesellschaftlich aufzusteigen, aber wie schnell die Reichen und Angesehenen abstürzten.

Wer sich ein wenig für das Leben im viktorianischen London interessiert und zudem Freude an einem Krimi hat, der manchmal auch eher gemächlich daher kommt, dem kann ich dieses Buch wirklich nur empfehlen. Mir hat es trotz kleinerer Kritikpunkte sehr viel Freude bereitet!

„Ich bin bereit, mein Leben für Ihre Tochter zu riskieren. Was sind sie bereit, zu tun?“
– Celeste Summersteen, S. 346

Über Nathan Winters:
Winters ist ein Pseudonym von Jürgen Bärbig. Er wurde 1971 in der Nähe von Aachen geboren und ist gelernter Maler. Er schreibt schon seit den Neunzigern Romane, das aber mit mäßigem Erfolg, sodass er den Traum vom Schreiben an den Nagel hängte. 2010 begann er wieder damit und wurde 2014 Stipendiat der der Bastei Lübbe Masterclass, in deren Rahmen eine Kurzgeschichte veröffentlicht wurde. 2016 erschien Three Oaks, eine Westernserie.
Quelle: Pro-Talk Verlag, Website des Autors


Quelle des Covers: KongKing PR-Agentur

Quelle London stilisiert: SpreadShirtMedia

Quelle Autorenbild: KongKing PR-Agentur

Rezension – The 12.30 from Croydon

Quelle: British Library
Quelle: British Library

The 12.30 from Croydon | Freeman Wills Crofts | British Library | 347 Seiten | erstmals erschienen 1934, diese Ausgabe 2016
ISBN 978-0-7123-5649-7 | £8.99

Die Geschichte beginnt damit, dass Andrew Crowther im Flugzeug auf dem Weg von Croydon nach Paris tot aufgefunden wird. Danach nimmt das Buch einen anderen Verlauf als erwartet, denn von nun an wird die Geschichte aus Sicht des Mörders beschrieben. Man begleitet ihn von seinem ersten Entschluss, den alten Mann zu töten, über seine Vorbereitungen bis hin zu den Ermittlungen der Polizei und wie er diese erlebt.

British Library Crime Classics

Die British Library hat Krimis aus der Blütezeit des englischen Krimi in der Reihe British Library Crime Classics neu aufgelegt. Aus dieser Reihe habe ich bereits mehrere Bücher gelesen (Capital Crimes, Silent Nights und Mystery in White), zudem liebe ich die Poirot-Geschichten von Agatha Christie, welche ebenfalls in die Ära fallen, der die British Library nun zu erneuter Aufmerksamkeit verhilft. Als ich daher im örtlichen British Shop über dieses Buch gestolpert bin, konnte ich nicht widerstehen.

A very special idea

Neben der Tatsache, dass es ein Buch der British Library Crime Classics ist, hat mich auch die Idee, die Geschichte komplett aus der Sicht des Mörders zu lesen, sofort überzeugt und ich wollte unbedingt wissen, ob und inwiefern dann noch Spannung aufgebaut werden kann. Spontan fällt mir zudem kein anderes Buch ein, in dem der Mörder so stark zu Wort kommt.
In meinen Augen ist es Croft wunderbar gelungen, diese Idee umzusetzen. Es gibt zwar ein paar Stellen, an denen sich das Buch zieht und besonders zu Beginn habe ich darauf gewartet, dass endlich etwas passiert. Aber letztendlich baut das Buch eine Menge Spannung auf – und die war bei mir sehr ambivalent.
Einerseits will man unbedingt, dass Andrew Crwother Gerechtigkeit widerfährt. Andererseits bekommt man alles aus der Sicht des Mörders erzählt und ich habe, trotz allem, mit diesem mitgefühlt. Aus seiner Sicht will man selbstverständlich nicht, dass die Polizei hinter seinen Plot kommt.

Zaudern mit sich selbst

Bei mir hat diese sehr widersprüchliche Spannung dafür gesorgt, dass ich auch noch Tage nach dem Lesen über das Buch nachgedacht habe und teilweise mit mir selbst gehadert habe. Ständig habe ich mir selbst die Frage gestellt, wie ich tatsächlich einem Mörder wünschte, dass er davon kommt.
Das ist nicht das erste Mal, dass ich der Meinung war, dass in fiktiven Morden das Mordopfer verdient hatte, was passiert ist, beispielsweise wenn dieser seine Kinder oder Frau misshandelt hat, oder andere Menschen wissentlich durch sein Handeln in Unglück gestürzt hat.
Keines von beidem ist hier der Fall und dennoch ertappte ich mich manchmal dabei, dass ich dem Mörder die Freiheit wünschte.

Letztendlich denke ich, dass das die Sache ist, welche dieses Buch für mich zu einer wirklich spannenden Lektüre gemacht hat und dafür sorgen wird, dass es mir trotz der uralten Grundgeschichte – nämlich Mord – noch ein ganzes Weilchen in Erinnerung bleibt. Allerdings gab es besonders zu Beginn immer wieder einige Längen, welche dafür gesorgt haben, dass ich das Buch teilweise nicht so sehr genossen habe, wie es möglich gewesen wäre.

How strange it was […] that the useless and obstructive so often live on, while the valuable and progressive die early!
– Charles Swinburn, p. 76

Über Freeman Wills Croft:
Croft wurde 1879 in Dublin geboren und machte ab 1896 eine Ausbildung zum Ingenieur von Schienensystemen im Unternehmen, in dem sein Onkel arbeitete. Bereits drei Jahre später fand er Anstellung in leitender Position einer anderen Firma.
Diesen Beruf übte er jahrelang aus, bis er 1919 erkrankte und das Schreiben von seinem Arzt als Ablenkung empfohlen bekam. Bereits ein Jahr später erschien sein Debütroman The Cask (dt.: Die Frau im Fass), welcher von Kritikern hochgelobt wurde.
Ab 1929 widmete er sich vollständig dem Schreiben und verfasste bis zu seinem Tod im Jahre 1957 mehr als 40 Werke, der Großteil davon sind Kriminalromane. Einige seiner Bücher sind auch auf deutsch erhältlich.
Ab 1930 gehörte er zudem dem bekannten Detection Club an, zu dessen Mitglieder bekannte Namen wie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers und Anthony Berkeley gehörten.
Crofts war von 1912 an mit Mary Bellas Canning verheiratet, die Ehe bleib kinderlos.
Quelle: Wikipedia zu Crofts und dem Detection Club

Weitere Meinungen zum Buch:


Bildquelle British Library-Logo: Wikipedia
Bildquelle Poster: Railway Posters
Bildquelle Autorenbild: National Portrait Gallery (Bild Nr. x156450; by Bassano, half-plate film negative, 13 June 1939)