Rezension – Das Böse von nebenan

In Das Böse von nebenan berichtet Sibylle Tamin eingehend von vier Kriminalfällen, die sich in der deutschen Provinz zugetragen haben. Dies ist das einzige verbindende Element der Fälle, denn in ihrem Inhalt unterscheiden sie sich stark. Im ersten Teil geht es um einen jungen Mann, der zusammen mit einem Freund seine Familie umbringt. Darauf folgt die Aufdeckung des jahrzehntelange sexuellen Missbrauchs von Mädchen in einem Dorf, welche die Dorfgemeinschaft spaltet. Der dritte Fall ist dem nahezu diametral gegenübergestellt: ein Mann wird wegen der Vergewaltigung einer Kollegin angeklagt und verurteilt; zehn Jahre später stellt sich heraus, dass diese Anschuldigungen falsch waren. Fall 4 ist auf den ersten Blick kein Kriminalfall: eine Gemeinde in Niederbayern entbrennt ein Streit über die Umbenennung der Schule nach zwei Dorfmitgliedern, die 1945 13 jüdische KZ-Häftlinge retteten.

Ehrlich gesagt war ich von dem Buch wenig begeistert. Denn so interessant die Fälle grundsätzlich sind, so wenig hat mich Tamins Schreibstil angesprochen. Ich hatte erwartet, eine recht nüchterne Nacherzählung der Fälle zu bekommen, zu den Hintergründen der Tat und der Arbeit der Polizei.
Sibylle Tamins Beruf hätte mich warnen sollen, dass dem wohl nicht so sein würde. Die Berichte ähneln eher Zeitungsberichten, wobei eine gewisse Atmosphäre durch ausschweifende Umgebungs- und Personenbeschreibungen hervorgerufen werden soll. Das hat bei mir aber vor allem für Langeweile gesorgt und dafür, dass ich immer wieder Passagen übersprungen habe.

Naja, und dann kam „Geschichte“ Nummer vier: 13 KZ-Insassen und ihre beiden Retter. Tamin fängt hierbei mit dem Dorf an, dass sich weigert, die Schule nach diesen beiden Rettern zu benennen. Zu Recht fragt man sich da erstmal: Was hat dieses Dorf in einer Sammlung über true crimes zu tun? Letztendlich ist das riesengroße Verbrechen die Taten der Nationalsozialisten in der 30er- und 40er-Jahren. In meinen Augen ist es aber auch ein kleines Verbrechen, die Tat der beiden Hausener Bürger kleinzureden und nicht zu ehren. Deswegen habe ich beschlossen, diesem Buch, dass mir weniger gut gefallen hat, auch weniger Platz zu bieten. Stattdessen werde ich ein bisschen mehr über die Zivilcourage zweier Menschen erzählen.

Warum? Wir leben in einer Zeit, in der die Gedanken der Nazis sogar im Bundestag wieder angekommen sind. Auf Twitter fällt es mir oft schwer, in Worte zu fassen, wie scheiße ich das finde (please excuse my french). Umso näher ist es mir gegangen, wie diese beiden, Max Maurer und Anna Gnadl, sich in den letzten Tagen des Krieges in Gefahr begeben haben, um 13 völlig Fremden das Leben zu retten. Und es hat mich unglaublich gestört, dass sich Teile eines Dorfes (oder einer Stadt, das ist letztendlich egal) so dagegen wehren, ihre Schule nach ihnen zu benennen.

Im April 1945 werden fast die Hälfte der im KZ Buchenwald inhaftierten Menschen auf Todesmärsche gezwungen. Einer davon sollte ins KZ Dachau bei München führen. Auf dem Weg dorthin wurde Rast in einer Scheune bei Ergoldsheim gemacht, wo sich 13 der Häftlinge im Heu verstecken konnten. Sie wurden allerdings alle von der SS aufgegriffen und sollten in ein Gefängnis überstellt werden. Einen Teil der Strecke dorthin sollte Max Maurer mit ihnen zurücklegen.
Max Maurer war Polizist in Ergoldsheim. Schon während des Weges muss er Mitleid mit den 13 Menschen gehabt haben, denn laut einem Überlebenden trieb er sie nicht an; sie konnten in eigenem (sehr langsamen) Tempo laufen. Einer der 13 war ein tschechischer Arzt, der wohl sehr gut deutsch konnte, und Max Maurer bat, sie nicht in das Gefängnis zu überstellen und damit dem sicheren Tod auszuliefern. Dieser Bitte kam der Polizist nach. Stattdessen versteckte er sie zusammen mit der Bäuerin Anna Gnadl in deren Scheune, wo sie am nächsten Tag von den Amerikanern befreit wurden.
[Diese Angaben stammen teilweise aus dem Buch, teilweise aus den Wikipedia-Einträgen zum KZ Buchenwald und zu Max Maurer.]

Insbesondere die Tatsache, dass die Amerikaner faktisch schon vor der Tür standen, verleitet laut dem Buch viele im Dorf dazu, die Tat herabzuwürdigen. Dazu äußerte sich der tschechische Arzt in einer Zeugenaussage. Seinen Angaben zufolge erwartete sie der sichere Tod, wäre Max Maurer seinem Befehl gefolgt und hätte Anna Gnadl sich nicht bereiterklärt, die Männer in ihrer Scheune zu verstecken.
Hinzu kommt, dass die SS auch noch in den letzten Tagen (und teilweise den letzten Stunden) Menschen tötete, die nach der Ansicht des NS-Regimes getötet werden mussten. Anna Gnadl und Max Maurer hätten im Falle einer Entdeckung durch die SS also mit drastischen Strafen bis hin zu Tod rechnen müssen.
Vor diesem Hintergrund denke ich, dass man Anna Gnadl und Max Maurer durchaus als sehr mutige Menschen betrachten muss – und dies auch entsprechend geehrt werden sollte.

Über Sibylle Tamin:
Tamin wurde 1949 geboren und arbeitet als Regisseurin und Autorin. Das Böse von nebenan ist ihr Debütroman. Drei Jahre später erschien ihr zweites Buch Nachmittage mit Mördern. Auch darin beschäftigt sie sich mit tatsächlich stattgefundenen Verbrechen,
Quelle: literaturtipps.de

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Cover des BuchesTaschenbuch: ISBN 978-3-596-18920-5 | 11,99€
E-Book: ISBN 978-3-10-402122-5 | 8,99€
240 Seiten | 25.07.2013

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Cover: S. Fischer Verlage
Autorin: S. Fischer Verlage