Rezension – Yalla, Feminismus!

Reyhan Şahin – besser bekannt als Lady Bitch Ray – verkörpert eine ebenso einzigartige wie aufregende Position im feministischen Diskurs: Als promovierte Linguistin, provokante Rapperin und alevitische Muslimin spricht sie über weibliche Sexualität, den Islam und Antirassismus wie keine andere. Denn sie kennt sich mit Diskriminierung aus: als Frau im wissenschaftlichen Universitätsbetrieb, als türkisch-muslimische Alevitin, als Rapperin in der männlich dominierten Hip Hop-Szene. Sie steht für einen neuen Feminismus, der sich der eindimensionalen Fixierung auf die weiße westliche Frau entgegenstellt und sich für Selbstermächtigung und Entscheidungsfreiheit für alle Menschen einsetzt. In einer Sprache, in der sich Ghettoslang und wissenschaftliche Analyse unverschämt nahekommen, zeigt sie, wo in Sachen Gleichberechtigung die großen Diskrepanzen liegen. Lady Bitch Ray engagiert sich für Frauensolidarität, bricht mit Sex-Tabus und macht deutlich, dass sich Kopftuch, Modebewusstsein und Feminismus keineswegs ausschließen. […]
(Klappentext leicht gekürzt übernommen; Quelle: Klett-Cotta)

Vielen Dank an den Tropen Sachbuch-Verlag und NetGalley.de für dieses Rezensionsexemplar!

Meinung

Warum man dieses Buch gelesen haben sollte, kann ich nur aus einer sehr privilegierten Sichtweise sagen: aus der einer weißen cis Frau mit Migrationsdefizit. Ich denke, dass es aber insbesondere für Menschen wie mich, die in ihrem Alltag selten oder nie Repressalien ausgesetzt sind, nur weil sie sind wie oder wer sie sind, wichtig ist, denen zuzuhören und Raum zu geben, die dieses Glück nicht haben. Dies gilt für den Alltag, wo wir uns öfter mit Menschen umgeben sollten, deren Erfahrungen ganz anders als unsere sind. Es gilt auch für unser professionelles Umfeld. Und Reyhan Şahin zeigt auf, warum es gerade im Zusammenhang mit feministischen Themen noch viel zu selten der Fall ist, dass wir ihnen zuhören und Raum geben.

Ich musste sehr oft den Kopf schütteln vor Unglaube. Nicht Unglaube, dass bestimmte Dinge nicht so vorgefallen sind, wie Şahin sie beschreibt. Sondern Unglaube darüber, dass es für manche Menschen in Ordnung geht, sich so zu verhalten. Besonders oft musste ich den Kopf schütteln im Abschnitt über die „Fuckademia“ in deren Betrieb ich ja ebenfalls drinstecke, wenn auch als Studentin. Denn, wie auch Şahin, dachte ich immer, dass Universitäten zu den offensten Orten zählen und entsprechend auch mit Menschen umgehen, die eben nicht weiß, cis und abled sind. Aus Student*innen-Sicht und im Umgang mit anderen Student*innen mag das vielleicht auch noch der Fall sein (auch hier wieder ine sehr privilegierte Sichtweise). Aber Şahins Beschreibungen ihrer Erlebnisse, die sicherlich nicht nur für sie gelten, zeigen, dass Universitäten eben nicht so offen sind, wie sich selbst gerne darstellen.

Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt: Feminismus und Rap, Feminismus und muslimisches Kopftuch und Feminismus und akademische Welt, von Şahin „Fuckademia“ genannt. Besonders in ersterem und letzterem Part fand ich, dass sich wieder einmal zeigt, dass Männer gerne für Dinge gefeiert werden, die bei Frauen und weiblich gelesenen Personen als vulgär und unangemessen angesehen werden.

Teilweise ziemlich witzig war für mich, wenn quasi die Rapperin durchkommt, in einem Absatz oder Kapitel, der sonst eher mit der Stimme der Wissenschaftlerin (also kaum Umgangssprache, keine „Schimpfwörter“, etc.) geschrieben ist.
Das ist auch mein einziger Kritikpunkt an Yalla, Feminismus!: gerade die wissenschaftlichen Absätze fand ich teilweise schwer zu lesen. Da musste ich oft zwei- oder dreimal drüber gehen, um sie zu verstehen.

Fazit

Ein wichtiges Buch, das jeder gelesen haben sollte. Es gibt jenen eine Stimme, die in feministischen Debatten viel zu selten gehört wurden und werden und die auch in Zukunft viel öfter gehört werden müssen. Besonders interessant war für mich die Aufklärung über das muslimische Kopftuch, das, sind wir einmal ehrlich, viel zu oft instrumentalisiert wird, ohne dass jene, die es tragen, sich an der Diskussion beteiligen können.

[Yalla] soll hier auch dafür stehen, Dinge ironisch zu hinterfragen, nicht alle Feminismus-Labels für bare Münze zu nehmen und sich mal zu trauen, Dinge kritisch anzusprechen, die einen stören. Damit sich die Diskussionen weiterentwickeln, Lücken geschlossen werden und Unsichtbares sichtbar gemacht werden kann.

Reyhan Şahin (S. 31)

Über Reyhan Şahin:
Şahin wurde 1980 in Bremen geboren. Sie begann im Alter von 12 Jahren zu rappen und wurde als Lady Bitch Ray bekannt.
Sie schloss ihre Schullaufbahn mit dem Abitur ab und studierte Linguistik und Germanistik in Bremen. Sie machte ihre Magisterarbeit und promovierte 2012 über Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland. Dafür erstellte sie auch die erste empirische Studie zum muslimischen Kopftuch und der Bedeutung desselben. Sie forscht mittlerweile zu Rechtspopulismus, Islam und Gender, während sie an ihrer Habitilation arbeitet.
Außerdem schreibt sie Artikel für unterschiedliche Zeitungen.
Einmal abgesehen von ihren wissenschaftlichen Arbeiten, ist Yalla, Feminismus! ihr zweites Buch nach Bitchsm, erschienen 2012.
Quellen: Wikipedia & Info im Buch

WERBUNG

Klappenbroschur: ISBN 978-3-608-50427-9 | 20,00€
E-Book: ISBN 978-3-608-19197-4 | 15,99€
316 Seiten | erschienen 2019

Verlagswebseite zum Buch

Website der Autorin

Bildquellen
Autorin: lit.Ruhr (© Carlos Fernandez Laser)
Cover: Klett-Cotta